Jungs sind halt so

#MeToo für Eltern: wie man Söhnen Respekt vor Frauen beibringt und wie es Kinder beeinflusst, wenn sie immerzu daran erinnert werden, zu welchem Geschlecht sie gehören.

Kampf gegen Sexismus – am besten, indem man das Stereotype nicht thematisiert. Foto: RooM the Agency (Alamy)

Kampf gegen Sexismus – am besten, indem man das Stereotype nicht thematisiert. Foto: RooM the Agency (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Neulich mit der sechsjährigen Tochter zu Besuch bei einer befreundeten Familie. Der Sohn des Hauses scheucht seine Mutter durch die Küche, verzichtet auf «bitte» und «danke» und zerrt sein widerstrebendes Klassen-Gspänli ins Zimmer, um mit Lego-Bauten anzugeben. Die Mutter zuckt nur mit den Schultern: «Wenn ein Mädchen da ist, will er Eindruck schinden.» Jungen sind eben so?

In den vergangenen Wochen wurde unter dem Hashtag #MeToo über Sexismus und sexuelle Belästigung diskutiert. Es ging dabei um obszöne Witze und Vergewaltigung, um Machtverhältnisse und Rollenklischees und um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die sich ja nicht nur als Kolleginnen und Kollegen gegenüberstehen, sondern auch als Freundinnen und Freunde, als Partnerinnen und Partner – und nicht zuletzt als Eltern von Jungen und Mädchen.

Wir sind weit gekommen mit der Gleichberechtigung, denken wir und schauen auf Männer, die Kinderwagen schieben. Gleichzeitig kaufen wir dem Einjährigen keinen Puppen-Buggy, weil es die nur mit rosa Schmetterlingen gibt. Um beim Laufenlernen nicht umzukippen, schiebt er nun einen Plastikrasenmäher über den Gehweg. So wird auch die nächste Männergeneration zu einer Generation von Sexisten.

So ein Schwachsinn, denken jetzt bestimmt einige. Was hat denn Spielzeug damit zu tun, ob jemand später Frauen respektiert? Es wäre schön, könnte man hier hinschreiben: gar nichts, keine Sorge. Die Forschung legt leider etwas anderes nahe. Männliche Jugendliche werden umso eher übergriffig, je stereotyper ihre Rollenbilder sind, das konnten zum Beispiel die Psychologinnen Jennifer Jewell und Christia Brown nachweisen. Einfach ausgedrückt: Wer als Kind lernt, dass Mädchen mit Puppen spielen und viel weinen, wohingegen Jungs sich ständig prügeln und Autos mögen – der klopft später eher sexistische Sprüche und begrapscht Frauen.

Geschlecht nicht thematisieren

Eltern, die das vermeiden wollen, müssen in der Erziehung drei Dinge beachten: Rollenklischees vermeiden, Frauen wertschätzen, Grenzen respektieren. Klingt alles selbstverständlich? In der Welt, in der wir leben, ist es leider ganz schön schwierig. Noch nie war das Warenangebot für Kinder so rigide in weiblich und männlich aufgeteilt wie heute.

Sind doch nur Farben, lautet das Gegenargument. Oder: Mädchen und Jungen sind nun mal unterschiedlich. Beides ist richtig. Neurowissenschaftlerin Lise Eliot hat für ihr Buch «Pink Brain, Blue Brain» zahlreiche Studien zum Thema ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Ja, es gibt schon bei der Geburt kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern – zum Beispiel, dass Jungen ein grösseres Bewegungsbedürfnis haben. Danach sind es aber Umwelt und Erziehung, die die Differenzen immer weiter verstärken. Was ausserdem oft übersehen wird, ist, dass sich Jungen untereinander und Mädchen untereinander viel stärker unterscheiden als die beiden Gruppen voneinander.

Generell beugt man Sexismus vor, indem man das Geschlecht möglichst wenig thematisiert. Eine Falle, in die gerade Eltern gerne tappen, die alles richtig machen wollen. Vor lauter Bewusstsein für Genderfallen loben sie Jungen, die Perlenketten basteln, ganz besonders und vermitteln dadurch versehentlich, dass es etwas Ungewöhnliches ist. Besser, man tut so, als wäre nichts.

Was Eltern sagen, hat eine Wirkung auf Kinder. Viel grösser ist aber der Effekt von dem, was sie vorleben. In puncto Rollenklischees bedeutet das, dass Eltern ihren Kindern hundertmal erzählen können, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Wenn zu Hause immer nur Frauen die Hausarbeit machen und der Mann nicht einmal seine Kaffeetasse in die Spülmaschine stellt, werden sie andere Schlüsse ziehen.

Heisst das nun, dass jede Mutter das WLAN einstellen muss, nur um zu zeigen, dass Frauen alles können? Jein. Für das Rollenverständnis ihrer Söhne ist das sicher günstig. Doch keine Familie muss aus Prinzip die eigene Arbeitsteilung über den Haufen werfen. Sexistisch wird es erst, wenn man die Aufgaben unterschiedlich bewertet. Leider passiert genau das häufig. Laut einer OECD-Studie von 2017 erledigen Frauen zwei Drittel aller Tätigkeiten rund um Haushalt, Kindererziehung und Pflege. Manchmal werden sie dafür schlecht bezahlt. Noch öfter gar nicht.

Es erscheint aber vielen Menschen als gerecht, dass Programmierer mehr verdienen als Hebammen. Diese unterschiedliche Bewertung von Tätigkeiten zeigt sich schon in der Kindheit. Studien zufolge müssen Töchter wesentlich mehr im Haushalt mithelfen als Söhne, zudem bekommen Jungen häufiger Geld für das, was sie tun. Für den Abwasch gibt es nichts, fürs Rasenmähen fünf Franken.

Kein Kind muss die Oma küssen

Wer verhindern will, dass Kinder später mal Täter werden oder als Opfer glauben, selbst schuld zu sein, muss ihnen aber vor allem das Recht auf körperliche Selbstbestimmung vermitteln. Schon kleinste Kinder sollen bestimmen dürfen, wer sie wann wo anfasst. Auch Eltern sollten bei Berührungen sichergehen, dass das Kind das gerade möchte, und – noch wichtiger – ein etwaiges Nein akzeptieren. Sicher gibt es Ausnahmen: Kleinkinder müssen gewaschen und gewickelt werden, gelegentlich auch dann, wenn sie nicht möchten. Doch das soll genau das bleiben: eine Ausnahme.

«Teaching Consent», wie dieses Konzept im Englischen heisst, beinhaltet zudem, dass man Kinder nicht dazu zwingt, Verwandte zum Abschied zu umarmen oder zu küssen. Und es bedeutet, es nicht mit «Der mag dich halt» zu entschuldigen, wenn ein Junge ein Mädchen an den Haaren zieht oder sonst wie plagt. Denn welches Bild vermitteln wir den Kindern hier? Den Jungs, dass Grenzüberschreitungen in Ordnung sind. Und den Mädchen, dass sie Übergriffe tolerieren müssen, weil sie nett gemeint sind. Es sind genau diese Punkte, mit denen sich Erwachsene in der #MeToo-Debatte herumschlagen: Männer, die glauben, sie dürfen. Frauen, die glauben, sie müssen es aushalten. Wer will, dass das aufhört, muss bei sich selbst anfangen – und bei seinen Kindern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2017, 23:25 Uhr

Artikel zum Thema

Sexismus-Eklat beim neuen Tennisturnier

Schon bevor das Turnier der besten U-21-Spieler der Saison beginnt, kommt es bei der Auslosung in Mailand zu heftigen Reaktionen. Mehr...

Ist Sexismus eine Altersfrage?

Michèle & Wäis Donald Trump, Harvey Weinstein, Woody Allen ... warum oft ältere Männer sexueller Übergriffe bezichtigt werden. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Künstliche Intelligenz: Der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov wird an der «Hannover Messe» vom Tischtennisroboter «Forpheus» gefordert. (22. April 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...