«Kinder sollten eine Wahl haben»

In Zürich findet die Messe «Veggie World» statt, unter anderem mit einer Tierethik-Lehrerin. Müssen Schüler über Veganismus aufgeklärt werden? Und wie?

«Wir behandeln das Thema Tierethik ja auf undogmatische Art und moralisieren nicht», sagt Maya Conoci.

«Wir behandeln das Thema Tierethik ja auf undogmatische Art und moralisieren nicht», sagt Maya Conoci.

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Gerade Vegetarismus und Veganismus spaltet die Gemüter. Kommt das Thema in Ihren Lektionen vor?
Ja, denn niemand kommt als Veganer auf die Welt. Die meisten Menschen wachsen als Fleischesser auf. Wir geben den Kindern die Möglichkeit, dies zu hinterfragen, sich eine eigene Meinung zu bilden und eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Gibt es da keine Probleme mit Eltern, die finden, das sei Privatsache?
Das kommt überaus selten vor. Wir behandeln das Thema ja auf undogmatische Art und moralisieren nicht. Vielmehr ist die Umstellung ihrer Konsumgewohnheiten bei den Kindern und Jugendlichen die logische Schlussfolgerung aufgrund der erhaltenen Informationen.

Wie vermitteln Sie das Thema konkret?
Auf der Primarstufe fragen wir die Kinder zum Beispiel, wie sie behandelt werden möchten. Und dann, wie wohl ein Tier behandelt werden möchte. Dann vergleichen wir die Antworten, und die Kinder sehen, dass da weitgehend Übereinstimmung besteht – aber die Realität in der Fleischindustrie eben anders aussieht.

Tierschutz-Kampagnen arbeiten auch mit Tierquälerei-Bildern, weil diese sehr effektiv sind. Sie auch?
Das hängt von der Altersstufe ab. Im Kindergarten zeigen wir natürlich keine solchen Bilder oder Filme, sondern erzählen Geschichten. Mit einer Tiger-Handpuppe zum Beispiel, die von ihrem Leben im Zirkus erzählt. Bei den Kindern in der Mittel- und Oberstufe gilt: Bild- und Videomaterial soll sie betroffen machen, aber nicht verstören. Zudem werden altersgerechte Themen ausgewählt, die Kinder im entsprechenden Alter sollen auch ganz konkret etwas gegen das thematisierte Tierleid unternehmen können. Ganz nach dem Motto «Wenn du die Welt verändern willst, musst du bei dir selber anfangen».

Haben Sie ein Beispiel?
In einem Film, den wir zeigen, sieht man etwa, wie Nerze aus einem Käfig in ein Wägelchen verfrachtet werden, wo sie mit Abgas getötet werden. Den Todeskampf sieht man dabei aber nicht direkt. Zu drastische Bilder wären kontraproduktiv, weil die Kinder dann die Augen schliessen und mit einem Ohnmachtsgefühl zurückgelassen würden.

Wie nachhaltig sind solche Lektionen bei Kindern?
Sie führen bei vielen Kindern zu einem Aha-Effekt. Es geht aber nicht darum, dass wir die Kinder zu einem anderen Verhalten anweisen wollen, sondern, ihnen eine Wahl zu ermöglichen. Und dafür müssen sie umfassend informiert und in der Lage sein, die Dinge zu hinterfragen. Der Unterricht soll so ein Gegengewicht zu den Lobbys sein, die es etwa im Bereich Massentierhaltung oder der Pelzindustrie gibt. Es geht aber auch darum, ganz generell ein ethisches Bewusstsein zu wecken und zu pflegen. Ein solches kommt letztlich auch den Mitmenschen und der Umwelt zugute.

Sieht der Lehrplan Tierethik vor?
In den Schulen gibt es zwar Tierthemen, aber diese werden nicht auf ethischer Ebene abgehandelt. Der Lehrplan schreibt jedoch vor, dass Haltungen entwickelt werden sollen, was das Zusammenleben und die gegenseitige Wertschätzung angeht. Oder auch: Bedürfnisse von anderen verstehen zu lernen. Tiere werden da nur im Zusammenhang mit Biologie – Lebensräume oder Artenvielfalt – genannt.

In welchem Rahmen finden Ihre Lektionen statt?
Im Lehrplan 21 gibt es das Fach Ethik, da werden wir oft eingeladen. Oft werden aber die Tierethiklektionen im normalen Unterricht abgehalten. In einem telefonischen Vorgespräch werden zwischen der Klassenlehrkraft und der Tierethik-Lehrperson die Termine, der Inhalt und der Ablauf der Lektionen vereinbart. Im Kindergarten und in der ersten Klasse geben wir eine Doppellektion, bei den älteren Kindern sind es zwei Doppellektionen im Abstand von einer Woche. Der Tierethikunterricht selber wird übrigens von unserer Stiftung finanziert, die Schulen zahlen lediglich eine bescheidene Wegpauschale.

Erstellt: 29.09.2018, 09:19 Uhr

Maya Conoci ist Tierethiklehrerin und Geschäftsführerin der Stiftung «Das Tier und Wir», die Tierethikstunden für Schulen anbietet.

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