«Kinder müssen Sprachen auseinanderhalten können»

In der Schweiz wachsen immer mehr Kinder zweisprachig auf. Wie dieser Spagat gelingt und was er für Vor- und Nachteile hat.

Einige Kinder binden ihre Sprache an den Kontext: Zu Hause sprechen sie vielleicht Italienisch oder Polnisch, in der Schule Deutsch und Schweizerdeutsch. Bild: Keystone

Einige Kinder binden ihre Sprache an den Kontext: Zu Hause sprechen sie vielleicht Italienisch oder Polnisch, in der Schule Deutsch und Schweizerdeutsch. Bild: Keystone

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Frau Wermelinger, was bedeutet es für ein Kind, zweisprachig aufzuwachsen?
Heutzutage heisst das vor allem eins: dass die Kinder viele Vorteile haben. Zwei Sprachen sind in einer globalisierten Welt immer ein Plus.

Zahlreiche Forschungen belegen, dass Kinder, die zweisprachig aufgewachsen sind, schlauer sein sollen.
Ja. Früher gab es einen regelrechten Hype um kognitive Vorteile von Zweisprachigkeit. Es hiess, Kinder könnten besser planen, koordinieren und zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln – Qualitäten, die man später im Leben immer brauchen kann. Doch vor etwa zehn Jahren kam die Wende. Andere Forschergruppen fanden heraus, dass es kognitiv keinen Unterschied mache, wenn jemand mit oder ohne eine zweite Sprache aufwächst. Heute halten sich die beiden Schulen etwa die Waage.

Wie sieht es denn mit den Nachteilen aus, die zweisprachige Kinder haben sollen?
Was in der Forschung als bestätigt gilt, ist: Kinder, die zweisprachig aufwachsen, lernen meist etwas später zu sprechen, und es dauert länger, bis sie einen Wortschatz aufgebaut haben. Auch bleibt dieser im Durchschnitt kleiner als jener von Kindern, die nur mit einer Sprache aufwachsen.

Wieso ist das so?
Je mehr verschiedene Sprachen ein Kind hört, desto weniger hört es von einer Sprache. Das ist gerade in ganz jungen Jahren entscheidend, dann, wenn der Spracherwerb zum ersten Mal stattfindet. Selbstverständlich ist das nicht bei allen Kindern so. Ich spreche hier vom Durchschnitt.

In Ratgebern heisst es, ein Kind profitiere vor allem von einer Zweitsprache, wenn der Spracherwerb kindgerecht und nach gewissen Regeln erfolge. Was heisst das genau? Und wie macht man das im Alltag?
Am wichtigsten ist, dass die Kinder die zwei Sprachen unterscheiden können. Dabei hilft eine einfache Regel: Eine Person – eine Sprache. Eine bestimmte Sprache mit den dazugehörigen Regeln sollte an eine Person gebunden werden. Das hilft dem Kind, die Sprachen nicht zu vermischen, gerade, wenn es in zwei Sprachen ähnlich klingende Wörter gibt. Auch die Struktur beispielsweise kann sich stark unterscheiden. Werden die Sprachen und die dazugehörigen Strukturen klar getrennt, erleichtert das den Spracherwerb. Was auch hilft: wenn Kinder kontextgebunden zwischen zwei Sprachen hin- und herwechseln können. Zum Beispiel Schweizerdeutsch in der Kita, Italienisch zu Hause.

«Sprache ist immer auch etwas Emotionales, ein Ausdruck von sich selbst. Fehlt ein Teil der Sprache, geht auch ein Teil von Nähe verloren.»Stephanie Wermelinger, Entwicklungspsychologin

Es gibt auch das Phänomen des Semilingualismus, also dass das Kind weder die eine noch die andere Sprache, mit der es aufwächst, wirklich gut beherrscht. Wie kann das passieren?
Das hat viel mit der Akzeptanz der Sprache zu tun. Vor allem in den USA kommt dieses Phänomen häufig vor. Spanisch gilt bei vielen als «Einwanderersprache» – im negativen Sinne. Kinder von spanischsprachigen Eltern wollen die Sprache nicht lernen oder sprechen, weil sie sie als Nachteil empfinden. Sie werden so zu passiven Bilingualen. Sie verstehen die Sprache zwar, wollen sie aber nicht oder nicht mehr sprechen. Dieses Phänomen gibt es auch in der Schweiz. Studien zum Thema sind mir keine bekannt. Doch ich habe bereits Eltern kennen gelernt, die von ähnlichen Entwicklungen bei ihren Kindern berichten.

...und zu Hause hören Sie aber auch kein perfektes Englisch oder eben Deutsch.
Genau. Weil die Eltern die Sprache des neuen Landes noch nicht wie eine Muttersprache beherrschen. Das führt auch dazu, dass zwischen Eltern und Kindern eine Distanz entstehen kann. Denn so können Eltern ihren Kindern nicht mehr in der eigenen Muttersprache und mit vollem Wortschatz kommunizieren. Sprache ist immer auch etwas Emotionales, ein Ausdruck von sich selbst. Fehlt ein Teil der Sprache, geht auch ein Teil von Nähe verloren.

Sind zwei Sprachen für ein Kind also doch eine Belastung?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Zwei Sprachen sind immer ein Vorteil. Wenn die Kinder in die Schule kommen, wird ihr Deutsch automatisch besser. Da muss man sich keine Sorgen machen.

Stimmt es, dass ein Kind umso besser eine Zweitsprache lernt, je früher es damit beginnt?
Wir können eine Sprache tatsächlich nur bis zu einem gewissen Alter auf dem Niveau einer Muttersprache lernen, akzentfrei. Aber was genauso eine Rolle spielt, ist die Häufigkeit, mit der man die Sprache hört und anwendet. Es nützt wenig, wenn man ab und zu bei den Grosseltern etwas Französisch oder Kroatisch hört, mit den Eltern zu Hause aber immer nur Schweizerdeutsch spricht. Für Kinder ist es wichtig, möglichst oft und möglichst viel von einer Sprache zu hören.

«Zweisprachig aufwachsende Kinder haben kommunikative Vorteile. Sie sind besser dazu in der Lage, Missverständnisse aufzudecken und zu klären.» Stephanie Wermelinger, Entwicklungspsychologin

Gibt es eine Höchstzahl an Sprachen, mit denen man ein Kind konfrontieren darf?
Das kommt sehr auf das Kind an und natürlich auch auf die Eltern. Ich kenne Kinder, die vier Sprachen gleichwertig beherrschen, fliessend. Trotzdem gilt, wie vorher erwähnt: Je mehr Sprachen, desto weniger hört das Kind von einer. Deshalb ist es vor allem wichtig, einfühlsam zu sein und herauszufinden, mit was sich das Kind wohlfühlt. So oder so lernen die Kinder spätestens in der Schule mehrere Sprachen.

Viele binationale Ehen werden zwischen Schweizer Männern und deutschen Frauen geschlossen. Gibt es auch hier Auswirkungen der Sprachen – die sind sich ja in diesem Falle ziemlich ähnlich?
Ja, die gibt es. Das haben wir in einer unserer Forschungen herausgefunden. Dabei stellte sich heraus, dass zweisprachig aufwachsende Kinder kommunikative Vorteile haben. Sie sind besser dazu in der Lage, Missverständnisse aufzudecken und zu klären. Das, weil sie von klein auf damit konfrontiert waren, dass man sich wegen der unterschiedlichen Sprachen nicht immer richtig versteht. Das traf auch auf Kinder mit deutsch-schweizerdeutschen Eltern zu. Allerdings nehmen die Effekte ab, je geringer die Sprachdistanz ist, also je ähnlicher sich die Sprachen sind.

Das heisst aber, dass es doch positive Effekte von Zweisprachigkeit gibt. War das Ende des Hypes vor zehn Jahren also doch ungerechtfertigt?
Natürlich gibt es Vorteile. Aber nicht all die kognitiven, die jahrelang hervorgehoben wurden. Als wissenschaftlich erwiesen gelten heute zum Beispiel Vorteile im Bereich der Kommunikation oder der Kreativität. Und diese könnten je nach Sprachdistanz kleiner oder grösser sein. In diese Richtung geht unsere Forschung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 20:36 Uhr

Stephanie Wermelinger


Bild: UZH

Stephanie Wermelinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Entwicklungspsychologin forscht unter anderem zu Bilingualismus und kommunikativen Fähigkeiten. In ihrer letzten Studie hat sie zusammen mit Kollegen erforscht, inwiefern sich die kommunikativen Fähigkeiten von Kleinkindern, die zwei- oder einsprachig aufgewachsen sind, unterscheiden.

Hier gehts zur Studie.

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