Kinderärzte warnen vor falschen Daten

Laut einer neuen Studie sind Schweizer Kinder grösser als bisher angenommen – das birgt die Gefahr von Fehldiagnosen.

Für korrekte Diagnosen ist jeder Zentimeter wichtig. Foto: Getty Images

Für korrekte Diagnosen ist jeder Zentimeter wichtig. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Exakt 120 Zentimeter misst der Bub kurz nach seinem achten Geburtstag. Er ist deutlich kleiner als die meisten Mitschüler. Das mag seine Eltern zwar ­beunruhigen. Aus medizinischer Sicht besteht aber kein Grund zur Sorge, wie die Konsultation der offiziellen Wachstumskurven zeigt.

Diese halten fest, in welchem Alter ein Kind wie gross sein ­sollte. Ein zentrales Instrument für Pädiater: «Wachstumskurven bilden die Basis der täglichen Arbeit aller Kinderärzte, sind sie doch die Hüter der normalen körperlichen Entwicklung», so Michael Hauschild, Präsident der Gesellschaft für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie (SGPED). «Anhand der Wachstumskurven erkennen wir, ob im Einzelfall ­weiterführende Untersuchungen notwendig sind oder nicht.»

Tausende Kinder und Jugendliche vermessen

Kritisch sind vor allem Kinder, die unter der Norm liegen, also zu klein sind für ihr Alter. Denn oft sind Krankheiten der Grund ­dafür. Das können Magen-Darm-Störungen sein, Nierenleiden, Lungenprobleme oder hormonelle Erkrankungen. Damit Kinderärzte entsprechende Fälle erkennen, ­müssen die Wachstumskurven exakt sein. Doch das ist laut einer neuen Untersuchung nicht der Fall.

Monatelang hat das Pädiatrisch-Endokrinologische Zentrum ­Zürich (Pezz) aktuelle Messdaten gesammelt. Über 50 Schweizer Kinderärzte beteiligten sich am Projekt und vermassen Patienten. Aber auch unzählige Schulen machten mit, von der Primar- bis zur Gymnasialstufe. Zudem flossen die offiziellen Erhebungen über Rekruten ein.

Nun liegen Messwerte von rund 30'000 Personen vor. Und die weichen klar ab von den ­Körpergrössen auf den offiziellen Wachstumskurven. Je nach Alter und Geschlecht liegt die magische Untergrenze bis zu vier Zentimeter höher.

Die Folgen lassen sich am eingangs erwähnten Beispiel ­erklären: Mit seinen 120 Zentimetern war der achtjährige Bub nicht normal entwickelt, sondern zu klein für sein Alter. Er hätte vertieft untersucht werden müssen.

Studienleiter Urs Eiholzer kommentiert die Resultate nicht im Detail, da sie noch nicht offiziell publiziert sind. Der Präsident des Pezz sagt aber: «Abweichungen um mehrere Zentimeter sind sicher keine Bagatelle.» Man müsse davon ausgehen, dass aktuell vielen Kindern zu Unrecht ein gesundes Wachstum attestiert werde. «Dadurch werden sie nicht auf spezifische Krankheiten überprüft. Und die nötige Behandlung bleibt in der Folge aus.»

Eiholzer kritisiert die ­offiziellen Wachstumskurven schon seit langem. «Ab den Siebzigern wurden in der Schweiz Normwerte verwendet, die auf Messdaten von knapp 250 Kindern aus Zürich beruhten.»

Pädiatrische Gesellschaftwill Kurven überprüfen

Doch ab 2011 empfahl die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) internationale Richtwerte. Für Kinder unter fünf Jahren ­dienen heute Daten, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Gleichaltrigen in ­Brasilien, ­Ghana, Norwegen, im Oman und in den USA gemessen hatte. Ab dem fünften Lebensjahr stammen die Vergleichswerte nur noch aus den Vereinigten Staaten – von Kindern mit Jahrgängen von 1949 bis 1968. «Es ist völlig klar, dass solche Daten nicht exakt auf Kinder in der Schweiz passen», sagt ­Eiholzer. «Nur Normwerte, ­welche die lokalen ­Eigenheitenberücksichtigen,haben die notwendige ­Trennschärfe,um gesundes von krankhaftem Wachstum abzugrenzen.» Eine Studie in verschiedenen europäischen Ländern kam zum Schluss, dass nationale Vergleichswerte deutlich repräsentativer sind als jene der WHO. Deutschland und Österreich benutzen letztere nicht mehr, sondern setzen auf eigene Normwerte.

Und die Schweiz? «Die WHO-Kurven haben sich im Alltag bewährt», sagt Michael Hauschild von der SGPED. «Wir sind davon überzeugt, dass Schweizer ­Kinderärzte die Kompetenz haben, im Einzelfall die körperliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen anhand der aktuell empfohlenen Kurven korrekt zu beurteilen.» Laut der SGP wiederum ist in erster Linie nicht die Wahl der Kurve entscheidend. «Wichtiger ist, dass Kinderärzte jeden Patienten einheitlich erfassen», sagt Präsident Gian Paolo Ramelli: «Damit wird ersichtlich, ob sich das Kind regelmässig entwickelt, was ja das grundsätz­liche Ziel der Kurven ist.»

Man habe Kenntnis von der neuen Studie aus Zürich. «Die SGP wird dies zum Anlass für eine Evaluation nehmen und prüfen, ob die aktuell empfohlenen Kurven einer Anpassung bedürfen.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 28.07.2019, 21:33 Uhr

Artikel zum Thema

Kindern mit Herzfehlern wirksam helfen

Gastbeitrag Warum die Schweiz dringend ein Register zu Herzerkrankungen im Kindesalter braucht. Mehr...

Impfskeptiker fühlen sich von Ärzten «abgeputzt und beleidigt»

Interview Homöopathen und Anthroposophen sind besonders gut darin, Eltern vom Impfen zu überzeugen. Warum? Infektiologe Philip Tarr gibt Antworten. Mehr...

Kinderärzte warnen vor dem Diätenhype

SonntagsZeitung Hungerkuren, vegane Verpflegung und Allergiker-Lebensmittel sind bei Eltern im Trend. Diese Ernährungsmethoden gefährden die Gesundheit der Kinder. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...