Kinderscham: Darf man heute noch Kinder kriegen?

In der Klimadebatte kursiert die Forderung, auf Kinder zu verzichten. Sind Eltern wirklich die grössten CO2-Sünder?

Kaum eine Zielgruppe ist für Schuldkomplexe und Verantwortungsschmerzen so empfänglich wie Eltern. Foto: kieferpix, iStock

Kaum eine Zielgruppe ist für Schuldkomplexe und Verantwortungsschmerzen so empfänglich wie Eltern. Foto: kieferpix, iStock

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Neulich in der Familienkutsche hinter einer Sportkarre hergefahren, zwei Aufkleber prangten unübersehbar auf der Heckscheibe: «Diesel-Monster» und «Klima-Killer». Es gibt verschiedene Weisen, mit dem neuen Konsens umzugehen, dass jedes Individuum mit seinen Gewohnheiten und Verbrauchsbilanzen der Erdgemeinschaft, den Gletschern, den Wäldern und den Arten zur Rechenschaft verpflichtet ist. Aggressives Rollengebaren (Ich bin ein Mensch, also verschmutze ich) wäre eine davon, die Suche nach denen, die das Klima am meisten killen, eine andere.

Nach einer neueren Lesart wäre das die Frau hinter dem SUV, in dem Kombi mit den Kindersitzen. Wie sie fossile Energien verbrennt, um die nachwachsenden Verbrenner durch die Gegend zu fahren! Ihr Klima-Soll wiegt gleich doppelt schwer: Schliesslich schadet das Herumgefahre der Kinder nicht nur Luft, Wasser und Boden, sondern damit zugleich der Zukunft jener Generation, die momentan noch auf dem Rücksitz singt.

Auch wenn es nach Hypermoral-Satire klingt: Auf dem blühenden Markt der Ideen für eine klimaschonende Existenz wird die Frage, ob es ein richtiges Elternsein im ökologisch verkehrten Leben geben kann, unter Klimabesorgten gerade intensiv verhandelt, unter dem Stichwort der «Kinderscham» etwa – also der Scham über die CO2-Bilanz des eigenen Nachwuchses.

58,6 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr kostet laut einer Studie jedes Kind, das eine Person zusätzlich bekommt.

Erst vor ein paar Monaten hatte die populäre junge amerikanische Kongressabgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez in einem Instagram-Livestream gefragt: «Grundsätzlich gibt es einen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass das Leben unserer Kinder sehr schwer wird. Und da gibt es die legitime Frage unter jungen Menschen: Ist es überhaupt in Ordnung, Kinder zu bekommen?»

Ocasio-Cortez ist Ende zwanzig. Sie gehört nicht zur ersten Generation, die sich aufgrund extrem negativer Zukunftsperspektiven fortpflanzungsskeptisch gibt. Aber zu einer kleinen, meinungsstarken Kohorte: In Organisationen wie «Birth Strike» in Grossbritannien oder «Conceivable Future» haben sich junge Frauen zusammengeschlossen, um gemeinsam keine Kinder in die Welt zu setzen, die Rede ist von einem «Spiel mit dem Leben eines anderen», das man als verantwortungsvolle Mutter nicht wagen dürfe.

Dazu passt eine deprimierende Zahl aus den an deprimierenden Zahlen reichen vergangenen Jahren: 58,6 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr koste jedes Kind, das eine Person zusätzlich bekommt. Seitdem ein kleines Team von Sozialwissenschaftlern dieses Ergebnis seiner Metastudie lanciert hat, flankiert von der Forderung nach einer staatlichen Kinderobergrenze, kursiert das Argument gegen die Fortpflanzung in der einschlägigen Publizistik.

Eine schreibende Lehrerin namens Verena Brunschweiger machte vor ein paar Monaten Wind mit ihrer These, es gäbe heute keine grössere Sünde, als Kinder zu bekommen. Menschen, die sich dafür entschieden, sollten mit allem Möglichen rechnen, bitte aber nicht mit gesellschaftlicher Rücksichtnahme oder gar Anerkennung.

In den Verzichtskatalogen, die in Medien derzeit immer wieder zur Frage: «Was können Sie gegen den Klimawandel tun?» veröffentlicht werden, taucht hinter «Aufs Auto verzichten» und «Kein Fleisch mehr essen» gelegentlich auch «Ein Kind weniger bekommen» auf. Wobei der Kontext dabei merkwürdig offen bleibt: ein Kind weniger als eins, weniger als vier oder weniger als die Nachbarn?

Eine neue Erziehungsmaxime etabliert sich

Dabei kümmert es kaum jemanden, dass die Zahl methodisch aufgeblasen und anhand des CO2-superintensiven amerikanischen Lebensstandards berechnet wurde. Abgesehen davon sind sich Experten einig, dass das Menschenleben an sich nicht das Problem ist. Das Problem ist der Wandel jenes Lebens, der aber lässt sich nicht so einfach prognostizieren.

Tatsächlich gibt es keine seriösen wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, wie das Leben der Kinder von heute und morgen verlaufen wird. Klar ist allerdings, dass vor allem die Menschen in extremen Klimazonen mit deutlich widrigeren Lebensumständen zu tun haben werden: Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass 90 Prozent der Bewohner Grönlands nicht nur moralisch, sondern ganz praktisch und psychosozial unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die Lebensgrundlage schwindet, Depression und Angst steigen.

Wäre es möglicherweise also heute besser denn je, nicht geboren zu sein? Keinen Anteil an diesem Leid zu haben? Die Wahrscheinlichkeit, ein schlechtes Leben zu führen, zu leiden oder anderen Leid zuzufügen, ist laut der kleinen, aber sendungsstarken philosophischen Schule der Anti-Natalisten so gross, dass sie ein ethisches Gebot der Nichtfortpflanzung plausibel macht: «Menschen leben möglicherweise ein Leben, das es nicht wert ist, ohne dass ihnen das bewusst ist», argumentiert der Philosoph David Benatar. Da kein Elternteil dazu in der Lage sei, seinen Kindern etwas anderes zu garantieren, sei es folglich unmoralisch, ein Elternteil werden zu wollen.

Eltern können sich keine Klimakiller-Pose leisten

Diese Haltung passt – so wie auch jene, die von Geburtsstreikerinnen propagiert wird – zu einer kulturellen Grundeinstellung, die Planbarkeit, Berechenbarkeit und Rechenschaftspflicht fetischisiert. Die passt aber wiederum überhaupt nicht zu dem nach wie vor halbwegs urwüchsigen Fortpflanzungstrieb der Spezies.

Natürlich stehen dahinter die besten Absichten – so wie hinter allen Verzichtforderungen, die sich grösstenteils zu Recht an die Bewohner der westlichen Welt richten. Doch die Lebensfeindlichkeit dieser bestimmten Forderung neutralisiert ihre Absicht. Die Annahme, man müsse alles im Griff haben, selbst die Dystopie, hat wenig gemein mit der schönen Wildheit, die jedes neue Menschenleben mit sich bringt.

Jedenfalls ist in der derzeitigen Botschaftengemengelage kaum eine Zielgruppe für Schuldkomplexe und Verantwortungsschmerzen so empfänglich wie Eltern. Ihre Kinder verbinden sie mit der Zukunft, sie können sich keine Klimakiller-Pose leisten. Sie leben aus Gewohnheit, mangels Kreativität oder Möglichkeiten, trotzdem nicht so, dass sie dafür ein Klimaengels-Etikett verdient hätten, in einem Paradox, das nicht nur persönlich belastet, sondern auch im öffentlichen Diskurs mittlerweile als problematisch gebrandmarkt wird.

Und wenn sie in den Achtzigern und Neunzigern sozialisiert wurden, sind sie mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der Vorstellung aufgewachsen, dass sich die meisten Probleme lösen lassen, wenn man sich nur genug Mühe gibt, alles richtig zu machen und korrekt zu kaufen.

Die Mamas und Papas haben sich die Verantwortung für die bestmögliche Zukunft ihrer Kinder auferlegt.

Vor allem aber werden Eltern ganz besonders getroffen von der Einrahmung der Klimakrise als Generationenkonflikt. Die Wut der protestierenden Kinder richtet sich schliesslich vielleicht nicht gegen die eigenen Erzeuger, aber gegen deren Kohorte. Es ist ein Schuld- und Verantwortungsgefälle etabliert worden, dass sich ganz klar an «die Erwachsenen» richtet.

Greta Thunberg meint nicht direkt die Mamas und Papas, wenn sie sagt, dass diejenigen etwas tun sollen, die etwas tun können, aber die Mamas und Papas haben sich die Verantwortung für die bestmögliche Zukunft ihrer Kinder auferlegt – und entsprechend schwer ist die Bürde nun zu tragen. Wer hätte das damals gedacht, als der Schwangerschaftstest positiv war?

Es ist also nur konsequent, dass sich derzeit eine neue Erziehungsmaxime etabliert: Ziehe dein Kind so gross, dass es ein besserer Erdenbürger wird als du. Die britische Philosophin Elizabeth Cripps etwa hat sich auf Fragen der Generationengerechtigkeit im Zeichen des Klimawandels spezialisiert. Sie ist keine Vertreterin des Anti-Natalismus, wohl aber fordert sie eine Minimierung der Fortpflanzungsaktivität Einzelner: Drei Kinder sind zu viel.

Aktivismus-Anleitungen für Kindergartenkinder

Vor allem aber befasst sich Cripps mit der Frage, welche Verantwortung Eltern für das Gelingen ihrer Kinder als «good global climate citizens» tragen, also als gute globale Klimabürger. Und dabei scheint ihr zentral, dass Eltern heute ihren Kindern einen Weg aus jener paradoxen Situation heraus zu weisen haben, in der sich so viele Menschen befinden: als unersättliche Konsumenten fossiler Energie, die mit einem schlechten Gewissen gegenüber der Natur und der Zukunft geschlagen sind.

Anders als bei vielen in der westlichen Welt üblichen Formen kindlicher Förderung sei es wichtig, Kindern ein halbwegs widerspruchsfreies Leben in dieser Hinsicht zu ermöglichen. Vor allem wichtig und noch wichtiger als der individuelle Lebenswandel einer Familie sei aber, das Kind darin zu unterstützen, dass es auf klimabedingtes Unrecht moralisch reagiert.

Die moralische Sensibilität zu schulen, war schon immer Elternauftrag, aber in dem Bemühen einer Elterngeneration, in allem möglichst schlau und vornedran zu sein, wirkt es manchmal etwas überdreht. Im anglophonen Raum boomt schon lange das Geschäft mit der politisch bewussten Kinderliteratur: Es gibt eine unüberschaubare Anzahl antirassistischer, antisexistischer und natürlich auch verbrauchsbewusster Kinderliteratur, es gibt Aktivismus-Anleitungen für Kindergartenkinder und Ratgeber für Eltern, die ihre Kinder zu besseren Bürgern erziehen wollen.

Das passt zu einer intergenerationellen Verantwortungsethik, die auf den ersten Blick ein Widerspruch an sich ist: Wie soll die alte Generation (zu der die heute Jungen sich in gewisser Weise jetzt schon zählen, wenn sie ihren ungeborenen Nachwuchs vor sich selbst schützen wollen) ernsthaft verantwortlich zeichnen für eine Gegenwart, die ihre Nachkommen gestalten werden? Und: Warum sollte sie das?

Sich nicht beschämen lassen, sondern die Scham über die Verhältnisse als Motor der Veränderung zu nutzen.

Vielleicht, weil es eben eine gute Möglichkeit ist, überhaupt etwas zu tun. Karl Marx hat über die Scham geschrieben, sie sei eine Art von in sich gekehrtem Zorn und zugleich in manchen Situationen «schon eine Revolution», nämlich dann, wenn die Menschen ihrer althergebrachten Handlungs- oder Denkmuster gewahr werden und begreifen, dass sie mit ihnen Schaden angerichtet haben.

Klimafolgenforscher wie Hans Joachim Schellnhuber argumentieren seit Jahren, dass es auch eine individuelle moralische Verpflichtung zu einem klimaschonenden Lebenswandel gibt. Er nennt dafür zwei Gründe: Aus verantwortungsethischer Perspektive müsse man Konsequenzen aus dem Wissen ziehen, das über die Klimakrise besteht. Und ausserdem sei ein kollektiver Kulturwandel die Voraussetzung für den gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Wandel. Sich nicht beschämen zu lassen, sondern die Scham über die Verhältnisse als Motor der Veränderung zu nutzen: Wem das gelingt, hat auf jeden Fall noch seinen Urenkeln etwas zu erzählen.

Erstellt: 24.09.2019, 20:27 Uhr

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