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Jeder Fünfte leidet unter zu viel Lärm

Hupende Autos, vorbeifahrende Züge und Flugzeuge beim Start: In der Schweiz sind vor allem die Städter einer zu hohen Lärmbelastung ausgesetzt. Doch punkto Strassenlärm bestehen viele Irrtümer.

Belastung durch den Strassenverkehr in der Schweiz tagsüber (6 - 22 Uhr)
Belastung durch den Strassenverkehr in der Schweiz tagsüber (6 - 22 Uhr)
Bafu
Belastung durch den Schienenverkehr in der Schweiz tagsüber (6 - 22 Uhr)
Belastung durch den Schienenverkehr in der Schweiz tagsüber (6 - 22 Uhr)
Bafu
Für die Beurteilung werden entlang jedes Gebäudes so genannte Fassadenpunkte verteilt. Als resultierende Lärmbelastung am Gebäude wird der Fassadenpunkt mit dem höchsten immissionswert pro Gebäude verwendet.
Für die Beurteilung werden entlang jedes Gebäudes so genannte Fassadenpunkte verteilt. Als resultierende Lärmbelastung am Gebäude wird der Fassadenpunkt mit dem höchsten immissionswert pro Gebäude verwendet.
Bafu
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Jede fünfte Person in der Schweiz ist übermässigem Strassenlärm ausgesetzt. Am grössten ist die Lärmbelastung in den Städten, wie neue Zahlen des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) zeigen. Hier leidet jede dritte Person Tag und Nacht unter lautem Verkehrslärm.

In den Agglomerationen ist es am Tag noch jede sechste Person, in der Nacht jede siebte. Im ländlichen Raum ist die Lärmbelastung halb so hoch. Von Eisenbahn- und Fluglärm sind deutlich weniger Personen betroffen als von Strassenlärm.

Mit Blick auf den morgigen Tag gegen Lärm informierte das Bafu auch über die Folgen der Lärmbelastung. «Lärm versetzt den Körper in ständige Alarmbereitschaft», sagte Urs Walker, Leiter der Abteilung Lärm beim Bafu, vor den Medien in Bern. Das könne zum Beispiel zu Schlaf- und Herz-Kreislauf-Störungen führen. Bei Kindern könne die kognitive Entwicklung beeinträchtigt werden.

Um die Bevölkerung vor Strassenlärm zu schützen, wurde zwischen 2008 und 2011 bereits 250 Millionen Franken eingesetzt. 37'000 Schallschutzfenster wurden eingebaut. 25'000 Menschen sind nun, etwa dank Schallschutzwänden oder Fahrbahnüberdeckungen, besser geschützt.

Lärm an Quelle verhindern

Diese Massnahmen nützten zwar gegen Lärm, könnten aber nicht überall errichtet werden, sagte Sophie Hoehn, Leiterin der Sektion Strassenlärm beim Bafu. In Zukunft müsse man darum vermehrt versuchen, den Lärm bereits an der Quelle zu verhindern.

Mit besonderen Strassenbelägen etwa könne der Lärm um bis zu 9 Dezibel vermindert werden. Das habe denselben Effekt wie wenn nur noch ein Achtel des Verkehrs unterwegs wäre. Die Wirkung des Strassenbelags nehme aber über die Jahre ab.

Eine andere Möglichkeit seien Temporeduktionen. Bei Tempo 30 zum Beispiel seien die Lärmemissionen um zwei bis drei Dezibel tiefer als bei Tempo 50. Das entspreche in etwa der Halbierung der Verkehrsmenge. Hauptproblem bei dieser günstigen und schnell umsetzbaren Massnahme sei die Akzeptanz der Autofahrer.

Als weitere Massnahme «an der Quelle» nennt Hoehn lärmarme Reifen. Denn ab einer Fahrgeschwindigkeit von 35 Stundenkilometern sei das Reifen-Fahrbahn-Geräusch die dominanteste Lärmquelle eines Autos. Mit einer Kampagne sollen Autofahrer derzeit dazu motiviert werden, freiwillig auf leisere Reifen umzusteigen. Lärmarme Reifen seien ebenso sicher, betonte Hoehn.

Lärmbelastung wird weiter zunehmen

Für die Jahre 2012 bis 2015 sollen weitere 600 Millionen Franken in Massnahmen gegen Strassenlärm investiert werden. Trotzdem rechnet Urs Walker vom Bafu nicht mit einer Verbesserung: «Die Lärmproblematik dürfte sich in Zukunft tendenziell verschärfen.»

Dafür werden im Bericht des Bafu mehrere Gründe genannt. Die Bevölkerung werde in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen, heisst es. Bis 2030 werde der Personenverkehr auf den Strassen um weitere 15 bis 29 Prozent zunehmen. Auch werde der Gütertransport auf den Strassen stark anwachsen.

Mehrere Irrtümer

Beim Thema Strassenlärm bestehen mehrere grosse Irrtümer, teilten Umwelt- und Gesundheitsorganisationen sowie die Eidgenössische Kommission für Lärmbekämpfung mit. Die Behauptung etwa, moderne Autos seien leiser, betreffe nur den Innenraum. Bei den äusseren Emissionen gebe es hingegen kaum Fortschritte. Die EU habe die Lärmgrenzwerte seit 1995 nicht angepasst.

Das Elektroauto bringt gemäss den Organisationen keine Abhilfe. Dieses sei nur langsam fahrend leise, bei höheren Geschwindigkeiten dominierten die Rollgeräusche und damit seien diese Fahrzeuge gleich laut wie herkömmliche.

Gute Fenster und Schutzwände können nur ein Ersatz sein, denn sie ändern nichts an den Lärmquellen. An Strassenlärm kann sich der Mensch nicht gewöhnen, denn störende Geräusche versetzen den Menschen immer in Alarmzustand. Und weil körperliche Reaktionen unbewusst ablaufen, wird nicht nur krank, wer sich am Lärm stört.

Als weitere Irrtümer zählen die Organisatoren auf, dass die Reifen nichts zur Lärmreduktion beitragen, Motorräder immer laut sind und Tempo 30 nichts gegen den Lärm bringt.

Strassenbeläge und Tempo-30-Zonen

Die Kommission für Lärmbekämpfung erinnert daran, dass zwar die gesetzlichen Fristen für die Lärmsanierung der Autobahnen 2015 respektive der übrigen Strassen 2018 ablaufen.

Die Lärmbelastung werde aber an vielen Orten nicht nachlassen und weiterhin über dem gesetzlichen Grenzwert liegen. Die steigende Urbanisierung und die zunehmenden Ansprüche beim Individualverkehr auf der Strasse erforderten auch in Zukunft Anstrengungen.

Da Schutzmassnahmen künftig an ihre Grenzen stossen, müssen Bund, Kantone und Gemeinden als Strasseneigentümer gemäss der Kommission vermehrt an der Quelle ansetzen etwa mit Strassenbelägen oder mit Tempo-30-Zonen und anderen beruhigenden Massnahmen. Dazu seien Anreizsysteme nötig.

SDA/wid

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