Kann ich ein stolzer Schweizer sein?

Über die persönliche Bedeutung einer «Nicht-Leistung».

Was macht man mit einem «gesunden Nationalstolz»? Kann man überhaupt stolz sein auf eine Staatsbürgerschaft? <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Was macht man mit einem «gesunden Nationalstolz»? Kann man überhaupt stolz sein auf eine Staatsbürgerschaft? Foto: Keystone

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Kann man auf etwas stolz sein, für das man keine eigene Leistung erbracht hat? Ich kann z. B. stolz auf meinen beruflichen Erfolg, auf meine Familie, auf eine sportliche oder intellektuelle Leistung sein. Aber kann ich ein stolzer Schweizer sein? Das bin ich, einfach weil meine Eltern am richtigen Flecken dieser Welt lebten. Mein Beitrag dazu: null. Wieso sollte ich auf diese «Nicht-Leistung» stolz sein?
M. P.

Lieber Herr P.

Also, ICH habe mich aus freiem Willen dieser unserer Schweizer Willensnation angeschlossen und wäre somit ein guter Kandidat für (nach Ihrer Definition gerechtfertigten) Schweizerstolz. Ich nehme aber an, wir fänden das beide eher seltsam.

Ich halte meinen Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft immer noch für eine coole Sache, aber dass ich überhaupt auf eine (irgendeine) Staatsbürgerschaft STOLZ sein könnte, ist mir so fremd wie der Gedanke, dass irgendwer einen «gesunden Nationalstolz» haben sollte. Wozu? Was macht man mit dem? Stolz wäre ich auf den Nobelpreis, die Mitgliedschaft in der Royal Society, ein Ehrengrab der Stadt Zürich (Hallo, Friedhofsamt!), einen Doktor h.c. von Princeton, ein lebenslanges Ehren-Erst-Klass-GA der SBB – so etwas in dieser Preisklasse.

Mein Stolz darauf bestünde dann aber nicht vor allem im Stolz auf die jeweilige Leistung, mit der ich mir das verdient hätte, sondern vor allem aus dem Glücksgefühl angesichts der unerwarteten Ehre. Ich glaube, Ihre Definition des Stolzes als etwas, was man nur angesichts einer eigenen besonderen Leistung haben kann, ist zwar nicht ganz falsch, aber sehr unzu­reichend.

Leistung und Stolz vermischen sich zu einer Art Zufriedenheit.

Erstens: Wenn ich meine Leistungen durchgehe, auf die ich stolz bin, fallen mir zwar durchaus ein paar ein; zugleich aber zerbröselt bei diesen Gedanken sowohl der Begriff der «Leistung» als auch der des «Stolzes». Beides vermischt sich zu einer gewissen Art von Zufriedenheit, manche Sachen im Leben nicht so schlecht hingekriegt zu haben und bei vielem Schwein gehabt zu haben. Das klingt bescheiden, ist es aber nicht, sondern nur realistisch. (Vielleicht wäre es ja anders, wenn ich als Erster die Doppelhelix-Struktur der DNA erkannt hätte. Habe ich aber nicht.)

Zweitens: Denken Sie an den Stolz der «Gay Pride». Der hat auch nichts mit sportlichen oder wissenschaftlichen Leistungen zu tun. Dieser Stolz ist auch nicht in erster Linie der Stolz auf etwas Erreichtes. Er war vielmehr der Motor einer Emanzipationsbewegung, in der juristische Diskriminierung und gesellschaftliche induzierte Scham in deren Gegenteil – eben Stolz – umgemünzt wurden.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 23.10.2019, 12:24 Uhr

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