Klicks mit Klischees aus den 1950ern

Bei Youtube und Instagram präsentieren sich Frauen einseitig und oberflächlich – weil das alle sehen wollen und Geld bringt.

Schminken, frisieren, basteln, hübsch sein – das machen Frauen offenbar am liebsten, so scheint es zumindest in den neuen sozialen Medien. Foto: Youtube/Pelican Bay

Schminken, frisieren, basteln, hübsch sein – das machen Frauen offenbar am liebsten, so scheint es zumindest in den neuen sozialen Medien. Foto: Youtube/Pelican Bay

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nehmen wir an, wir klickten zufällig in einen der 1000 beliebtesten Youtube-Kanäle im deutschsprachigen Raum. Die Chance, bei einem männlichen Youtuber zu landen, ist mehr als doppelt so hoch wie jene, eine Frau anzutreffen. Vermutlich wird der Mann in seinen Videos etwas Unterhaltendes bieten, über neue Games referieren oder über Musik. Möglich ist auch, dass es in seinem Kanal um Sport, Comedy oder Film geht.

Fotografie, Tanzen, Musik und Lifestyle – das sind die Themen von Youtuber Julien Bam, der mit über 5 Millionen Abonnenten einen der beliebtesten Kanäle in Deutschland betreibt.

Oder dass er seinen Followern etwas Wichtiges erklärt. Zum Beispiel die Schwachpunkte der neuesten Noise-Cancelling-Kopfhörer auf dem Markt, warum sich der Minimalismus als Lebensweise aufdrängt und wie man sein Geld derzeit am besten anlegt. Wir werden es dem Mann sofort abnehmen, dass er etwas von seinem Fach versteht. Gut möglich, dass er sich auch professionell damit beschäftigt, es wirkt jedenfalls nicht so, als gehe es nur um ein Hobby.

Frauen sind schön und serviceorientiert

Nehmen wir an, wir landen stattdessen doch auf dem Youtube-Kanal einer Frau. Mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit finden wir uns in einem Anleitungsvideo wieder, in dem die Youtuberin zum Beispiel zeigt, wie man seinem Long Bob mit dem Haarföhn und einem halben Dutzend Stylingprodukten weiche Wellen verpasst. Oder wie man eine Bio-Chia-Bowl zubereitet, sich seine zu kurze Nacht aus dem Gesicht schminkt oder einen souveränen Umgang mit seinem Körper findet, egal, ob er ein paar Kilos schwerer ist als der Durchschnitt. Kurz: Es geht um serviceorientierte Schönheit, Essen, Beziehungsthemen, Mode oder um etwas Unterhaltendes.

Dagi Bee ist eine der erfolgreichsten deutschen Youtuberinnen – und spricht gerne übers Aussehen – die Haare, zum Beispiel.

Es hilft jetzt nichts, an dieser Stelle: «Das ist doch eine komplett sexistische Haltung!» zu schreien. Denn: Genau dieses Situation hat eine neue Untersuchung der Universität Rostock und der Filmuniversität Babelsberg im Web vorgefunden: 1000 Youtube-Kanäle wurden analysiert, 2000 Videos detailliert untersucht und 14 Youtuberinnen befragt. Das Thema der Studie: «Weibliche (Selbst-)Inszenierung in den sozialen Medien».

Zweites erschreckendes Studienresultat

Mitfinanziert hat sie die Stiftung Malisa der Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler und deren Tochter Elisabeth, die sich der Geschlechterwahrnehmung und der Überwindung vorgespurter Rollenbilder in der Gesellschaft angenommen hat. Es ist nicht die erste Untersuchung: 2017 standen deutschsprachige Filme und Fernsehsender im Fokus der Forscherinnen. Das Resultat war ziemlich erschreckend.

Kurz zusammengefasst: Männer erklären im Fernsehen als Experten, Sprecher und Journalisten mehrheitlich die Welt, Frauen kommen meist im Zusammenhang mit Beziehungen und Partnerschaft vor. Zudem ist ihr Anteil viel geringer, vor allem mit zunehmendem Alter, ab etwa 60 haben sie am Bildschirm kaum noch etwas zu sagen.

Rollenbilder wie in den 50er-Jahren

Die jüngeren Generationen bekommen von diesem Rollenbild jedoch nicht allzu viel mit, weil sie kaum mehr klassisches Fernsehen schauen, sondern sich eben hauptsächlich über Youtube, Instagram oder Snapchat informieren. Aus diesem Grund haben sich die Forscherinnen nun diesen neuen Medien angenommen. Die Rollenbilder sind deswegen aber keineswegs fortschrittlicher.

Bianca «Bibi» Heinicke vom supererfolgreichen BibisBeautyPalace spricht neuerdings auch vom Mamasein.

Junge, hübsche, schlanke Frauen referieren also flockig und hobbymässig über Beauty, Mode, Ernährung und Zwischenmenschliches, sie basteln, nähen und kochen. Ausgerechnet dort, wo Frauen nach Lust und Laune publizieren könnten, wonach ihnen ist – vermeintlich ohne gesellschaftliche Zwänge, ohne vorgespurte Rollen – präsentieren sie sich überraschend stereotyp. Maria Furtwängler zeigte sich in einem Interview mit dem «Spiegel» irritiert: «Dieser schmale Korridor, in dem Frauen sich bewegen, ist sehr irritierend, er orientiert sich am Frauenbild der Fünfzigerjahre.»

Die männlichen Youtuber sind deutlich vielseitiger: Nicht nur, was die Themenbereiche angeht. Sie zeigen sich in ihren Videos auch mal ungepflegt und mit ausgewaschenem Shirt, das über dem Bauch etwas spannt. Bei Youtuberinnen hingegen: optischer Einheitsbrei. Die meisten sind attraktiv, schlank, lange Haare, perfekt gestylt, frisiert und geschminkt. Auf Instagram kommt fast immer ein Beauty-Filter dazu.

Zedd ist ein junger deutsch-russischer Musikproduzent und DJ, sein Fokus bei Youtube, logisch: die Musik. Auch er hat dort über 5 Millionen Follower.

Je plakativer, desto erfolgreicher

Natürlich ist es nicht gleich von vorneherein zu verurteilen, wenn sich Frauen bei Youtube für die optisch schönen Dinge des Lebens zu interessieren scheinen und Wert darauf legen – sowohl die Videoproduzentinnen als deren Zuschauerinnen. Immerhin macht es auch wenig Sinn, sich darüber zu enervieren, dass kleine Mädchen irgendwann ihre rosarote Phase haben, während kleine Jungs auf Bagger und Spielzeugwaffen abfahren.

Aber: Das stereotype Rollenprofil, das bei Youtube vorgelebt wird, geht offenbar über geschlechterspezifische Präferenzen hinaus. «Je plakativer das Klischee, umso besser wird es geklickt. Je mehr du einem gewissen Schönheitsideal entsprichst oder einer gewissen Erwartung, desto besseres Geld verdienst du natürlich. Die jungen Zuschauer sind unglaublich in Klischeerollen behaftet», wird eine Youtuberin in der Studie zitiert.

Oder anders gesagt: Je stärker Frauen auf den neuen sozialen Medien das sehr eng gesteckte und rückwärtsgerichtet wirkende weibliche Rollenbild erfüllen, desto mehr Geld verdienen sie. «Es ist eine erstaunliche normierende Macht, die durch die sozialen Medien ausgeübt wird, obwohl diese Plattformen doch per se erst einmal einen völlig freien Raum zur individuellen Selbstinszenierung geboten haben», sagt Maria Furtwängler.

Ausbruch aus dem Klischee wird bestraft

Wer aus diesen vorgespurten Klischeerollen ausbrechen will, muss offenbar nicht nur mit weniger Klickzahlen rechnen, sondern mit bösartigen Reaktionen. Laut den befragten Youtuberinnen ist es schwierig, aus dem Themenumfeld Beauty auszubrechen und sich neuen Genres wie Comedy oder Politik zu erschliessen. «Wenn man sich als Frau ein bisschen rauswagt und versucht, über etwas anderes zu reden, trifft man auf extrem viel Hass. Da wird dann sofort Druck ausgeübt, damit sie sich nicht aus dieser Nische raus bewegen», sagt Elisabeth Furtwängler zu «Neon».

Es ginge auch anders: Die Zwillinge Lena und Lisa haben sich unter anderem mit ihren Lipsinc-Musik-Videos 14 Millionen Follower bei Instagram erarbeitet.

Ausgerechnet in den neuen sozialen Medien manifestiert sich also ein starres, antiquiertes Rollenverständnis. Die Frage sei, wie es dazu kommen konnte und warum dass die erfolgreichsten Unternehmerinnen dies befeuerten, sagt Elisabeth Furtwängler. Und was man tun könne, um die Vielfalt, die durchaus auch zu finden wäre unter den Youtuberinnen, besser sichtbar zu machen. «Die Studienergebnisse haben uns vor eine Reihe von Fragen gestellt, auf die wir als Feministinnen zunächst keine Antwort haben. Dieses Thema geht uns alle an und darüber müssen wir diskutieren.»

Vor allem deswegen, weil bei den neuen sozialen Medien kein übergeordnetes Korrektiv in Sicht ist, während die Verantwortlichen bei den klassischen Medien immerhin langsam ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Frauen stärker und auch in bedeutenden Rollen vertreten sein müssen.

Erstellt: 01.02.2019, 19:17 Uhr

Artikel zum Thema

Dominanz am Bildschirm

Mann oder Frau: Eine Studie fragte, wer im TV häufiger zu sehen ist. Der Befund ist eindeutig. Und das Missverhältnis wird nicht so schnell verschwinden. Mehr...

«Ich wollte mich umbringen»

Influencer reden neuerdings über Selbstzweifel, Depressionen, selbst Suizidgedanken. Das kann verzweifelten Teenagern helfen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...