Kein Sex, weil der Hund zuschaut

Wegen des Haustiers verzichten Menschen auf Ferien und Intimität. Eine Historikerin erklärt unsere seltsame Liebe zum Tier.

«Äh, was macht ihr da?»: Wenn Hunde reden könnten. Foto: iStock

«Äh, was macht ihr da?»: Wenn Hunde reden könnten. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geht die Liebe zu einem Hund oder einer Katze bei manchen Menschen zu weit? Mieke Roscher hält das für die falsche Frage. Die 44-jährige Historikerin lehrt an der Universität Kassel als bundesweit erste Professorin die Geschichte der Beziehungen zwischen Tieren und Menschen (Human-Animal Studies). Im Gespräch erklärt Roscher, warum die Liebe zum Tier als Beziehungsform einen eigenen Platz in der Gesellschaft finden sollte.

Die Beziehung der Menschen zu ihrem Haustier ist ja häufig sehr emotional, woher kommt das?
Wir haben nicht mehr die ökonomische Notwendigkeit, Haustiere zur Arbeit heranzuziehen. Emotional sein zu dürfen, wurde früher vor allem Frauen zugesprochen, bis Ende des 19. Jahrhunderts war es dem Adel, später dem Bürgertum vorbehalten. Heute ist es in der westlichen Kultur anerkannt, emotional zu sein – und damit auch zu Tieren.

Manche gehen kaum mehr aus, weil sie ihr Haustier nicht alleine lassen wollen.
Solange sich jemand dadurch nicht eingeschränkt fühlt, ist er es auch nicht. Wenn man sehr viel arbeitet, ist das ja auch eine Einschränkung. Dennoch empfindet mancher es als Erfüllung, und es macht ihm Spass. Ähnlich ist es in der Partnerschaft, wo man überlegt, wie viel Energie und Beziehungsarbeit man investieren soll. Oft steckt dahinter Egoismus – die Hoffnung, etwas zurückzubekommen.

Nicht selten werden Vierbeiner vermenschlicht – falsch verstandene Tierliebe?
Das Problem daran ist, dass Besitzer dabei gegen die Interessen und Bedürfnisse des Tieres handeln. Nur kann das Tier sich nicht ausdrücken und muss das oft über sich ergehen lassen. Um seine Bedürfnisse zu entziffern, braucht der Mensch also besonders viel Empathie. Den meisten Tierbesitzern ist das bewusst, aber sie halten sich nicht immer daran. Tatsächlich gehen sie zu oft von sich aus und glauben: «Was wir toll finden, muss das Tier auch toll finden.»

«Für den Hund ist nicht nachvollziehbar, warum er aufs Sofa, aber nicht ins Bett darf.»

Zum Beispiel?
Überfütterung – das ist total falsch verstandene Liebe, man würde ja auch keinen Menschen mästen. So etwas geht konsequent gegen die Interessen des Tieres. Natürlich essen Hunde gern Schokolade. Aber vor allem essen Hunde überhaupt gern. Wenn man ihre Bedürfnisse ernst nimmt, sollte man verstehen, dass ein Hund eben auch jagen und sich bewegen will. Das kann er nicht, wenn er zu fett ist.

Hundemenschen, Katzenmenschen: Woher kommt das Vorurteil, dass diese beiden Gruppen unvereinbare Gegensätze trennen?
Der Hund sucht menschliche Nähe, die Katze ist ein Einzelgänger. Während sie auch ohne Menschen zurechtkommt, sind Hunde allein kaum überlebensfähig. Das drückt sich im Sozialverhalten aus: Hunde bleiben beim Menschen, Katzen am Ort. Das macht wiederum etwas mit der Beziehung zum Menschen: Wer mit Katzen lebt, wird verstehen und zu schätzen wissen, dass die Tiere ihre Ruhe wollen. Dass ein Tier ständig Aufmerksamkeit einfordert, dabeisein will und einem hinterherläuft, damit kommen Hundebesitzer in der Regel besser klar. Jedenfalls sollten sie das.

Hunde im Bett – auch so ein Thema, das die Geister scheidet.
Das geht immer vom Hund aus. Der versteht nicht, warum andere darin liegen dürfen und er nicht. Für ihn ist auch nicht nachvollziehbar, warum er aufs Sofa, aber nicht ins Bett darf. Menschen argumentieren dagegen mit Tabus: eines hat mit Hygiene zu tun, das andere mit Moral. Doch im Laufe von 14'000 Jahren hat der Mensch eine gewisse Immunität gegen Krankheiten entwickelt, die von Tieren übertragen werden. Und die Unterscheidung zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre kam erst mit der Moderne, zuvor lebten und schliefen alle in einem Raum, auch die Tiere.

Warum können die meisten Menschen keinen Sex haben, wenn ihr Haustier im Zimmer ist?
Dass sich Menschen von einem Hund oder einer Katze beobachtet fühlen, liegt daran, dass sie das Tier als Individuum betrachten. Aus demselben Grund fällt es ihnen auch schwer, ihren Vierbeiner vor die Schlafzimmertür zu setzen und auszusperren.

«Überhaupt eine wichtige Eigenschaft bei allen Heimtieren: dass sie immer da sind und zu einem halten.»

Wofür lieben Menschen ihr Haustier?
Das hängt vom jeweiligen Tier und dem soziokulturellen Kontext ab. Bei Hunden ist es eindeutig die Treue, sie wurde schon in der Philosophie der Antike gerühmt. In der Romantik spielten grosse Hunde vor allem in der Literatur eine Rolle als Beziehungspartner. Im Dritten Reich war diese Bindung vom Soldaten-Ideal geprägt: absolute Kameradschaft bis in den Tod. Heute, in Zeiten des Wandels und der Unsicherheit, schätzen wir die Treue des Hundes als etwas, auf das man sich verlassen kann. Überhaupt eine wichtige Eigenschaft bei allen Heimtieren: dass sie immer da sind und zu einem halten.

Viele Tierbesitzer sagen, Tiere seien die besseren Menschen oder Freunde. Warum?
Wir sollten aufhören, immer den Vergleich zum Menschen zu ziehen und die Parameter endlich verschieben. Erst dann können wir die Beziehung zum Tier als eine eigene sehen, die eben mit Menschen so nicht funktioniert. Im Übrigen sollten wir nicht vergessen, dass unser Verhältnis zum Tier ambivalent ist – die einen streicheln wir, die anderen schlachten wir. Auch das ist eine Art von Beziehung.

Was haben Sie durch Ihre Forschung über die Liebe gelernt?
Dass es eine grosse Vielfalt an Beziehungen gibt, die eben auch Tiere einschliesst. Wir sollten genau hinschauen, was dahintersteckt, und die unterschiedlichen Nuancen betrachten. Das hilft übrigens auch in der Haltung gegenüber Menschen aus anderen Kulturen. Man fühlt sich nicht gleich vor den Kopf gestossen, wenn jemand seine Gefühle anders – oder gar nicht ausdrückt.

Was verstehen Sie unter wahrer Liebe?
Wir alle sehnen uns nach wahrer Liebe. Aus historischer Sicht ist sie in dieser Ausprägung aber ein eher neues Phänomen – ein heteronormatives Modell einer Gesellschaft, in der es ein bürgerlich-romantisches Ideal zu verwirklichen gilt. Jenseits dieser wissenschaftlichen Normen verstehe ich darunter bedingungsloses Vertrauen. Wenn man Vertrauen hat, ist es relativ egal, in welcher Beziehungsform das passiert.

Erstellt: 26.06.2018, 20:18 Uhr

Mieke Roscher

Die Juniorprofessorin für Sozial- und Kulturgeschichte erforscht die Konstellation Tier–Mensch–Gesellschaft. Foto: Uni Kassel

Artikel zum Thema

Martha ist der hässlichste Hund der Welt

Eine Rettungshündin aus Kalifornien ist für ihr unvorteilhaftes Äusseres ausgezeichnet worden. Dabei hat das erst dreijährige Tier ein hartes Leben. Mehr...

Frau musste ihren Hamster das Klo runterspülen

In den USA hatte eine 21-Jährige ihr Haustier mit an Bord eines Flugzeugs genommen. Zuvor hatte man ihr zweimal versichert, dies sei kein Problem. Mehr...

Ein schwuler Hase auf Platz 1 bei Amazon

Um den erzkonservativen US-Vizepräsidenten Mike Pence zu ärgern, hat der Late-Night-Komiker John Oliver ein Buch über dessen Haustier veröffentlicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...