«Kinder sind robuster, als man denkt»

Psychologin Jule Specht sagt, warum auf eine schwierige Kindheit kein unglückliches Leben folgen muss – und was dazu nötig ist.

Keine Angst: Wenn in der Kindheit etwas nicht ganz so gut funktioniert, heisst das nicht, dass es nun das ganze Leben so weitergeht. Foto: Getty Images

Keine Angst: Wenn in der Kindheit etwas nicht ganz so gut funktioniert, heisst das nicht, dass es nun das ganze Leben so weitergeht. Foto: Getty Images

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Wie wichtig ist die Kindheit für das spätere Leben?
Wie ein Kind aufwächst, wie viel Liebe und Unterstützung es bekommt, wie viel Geborgenheit ihm seine Umgebung bietet – das spielt eine wichtige Rolle für das Wohlergehen, das schon.

Aber?
Die Kindheit wird oft überschätzt. Ich glaube, da greifen Relikte aus den Anfängen der Psychoanalyse, in der die Kindheit als Schlüssel für die psychische Entwicklung des Menschen gesehen wurde. Ich als Persönlichkeitspsychologin bewerte das anders, und das bestätigen auch neuere Forschungen. Man weiss heute: Für die Persönlichkeit eines 50-Jährigen können Ereignisse aus den vergangenen zwei Jahren entscheidender sein als andere, die viele Jahrzehnte zurückliegen.

«Kinder brauchen eigentlich nur eine Bezugsperson, um sich gut entwickeln zu können»: Jule Specht, Persönlichkeitspsychologin. Foto: Jens Gyarmaty

In vielen Erziehungsratgebern wird aber heute noch der Kindheit eine zentrale Bedeutung beigemessen für Glück und Unglück im weiteren Leben. Es wird viel über «Bonding» in den frühen Lebensjahren geschrieben und wie wichtig es ist, eine enge Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen.
Kinder brauchen zuverlässige Bezugspersonen, das stimmt. Aber auch Kinder, die einen schwierigen Start ins Leben haben, können glückliche Erwachsene werden. Natürlich sollten Eltern für ihre Kinder da sein und ihnen gute Startbedingungen geben, aber selbst wenn etwas Schlimmes passiert, heisst das nicht automatisch, dass es die Entwicklung des Kindes für immer beeinflusst. Kinder sind robuster, als man denkt. Und sie lernen. Und zwar nicht nur aus Situationen in der Familie, sondern auch in vielen anderen Situationen. In der Schule, unter Freundinnen. Und ein Mensch lernt natürlich auch nicht nur in der Kindheit, sondern wird sein ganzes Leben von seiner Umwelt und seinen Erfahrungen geprägt.

Ich kann also mit einer unglücklichen Kindheit noch ein glücklicher Mensch werden?
Natürlich. Alles andere wäre auch eine sehr hoffnungslose Vorstellung. Man weiss heute zum Beispiel, dass Kinder eigentlich nur eine Bezugsperson brauchen, um sich gut entwickeln zu können. Diese Bezugsperson muss nicht ein Elternteil sein, das kann einfach jemand sein, dem das Kind vertrauen kann und der für es da ist. Und die Kindheit ist zwar der erste und auch sehr prägende, aber nicht alles entscheidende Abschnitt in einem Leben.

«Man kann nicht sagen: Die Eltern haben versagt.»

Was heisst das für Eltern heute? Sie sollen sich weniger unter Druck setzen, alles richtig zu machen?
Druck ist selten gut, und alles richtig macht ohnehin niemand, eine gewisse Gelassenheit ist also durchaus sinnvoll. Es gibt Untersuchungen, die sehr klar zeigen, dass es die Identitätsentwicklung sogar stören kann, wenn Eltern permanent um das Kind herum sind, aufpassen, jede Situation kontrollieren. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Eltern sich weiterbilden und Ratgeber lesen, und ich finde es gut, dass Eltern sich heute mehr Gedanken über die Entwicklung ihrer Kinder machen. Wichtig ist einfach, den Kindern ein liebevolles und sicheres Umfeld zu bieten und einem Kind zu ermöglichen, sich auszuprobieren und zu entfalten.

Was ist ein sicheres Umfeld? Seinen Kindern etwas zu essen zu geben und sie zu Bett zu bringen?
Sicherheit bedeutet für ein Kind: Meine Eltern interessieren sich für mich, sie reden viel mit mir, hören zu, wenn ich Sorgen habe, haben Zeit für mich und zeigen mir gegenüber Respekt.

«Wenn ich ein schüchternes Kind bin, heisst das nicht, dass ich eine schüchterne Erwachsene werde.»

Trotzdem haben Eltern Angst, dass ihr Kind beispielsweise auf die schiefe Bahn gerät und sie daran mitschuldig sind.
Fast nichts im Leben ist monokausal. Man kann nicht sagen: Die Eltern haben versagt. Das Kind hatte die falschen Freunde. Es hat in der Schule gelitten. Es ist fast immer ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Das Zuhause ist einer davon.

Sie haben vorhin gesagt, für die Persönlichkeit eines 50-Jährigen seien die Ereignisse der gerade erst zurückliegenden Jahre möglicherweise wichtiger als die aus seinen frühen Jahren. Zeigt sich nicht schon als Kind, welcher Mensch man später sein wird?
Lange dachte man: Mit 30 ist die Persönlichkeit eines Menschen ausgereift. Aber die Persönlichkeit eines Menschen ändert sich ein Leben lang. Wenn ich ein schüchternes Kind bin, heisst das nicht, dass ich eine schüchterne Erwachsene werde. Ich werde vielleicht keine Partyqueen, aber doch vielleicht geselliger, gehe mehr aus mir heraus. Die stetige Veränderlichkeit der Persönlichkeit widerspricht der veralteten Vorstellung, dass bereits in der Kindheit wesentliche Charaktereigenschaften festgelegt seien. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 21:18 Uhr

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