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Kinder brauchen beide Eltern

Wenn geschiedene Eltern sich bei der Betreuung abwechseln, profitieren die Kinder. Politiker und Gerichte sollten das berücksichtigen.

MeinungMartin Widrig
Ob sich die alternierende Obhut durchsetzt, dürfte massgeblich davon abhängen, ob sie vor Gericht überhaupt eine Chance hat. Foto: Thomas Egli
Ob sich die alternierende Obhut durchsetzt, dürfte massgeblich davon abhängen, ob sie vor Gericht überhaupt eine Chance hat. Foto: Thomas Egli

2015 beauftragte das Parlament den Bundesrat, einen Bericht über die alternierende Obhut zu verfassen. Dieser liegt nun vor und kommt zum Schluss, dass die alternierende Obhut in vielen Fällen positiv sei, «aber nicht in allen». Der Staat solle zwar regelmässige Beziehungen zwischen Kindern und Eltern fördern, aber keine «starren Lebensmodelle» vorschreiben. Darum lehne er die alternierende Obhut als «Regelfall» ab.

Den Umstand, dass geschiedene Eltern sich die Betreuung ihrer Kinder teilen, mit Schlagwörtern zu assoziieren wie «starr» oder «Vorschrift von Lebensmodellen», ist irreführend und rückt das Anliegen unnötig in ein schlechtes Licht. Dies verkennt einerseits, dass Gerichte immer «starre Lebensmodelle» vorschreiben, wenn sich Eltern nicht einigen können. Andererseits kreiert es ein falsches Bild dessen, was tatsächlich gefordert wird: dass, wenn sich die Eltern nicht selber einigen können, jeder Elternteil die Kinder zu mindestens 30 Prozent betreut, wenn keine sachlichen Gründe dagegensprechen. Gesprochen wird von einer «widerlegbaren Vermutung zugunsten der alternierenden Obhut».

Zahlreiche Fachkräfte befürworten diese Lösung. Sie stützen sich auf eine breite empirische Grundlage, die nahelegt, dass Kinder von einer bedeutsamen Beziehung zu beiden Eltern profitieren. Gegenüber ihren Alternativen reduziere die Regelung Konflikte, Kosten und spare wertvolle Zeit, heisst es.

Dass der Bundesrat diese Lösung so entschieden ablehnt, ist umso erstaunlicher, als er sich dafür auf eine einzige Übersichtsarbeit stützt. Diese besagt, die alternierende Obhut könne Kinder belasten, erfordere anspruchsvolle Interaktionen sowie ein erhöhtes Einkommen der Eltern und mehr Krippenplätze. Aber sie erwähnt weder die Ergebnisse der 54 Studien, die das Wohlbefinden von Kindern in der alternierenden und der alleinigen Obhut vergleichen, noch einen der drei Konsensberichte, in welchen sich erfahrene Expertinnen gemeinsam zum Stand der Forschung äussern.

Zwei haben mehr Zeit für die Betreuung als ein alleinerziehender Elternteil.

In den 54 Studien zeigten die Kinder in der alternierenden Obhut – unabhängig vom elterlichen Einkommen oder von Konflikten – bessere akademische Leistungen, weniger Verhaltensauffälligkeiten und stressbedingte Krankheiten sowie eine bessere emotionale wie auch physische Gesundheit. Zudem hatten sie bessere Beziehungen zu ihren Eltern.

Heftige Konflikte, nicht aber Streitigkeiten vor Gericht waren für Kinder in beiden Betreuungsformen negativ. Die Vorteile der alternierenden Obhut blieben aber erhalten. Folglich sind diese Vorteile nicht auf eine «bessere Kooperation» zurückzuführen; bloss eine Minderheit der Eltern mit alternierender Obhut konnte gut kooperieren.Viele der Studien stammen aus den USA, wo das Krippenangebot schlechter ist als in der Schweiz. Ohnehin haben zwei Eltern mehr Zeit für die Betreuung als ein alleinerziehender Elternteil. Wenn sie sich also abwechseln, sollte das den Bedarf an Betreuung durch Dritte eher verringern als erhöhen.

Das Gesetz hat grossen Einfluss

Ob sich die alternierende Obhut durchsetzt, dürfte massgeblich davon abhängen, ob sie vor Gericht überhaupt eine Chance hat. Die Haltung der Gerichte und der Bevölkerung kann durch das Gesetz beeinflusst werden. In Spanien etwa wird die alternierende Obhut in Regionen, welche sie als bevorzugtes Modell anwenden, weitaus häufiger angeordnet als anderswo.

Auch in Ländern, in denen sich die alternierende Obhut nicht durchsetzt, ist ein Trend erkennbar, dass Eltern, die nur ein Besuchsrecht haben, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Bei diesem Thema hinken gerade manche Deutschschweizer Kantone hinterher.

Statt nur auf Konfliktvermeidung zu fokussieren, müssten ebenso Bedingungen dafür geschaffen werden, dass Kinder mit beiden Eltern eine Beziehung unterhalten können. Nur so werden wir dem Wunsch betroffener Kinder gerecht, mehr Zeit mit beiden Eltern zu verbringen. Das ist umso nachvollziehbarer, wenn man bedenkt, dass Väter ihre Kinder heutzutage vor einer Trennung zu gut 40 Prozent betreuen.

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