«Der Drogenkonsum wird glorifiziert»

Urs Rohr von der städtischen Suchtpräventionsstelle erklärt, warum Zürich keine ehemaligen Süchtigen mehr an die Schulen schickt.

Umstrittene Glorifizierung: Die Hauptfigur Walter White (Bryan Cranston) wird in «Breaking Bad» mit Crystal Meth sehr reich. Foto: AMC Networks

Umstrittene Glorifizierung: Die Hauptfigur Walter White (Bryan Cranston) wird in «Breaking Bad» mit Crystal Meth sehr reich. Foto: AMC Networks

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Süchtige wissen doch am besten, was Sucht bedeutet. Dennoch verzichten Sie bei der Prävention in den Schulen darauf. Warum?
Wir sind davon abgekommen, und zwar aus drei Gründen. Zunächst war es für uns eine ethische Frage: Es besteht immer die Gefahr, dass solche Leute vorgeführt und wie in einer Freak-Show eingesetzt werden, bei der man sich an ihrem Leiden ergötzt. Das habe ich selber ein paarmal so erlebt, und davor wollen wir die Leute schützen. Zweitens zweifeln wir an der Wirkung der Abschreckung. Wir sind überzeugt, dass die kranken Bilder auf den Zigarettenpackungen wenig nützen. Das dritte Argument betrifft die Schüler. Der Auftritt eines ehemaligen Fixers, der seine vernarbten Beine vorzeigt, löst keine Auseinandersetzung aus, sondern Distanz. Für die Schüler ist so etwas weit weg.

Also nur ein kurzes, folgenloses Erschrecken.
Ja. Oder aber eine heimliche Faszination für das wilde, kriminelle Leben eines Süchtigen. Denken Sie an das berühmte Totenkopfplakat, mit dem Zürich in den Siebzigern vor Drogen warnte. Man weiss heute, dass viele Jugendliche darob eine morbide Faszination entwickelten und Lust bekamen, das Zeug zu probieren.

Deutschland schickt auch Polizisten an die Schulen, um Schüler aufzuklären.
Das machen wir in der Schweiz seit Jahren nicht mehr. Das bringt nun wirklich nichts. Wir ziehen eine lebensnahe Prävention vor. In der Oberstufe zum Beispiel geht es um Nikotin, Alkohol und Cannabis. Abstinenz wäre gut, aber nicht für alle Personen und Substanzen realistisch, deshalb setzen wir auf Kompetenz. Mit Sek-Schülern muss man nicht über Kokain und Opiate reden.

Günstiges Crystal Meth aus tschechischen und polnischen Labors flutet Deutschland. Und das Fernsehen zeigte «Breaking Bad» mit einem Meth-Produzenten in der Hauptrolle.
Ich glaube, dass damit der Konsum glorifiziert wird, gerade weil die Serie ästhetisch, schauspielerisch und dramaturgisch dermassen gut gemacht ist. Was das Crystal Meth angeht, war ich im Herbst bei Kollegen in Dresden, dort ist diese Droge zum Alltag geworden. 70 Prozent ihrer Arbeit haben mit Crystal Meth zu tun. Die Schweiz ist glücklicherweise kaum tangiert. Wir sind ein Luxusland auch im Drogenkonsum. Die Konsumenten ziehen Kokain vor, das ist zwar teurer, aber weniger gefährlich. Crystal Meth gilt als Verliererdroge.

Wollen denn ehemalige Süchtige überhaupt über ihre Erfahrungen reden?
Wir bekommen immer wieder Anfragen und müssen den Leuten dann erklären, warum wir das nicht zielführend finden, sondern eher sogar kontraproduktiv. Vor zwei Jahren schickten wir einen ehemaligen Fixer durch die Schulen. Er führte ein Einmann-Theater auf, das eine Drogengeschichte erzählte. Nur mussten wir ihn eng begleiten, weil wir befürchteten, dass er die Kontrolle über sich selber verlieren könnte.

Wie ist das zu verstehen?
Süchtige bleiben oft labile Menschen, auch wenn sie mit den Drogen aufgehört haben. Das führt dazu, dass sie etwa rechtsextreme Tendenzen entwickeln oder von den Jesus-Erscheinungen erzählen, die sie erlebt hätten. Das kann es ja auch nicht sein. Und es schafft für uns einen Mehraufwand, der in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Eine christliche Sekte in der Westschweiz vermittelt ehemalige Fixer, die dann von Jesus reden als ihrem Ersatz für Heroin. Die Konvertitengeschichte. Es gibt keine radikaleren Drogengegner als ehemalige Drogensüchtige. Für jede Droge gilt, dass 3 bis 8 Prozent ihrer Konsumenten nicht damit umgehen können. Deswegen alle anderen zu kriminalisieren, finden wir völlig überholt. Aber drogenpolitisch gesehen sind wir in manchem noch nicht in der Neuzeit angekommen.

Erstellt: 11.05.2016, 18:57 Uhr

Der 52-jährige Rausch- und Risikopädagoge Urs Rohr arbeitet seit 1999 bei der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich, seit 2010 leitet er den Bereich «Familie und Freizeit». Der studierte Geograf und Ethnologe wohnt in Zürich; er hat eine volljährige Tochter.

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