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Judentum ohne Holocaust?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur jüdischen Gesellschaft, die man durchaus stellen darf.

Sich hypothetisch über die Geschichte Gedanken zu machen, heisst, sie nicht als unausweichliches Schicksal zu betrachten: Eine Frau gedenkt mit Blumen an einem Güterwagen dem 74. Jahrestag der Deportation griechischer Juden in Thessaloniki (19. März 2017). Foto: Giannis Papanikos (Keystone
Sich hypothetisch über die Geschichte Gedanken zu machen, heisst, sie nicht als unausweichliches Schicksal zu betrachten: Eine Frau gedenkt mit Blumen an einem Güterwagen dem 74. Jahrestag der Deportation griechischer Juden in Thessaloniki (19. März 2017). Foto: Giannis Papanikos (Keystone

Wo stünde die jüdische Gesellschaft bzw. das Judentum heute ohne den Holocaust? Es sind ja viele Künstler (Schriftsteller, Musiker, Maler usw.) noch vor dem Schlimmsten geflohen, viele nach Amerika. Und Tausende mit hoher Bildung, auch viele talentierte Jugendliche, endeten in den Konzentrationslagern. Oder darf man eine solche Frage nicht stellen, da sie ja schwerlich zu beantworten ist?A. W.

Lieber Herr W.Eines möchte ich vorweg betonen. In den Konzentrationslagern wurden nicht nur begabte, gebildete, musisch veranlagte und talentierte Menschen ermordet, sondern auch unbegabte, ungebildete und unsympathische. Der Holocaust war also nicht eine besonders unangenehme Form jüdischen Braindrains, sondern ein alle Unterschiede verwischender Massenmord. Die Frage, wo «das Judentum» heute stünde, wenn es die Schoah nicht gegeben hätte, kann man durchaus stellen, genauso wie die Frage, was geschehen wäre und wie die Welt heute aussähe, hätte Deutschland den Krieg gewonnen – so wie es Robert Harris mit seinem Roman «Fatherland» getan hat und wie es die Serie «The Man in the High Castle» zeigt.

Also: Ohne Holocaust lebte ein bedeutender Anteil der jüdischen Gesamtbevölkerung immer noch in Europa und Russland (wie vor dem Zweiten Weltkrieg). Darunter wiederum Begabte und Unbegabte, Freundliche und Unfreundliche, Intelligente und Dumme. Zum kollektiven jüdischen Bewusstsein gehörte zwar auch weiterhin die Erinnerung an religiösen wie staatlichen Antisemitismus und leider wohl auch die Erfahrung desselben, aber eben nicht das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören (und zugeordnet gewesen zu sein), die ausgerottet hätte werden sollen.

Obszön wird es, wenn man der Shoa einen historischen «Sinn» verleiht.

Theodor Herzls Projekt einer «Heimstatt der Juden» in Palästina wäre vielleicht nicht schon 1948 in die Gründung des Staates Israel gemündet, und die Bedeutung Israels für die Juden in Israel und in der Diaspora wäre vermutlich eine andere. Der Holocaust hat nicht nur den Juden, sondern der ganzen Welt vorgeführt, wie der «historische» Antisemitismus, der sich immer wieder in allgemeinen Theorien über die Juden und in lokalen Diskriminierungen und Pogromen ausgedrückt hatte, sich zu einer bisher nicht da gewesenen, in jeder Hinsicht Grenzen überschreitenden unentwirrbaren Mischung von antisemitischer Ideologie und eliminatorischer Praxis entwickeln konnte.

Ist die Schoah aus der Geschichte wegzudenken? Ja. Es ist durchaus nicht frivol, das zu tun. Obszön wird es eher, wenn man ihr einen historischen «Sinn» verleiht, etwa als Teil einer Identitätsstiftung oder als stete Mahnung. Sich hypothetisch über die Geschichte Gedanken zu machen, heisst keineswegs, sie (hypothetisch) zu leugnen, sondern sie nicht als unausweichliches Schicksal zu betrachten.

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