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Kalte Füsse

Ein Ehepaar unterhält sich im Ehebett über die Einsamkeit.

Margrit und Ernst im Ehebett.

Margrit: Gut Nacht.

Ernst: Gute Nacht.

Margrit: Komm mir nicht zu nah mit deinen kalten Füssen.

Ernst: Ist gut . . .

Margrit: Was zappelst du denn so?

Ernst: Ich zapple nicht, ich denke nur nach.

Margrit: Was denkst denn du so angestrengt?

Ernst: Ich denk . . . Ich denk an England.

Margrit: So weit denkst du?

Ernst: Ja. Dort haben die ein Ministerium gegründet, für Einsamkeit.

Margrit: Was?

Ernst: Doch sicher, mit einer Einsamkeitsministerin.

Margrit: Soso.

Ernst: Ja, weil Einsamkeit mache krank. Bluthochdruck, Depression, Demenz, und früher sterben tue man auch.

Margrit: So ein Blödsinn.

Ernst: Doch, Forscher aus Amerika haben rausgefunden, dass Einsamkeit genauso schädlich sei wie Rauchen oder Übergewicht.

Margrit: So.

Ernst: In der Schweiz fühlt sich auch jeder Dritte einsam. Junge und Alte. Es sei wie eine versteckte Epidemie. Immer öfter passiert es, dass einer stirbt, und es dauert Monate, bis ein Mensch den Toten vermisst.

Margrit: Ich find dich schon, wenn du ein Toter bist, Ernst, und jetzt schlaf.

Ernst: Ich muss aber an all die Leut denken, wo jetzt irgendwo einsam sitzen.

Margrit: Heutzutage kann man im Internet mit der ganzen Welt plaudern. Und dann gibt es etliche Vereine, wo man sich engagieren kann, und Liebesbörsen, wo man einen Lebenspartner treffen kann. So schlimm wirds nicht sein.

Ernst: Man kann auch in der Partnerschaft einsam sein.

Margrit: Was willst jetzt damit sagen?

Ernst: Nichts.

Margrit: Ich bin doch hier, neben dir.

Ernst: Ja, schon.

Margrit: Eben, also schlaf jetzt, Ernst.

Ernst: Ich denk nur, woran das liegt, dass wir so einsam sind.

Margrit: Wir sind nicht einsam.

Ernst: Schon, aber ich frage mich, warum ausgerechnet in England jetzt dieses Ministerium gegründet wird. Obs was mit dem Brexit zu tun hat?

Margrit: Nein, Ernst, das liegt nicht an der Politik, dass die Leut allein rumsitzen.

Ernst: Woran denn?

Margrit: Das liegt daran, dass alle nur noch an sich denken, Ernst. Keiner denkt mehr an die Gemeinschaft, an die Familie. Alle wollen nur noch ihre eigenen Ziele verwirklichen, all diese Individualisten. In dieser modernen Welt, wo eine Beziehung gar nichts mehr wert ist und sofort beendet wird, wenns kompliziert wird. Daran liegt es.

Ernst: Aber auch die Nationen denken alle nur noch an sich, Margrit. Keiner denkt mehr an die Gemeinschaft, an die Union. Alle wollen nur noch ihre eigenen Ziele verwirklichen, all diese Nationalisten. In dieser modernen Welt, wo bilaterale Verträge gar nichts mehr wert sind und sofort beendet werden, wenns kompliziert wird. Daran liegt es.

Margrit: Die Menschen sind einsam, weil Familienbande auseinanderbrechen, nicht, weil Staatenbunde auseinanderbrechen. Jetzt schlaf doch endlich.

Ernst: Aber warum bricht alles zeitgleich auseinander, Margrit? Das kann kein Zufall sein. Warum bleiben die Menschen und Nationen nicht mehr beisammen?

Margrit: Dass du jetzt um diese Uhrzeit noch so rumdenken musst, Ernst.

Ernst: Ist ja gut . . .

Margrit: Gut Nacht.

Ernst: Gute Nacht.Margrit: Ach, Ernst . . . Jetzt kann auch ich nicht mehr schlafen.

Ernst: Du, die Ministerin hat gesagt, man könne sich von der Einsamkeit erholen und genesen, wenn man vertrauensvolle Beziehungen aufbaue.

Margrit: Ah ja?

Ernst: Ja.

Margrit: Mmh.

Ernst: Gut Nacht.

Margrit: Du Ernst.

Ernst: Ja?

Margrit: Komm, gib sie mir rüber, deine kalten Füsse.

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