Hört endlich auf damit, über die Komplexität der Welt zu jammern!

«Selbst Avocados belasten die Umwelt – wie mans macht, macht mans falsch!» Diese Klage hört man zwar oft, doch sie greift viel zu kurz.

Die Frage, ob wir weiterhin Avocados essen sollen, ist nicht komplex, sondern allenfalls unbequem: Eine Frau begutachtet ein Exemplar. Foto: iStock

Die Frage, ob wir weiterhin Avocados essen sollen, ist nicht komplex, sondern allenfalls unbequem: Eine Frau begutachtet ein Exemplar. Foto: iStock

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Ich kann es nicht mehr hören, das Gerede von der Komplexität unserer Welt. Grad kürzlich wieder klagte mein Gegenüber, wie komplex doch alles sei, nachdem es gelesen hatte, wie schlecht sein gut gemeinter Avocado-Konsum in der Ökobilanz abschneidet. Die Produktion des «grünen Golds» verbraucht offenbar Unmengen an Wasser, führt zur Verwüstung fruchtbarer Gebiete und soll Drogenkartelle alimentieren.

Damit nicht genug. Veganer zweifeln, ob die Avocado überhaupt vegan sei. Der industrielle Anbau der Frucht ist auf Wanderimkerei angewiesen: Bestäubungsdienste karren Bienenvölker von Plantage zu Plantage, was den Insekten schlecht bekomme, zumal den Königinnen zum Teil die Flügel gestutzt würden, um den Bienenvölkern das Schwärmen auszutreiben. Wer mit dem Avocado-Konsum also Tier und Umwelt schonen will, handelt sich offenbar neue Probleme ein. Die Welt wird scheinbar immer komplexer – daher heisst es dann: Wie mans macht, macht mans falsch.

Zwingende Nebenerscheinung

Dass alles so komplex ist und man darum nichts mehr richtig machen kann, greift als Analyse aber zu kurz. Wo Menschen zusammenleben und in Ökosysteme eingreifen, ist Komplexität eine zwingende Nebenerscheinung. Es sei denn, wir schrumpften auf selbstversorgende Zwerggemeinschaften. Dass die Komplexität in den letzten Jahrzehnten zugenommen habe, kann überdies bezweifelt werden. Vieles ist heute sogar lachhaft simpel: ein Hotel buchen in Malawi? Ein paar Klicks reichen. Eine Hungerattacke und nichts im Kühlschrank? Der Pizzaservice schafft Abhilfe. Fotos entwickeln lassen und von Hand einkleben? Das digitale Album macht es gleich selbst.

Die pauschale Klage über die zunehmende Komplexität unserer Welt ist deshalb wenig überzeugend. In Tat und Wahrheit maskiert sie sogar eine Reihe von Problemen, die einen genaueren Blick verdienten.

Zu ökonomischen Perspektiven gesellen sich politische und ästhetische, zu ethischen religiöse und kulinarische.

Zum Beispiel die Verantwortungsdiffusion: Die passgenaue Zuschreibung von Verantwortung wird schwieriger, je mehr das Handeln vieler Akteure ineinandergreift. Solange man Äpfel und Karotten nur beim lokalen Bauern oder gleich im eigenen Garten holte, war auch klar, wer die Produktionsweise verantwortete. Doch wer ist verantwortlich für die Schäden, die der Avocado-Anbau anrichtet? Dazu bedarf es genauer Analysen, rechtlicher Strukturen und globaler Abkommen. Solange die Sache nicht besser geregelt ist und es den Goldstandard beim grünen Gold nicht gibt, ist die Frage, ob wir weiterhin so viele Avocados essen sollen, nicht komplex, sondern allenfalls unbequem. Denn sie wird zur Gewissensfrage.


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Die Gewissensfrage zu stellen, ist aber umso schwieriger, als es heute, wie der Soziologe Armin Nassehi schreibt, keine «Zentralperspektive» mehr gibt, von der aus Sachverhalte abschliessend zu beurteilen sind – für Nassehi die Charakteristik moderner Komplexität schlechthin. Zu ökonomischen Perspektiven gesellen sich politische und ästhetische, zu ethischen religiöse und kulinarische. Jede Kultur und jede Tradition bringt zudem neue Perspektiven ein, und jede macht mit gutem Grund ihre Ansprüche geltend.

Allen Perspektiven gleichzeitig gerecht werden zu wollen, führt zu unlösbaren Konflikten. Die einzig richtige Perspektive gibt es nicht. Vielmehr muss eine überzeugende Haltung immer von neuem erarbeitet und begründet werden – die «Bürden des Urteilens» nimmt uns, wie John Rawls es in seinem «Politischen Liberalismus» herausgestrichen hat, keiner ab.

Das Jammern über die Komplexität unserer Welt ist deshalb vor allem eines: die Weigerung einzusehen, dass unser Handeln fehleranfällig ist und unsere Gewissheiten flüchtig. Wer es gut mit den Tieren meinte und deshalb vom Fleisch auf Avocados umstieg, sieht heute, dass er damit die Umwelt schädigt. Manchmal macht mans wirklich falsch, wie mans macht. Das ist Anlass für eine Kurskorrektur – und nicht dafür, sich schulterzuckend einzureden, es sei einerlei, was man tue. Das wäre nämlich vor allem eines: unterkomplexe Komplexitätsreduktion.

Erstellt: 23.10.2018, 11:28 Uhr

Barbara Bleisch

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Die Philosophin Barbara Bleisch schreibt abwechselnd mit Laura de Weck, Michael Hermann und Rudolf Strahm.

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