Konsequent erziehen

Teilen will gelernt sein.

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Tochter: Meins. Das ist meins.

Mutter: Ja, Liebes, aber du musst auch teilen, gell? Teilen.

Tochter: Nein. Meins!

Mutter: Ja, ich weiss, es ist deins, aber trotzdem musst du es mit deinem Bruder teilen.

Tochter: Meeiiins!

Mutter: Dein Bruder teilt seine Tiere, Bauklötze und Polizeiautos auch mit dir, also kannst du jetzt auch teilen.

Tochter: Neeiiiiiin! Meins.

Mutter: Du teilst jetzt sofort!

Tochter: Nein!

Mutter: Doch!

Tochter: Dann will ich . . .

Mutter: Was willst du?

Tochter: Schoggi.

Mutter: Nein, kommt nicht infrage, du hattest heute schon einen Zvieri, es gibt nicht mehr Schoggi.

Tochter: Ich will aber meeeehr!!

Mutter: Das kannst du vergessen, es gibt nichts mehr.

Tochter: Meeeeeehr!!

Mutter: Nein!

Tochter: Meeeeeeeeehr!!

Mutter: Stopp! Na gut, du kriegst jetzt noch ein letztes Stück Schoggi, ein allerallerletztes, aber nur eins und dann ist Ruh!

Tochter: Zwei!

Mutter: Wir haben gesagt: nur eins!

Tochter: Zweeeeeeiiiii!

Mutter: Schrei mich nicht an!

Tochter: Zweeeeeeeeiiiiiii!

Mutter: Jetzt reichts! Wie redest du überhaupt mit mir?

Wütend knallt die Mutter die Tür zum Kinderzimmer zu, da kommt ihr Mann nach Haus.

Vater: Hallo Schatz. – Was ist denn hier los?

Mutter: Die Kleine will einfach nicht teilen und will von allem immer mehr.

Vater: Das geht nicht, da müssen wir streng sein, das muss sie lernen.

Mutter: Ja, aber ich kann nicht mehr, dieses ständige Schimpfen ist so anstrengend.

Vater: Ich hatte heut auch einen mühsamen Tag. Die EU will immer noch die Digitalkonzerne besteuern.

Mutter: Ja, aber ehrlich gesagt, ist das richtig, bis anhin habt ihr wenig bezahlt, und jetzt müsst ihr das Geld eben auch teilen.

Vater: Nein, das ist unseres.

Teilen muss man lernen. Und wollen. Foto: rawpixel.com

Mutter: Ich weiss, trotzdem müsst ihr mit der Gesellschaft teilen.

Vater: Unsere Firma hat das erwirtschaftet!

Mutter: Die Gesellschaft teilt ja auch die Strassen, die Schulen, die Polizei mit euch, dann könnt ihr ja auch teilen.

Vater: Nein.

Mutter: Doch.

Vater: Nein!

Mutter: Warum teilt ihr nicht? Ihr seid doch die Sharing-Economie!

Vater: Dann brauchen wir aber . . .

Mutter: Was?

Vater: Ein paar Steuervorteile.

Mutter: Kommt nicht infrage. Als das Volk über die Unternehmenssteuern abstimmte, hat es klar Nein gesagt zu neuen Schlupflöchern für Konzerne. Mehr gibts nicht.

Vater: Wir wollen mehr.

Mutter: Das kannst du vergessen.

Vater: Meeeehhhr!!

Mutter: Es gibt nichts mehr!

Vater: Andere Länder geben uns mehr!

Mutter: Wenn ihr so Druck macht, bekommt ihr vielleicht noch einen Steuervorteil, aber ...

Vater: Zwei!

Mutter: Was?

Vater: Wir wollen zwei!

Mutter: Das Volk nicht.

Vater: Zweeiii!

Mutter: Was schreist du mich so an?

Vater: Zweiiiiiiii!

Mutter: Jetzt reichts! Wie redest du überhaupt mit mir?

Wütend knallt die Mutter die Tür zum Arbeitszimmer zu, da kommt ihr kleiner Sohn um die Ecke.

Sohn: Mama, was ist denn los?

Mutter: Ach, der Papa will einfach nicht teilen und will von allem immer mehr.

Sohn: Das geht nicht, das muss er lernen, oder Mama?

Mutter: Ja, aber es ist so . . . Ach . . . Jetzt brauch ich erst mal ein Stück Schoggi.

Sohn: Du kriegst ein Stück Schoggi? Dann musst du aber teilen.

Mutter: Nein!

Erstellt: 29.05.2018, 08:53 Uhr

Laura de Weck

Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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