«Konsum ist besser als sein Ruf»

«Ohne Dinge könnten wir nicht würdevoll leben», sagt Frank Trentmann. Der Historiker erklärt, wieso Besitz identitätsstiftend ist.

«Früher haben Menschen viel mehr geteilt»: Der Forscher Frank Trentmann. Foto: Christian O. Bruch (Laif)

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Frank Trentmann, reden wir über Geld. Jetzt mal ehrlich: Macht Sie Geldausgeben nicht auch glücklich?
Glück ist ein ziemlich grosses Wort. Diese Vorstellung, dass Glück und Konsum zusammenhängen, hat die Werbung erfunden. Dabei haben diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun. Das heisst nicht, dass ich gegen Konsum bin, im Gegenteil. Ich finde sogar, dass Konsum zu Unrecht einen schlechten Ruf hat. Aber Konsum hat nichts mit dem Glückserlebnis zu tun, sondern damit, die Chancen zu erhöhen, den eigenen Weg zum Glück zu gehen. Ob man auch glücklich wird, ist eine ganz andere Sache.

Das klingt kompliziert?
Ich kaufe zum Beispiel gerne Musik. Da bin ich exzessiv, das muss man schon so sagen. Ich habe nicht einfach nur ein bisschen Brahms, ich habe auch finnischen Tango. Oder italienische Canzoni aus den 50er-Jahren. Die kann ich aber höchstens zehn Minuten am Stück hören, danach sagen meine Frau und meine Kinder, ich solle diesen Krach ausschalten.

Aber der Krach macht Sie glücklich, oder?
Ich geniesse das! Es ist aber nicht der Akt des Geldausgebens, es ist das Erlebnis, das ich dann mit der Musik habe. Wenn man den Konsumbegriff sehr weit fasst, so wie ich es als Wissenschafter tue, dann ist Musik auch etwas, das man konsumiert. So wie die meisten Freizeiterlebnisse ein Akt des Konsums sind. Sie gehen in ein Konzert, ins Kino, ins Schwimmbad. Trotzdem halte ich Glück für die falsche Kategorie – Glück hängt von grösseren Fragen ab. Konsum hat andere Funktionen für unser Leben.

Welche?
Vor allem ist er identitätsstiftend. Wenn ich für mein Leben gerne Fahrrad fahre, dann sind das Rad und der Helm ein Teil dessen, was ich bin. Das verstehen die meisten Konsumkritiker nicht. Die sehen Dinge, als ob sie ausserhalb unseres Selbst liegen und uns aushöhlen oder gar vergiften. Aber ohne Dinge könnten wir nicht würdevoll leben. Der Mensch ist nicht dinglos.

Konsumgewohnheiten – zumindest in den Industriestaaten – sind aber exzessiv geworden. Werden wir bald alle an unserem Zeug ersticken?
Nein, aber die Welt erstickt leider an unserem Zeug! Wir als Einzelne eher nicht. Das ganze Thema wird gerne so psychologisiert, als sei der Einzelne das Problem. Aber letztlich ist es die Gesellschaft, sie läuft durch Konsum. Der Grundfehler ist, zu denken, Konsum habe immer mit individuellen Entscheidungen zu tun, die einem Wahlmuster folgen. Es gibt jede Menge Alltagsgewohnheiten, in denen der Konsum als so normal gilt, dass man ihn gar nicht mehr wahrnimmt. Aber Konsum hat auch wichtige soziale Funktionen: die eigene Selbstverwirklichung, die gesellschaftliche Teilhabe. Ohne Konsum ginge es nicht.

Sie wollen uns also beibringen, dass Konsum vor allem toll ist?
Er ist jedenfalls besser als sein Ruf. Insbesondere im deutschen Sprachgebrauch ist Konsum mit negativen Assoziationen verbunden. Konsum ist exzessiv, nicht notwendig, befriedigt nicht die Grundbedürfnisse, heisst es dann – Frauen, die zu viele Schuhe haben, der Porsche, mit dem man vor den Nachbarn protzt. Das Wort «Konsumterror» ist ein Wort, das es in den meisten anderen Kulturen nicht gibt.

Es ist ein Wort aus der Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland.
Es wurde in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren von Rechten wie Linken benutzt und wird immer noch bemüht. Darin steckt die Annahme, dass der Kapitalismus uns Wünsche und Bedürfnisse in die Hirne und Herzen pflanzt, die uns zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen. Aber in anderen Gesellschaften, in den angelsächsischen oder in Italien und Frankreich, haben die meisten Bürger gesehen: Eigentlich ist Konsum ein integraler Teil einer pluralistischen Gesellschaft. Es ist nämlich schwer, zu sagen, was Zwang ist und was nicht. Die Haltung ist oft: Ihr Konsum ist nicht mein Konsum, und deswegen kann ich darüber arrogant urteilen. Hier, Ihnen scheinen Markenuhren wichtig zu sein. (Zeigt auf den Unterarm des Reporters)

Ähm, na ja ...
Mir ist das nämlich nicht wichtig. Ich habe eine alte Solaruhr, die stehen bleibt, wenn die Sonne mal eine Weile nicht scheint. Ich kann deswegen aber nicht urteilen, warum Sie diese Uhr tragen, ich kann nicht einfach behaupten, die Werber hätten Ihnen das aufgezwungen. Wir wissen durch anthropologische und soziologische Forschung, dass die Verbraucher viel mehr relative Unabhängigkeit und Eigenverantwortung tragen, als dass man sie nur als Sklaven irgendwelcher Firmen sehen kann. Konsum ist nicht nur manipuliert.

«Je geringer das Einkommen, desto grösser und bunter ist das Geschenk zum Valentinstag.»

Aber die meisten von uns könnten schon mehr sparen?
Sparen! Wenn ich das schon höre. Wir haben ein Problem, Konsum als etwas Legitimes anzusehen. Da wird natürlich verneint, wie irrsinnig viel hier konsumiert wird. Es ist üblich, so zu tun, als schlüge man nie über die Stränge. Als würden immer alle masshalten. Der solide brave Mitteleuropäer, das gilt doch als Ideal. Das ist ein weitreichendes Problem.

Inwiefern?
Weil Schulden zu haben, so verpönt ist, dass viele Menschen, die davon betroffen sind, sich schämen und sich gar nicht erst trauen, zur Schuldenberatung zu gehen. Würden sie hingehen, könnten sie ihre finanzielle Situation wahrscheinlich in den Griff kriegen, und alles wäre gut. Aber der Weg ist da oft weit, und das hat auch mit dieser gesellschaftlichen Ächtung von Schulden zu tun.

Wie sieht denn Ihr Schuldenstand aus?
Ich habe natürlich eine Hypothek für unser Haus in London. Dann habe ich verschiedene Kreditkarten, nicht nur eine. Bestimmt fünf bei verschiedenen Banken.

Haben Sie einen Notgroschen?
Na ja, wir haben so eine alte Porzellanschale in der Küche, da sammeln wir Münzen. Da kann man sich Kleingeld rausnehmen, wenn man welches braucht.

Wir meinten eigentlich: Haben Sie drei Monatsgehälter auf einem Konto, für Notfälle?
Natürlich nicht. Wir haben alles irgendwie verteilt, manches ist in Aktien und greifbar, anderes fest angelegt, wieder anderes geht in die Pensionskasse, manches ist verfügbar. Aber Ihre Frage zeigt schon das Problem: Das Bild vieler Menschen in finanziellen Fragen ist geprägt von den Vorstellungen der Nachkriegszeit, wo es das Motto gab «Spar dich reich». Ich argumentiere dagegen, denn für viele hat das nicht funktioniert. Da hat man als Historiker auch eine politische Verantwortung.

Sind Sie denn politisch?
Ich wohne in London, ich bin also vor allem desillusioniert. Aber klar, mein wissenschaftliches Thema habe ich mir nicht umsonst ausgesucht. Wie man konsumiert, ist ein zentrales Thema, für die Gesellschaft wie für die Umwelt, aber es ist nicht Teil der schulischen Ausbildung. Das halte ich für einen fatalen Fehler.

Konsumieren Menschen mit geringem Einkommen anders?
Oft sind arme, verschuldete Menschen besonders gut in der Haushaltsführung. Die halten ihr Geld zusammen. Meistens entsteht das Problem, weil jemand arbeitslos wird, weil es einen Krankheits- oder Todesfall in der Familie gibt oder eine Partnerschaft in die Brüche geht. Wir wissen, dass Menschen mit geringem Einkommen oft anders auswählen als Wohlhabende. In England gibt es eine Untersuchung darüber, was zum Valentinstag gekauft wird: Je geringer das Einkommen, desto grösser und bunter das Geschenk. Man kauft dann eben keinen Diamantring, sondern ein riesiges aufblasbares Einhorn mit Glitzer. Etwas Auffälliges, das einen richtig umhaut. «And why not», sagen wir in England.

Sie betonen, es gebe beim Konsumieren kein richtig oder falsch, das Problem liege im Aggregat. Was muss sich ändern?
Wir müssen die grossen Prioritäten klar benennen. Wenn man sich wirklich um den Klimawandel kümmern will, gibt es zwei ganz grosse Bereiche: Das eine ist Mobilität, das ständige Hin-und-her-Gefahre und die Fliegerei, dieser gehetzte Lebensstil. Und das Zweite ist das Wohnen. Da sehen wir seit 20 bis 30 Jahren eine Übermacht von sogenanntem Solo Living mit der Annahme, jeder Mensch habe ein Recht auf eine eigene Wohnung.

Himmel, das stellen Sie infrage?
Ja, denn historisch ist das völliger Irrsinn. Letzten Endes ist das auch Konsum: Dann will ich nämlich eine eigene Waschmaschine, einen eigenen Kühlschrank, mein eigenes Mobiliar und so weiter.

Was wäre die Alternative?
Na, Wohnen mit anderen Menschen.

Aber angenommen, man hat jetzt keinen Partner, ist nicht verheiratet, will nicht in einer WG wohnen?
Haben Leute früher auch gemacht. Vor 100 Jahren gab es in vielen Städten sogenannte Nachtschläfer-Arrangements. Das will ich nicht propagieren – aber es war üblich in den Arbeitervierteln, dass die Leute keine eigene Wohnung hatten. Häufig haben Schichtarbeiter sich die Zimmer geteilt: Wenn die Nachtschicht kam, ging man zur Arbeit und machte das Bett frei.

Sie verstehen, dass das keiner mehr will.
Natürlich. Aber wir müssen uns ernsthaft und dringend über alternative Wohnmodelle Gedanken machen. Neue Siedlungskonzepte, Mehrgenerationenhäuser, solche Dinge. Warum haben wir denn keine Waschräume mehr, so wie früher? Sehr viele Dinge sind durch den Konsum privatisiert worden. Es wird heute ausdauernd über Sharing Economy geredet, als wäre das etwas Neues. Früher haben Menschen aber viel mehr geteilt.

Ihr 800-Seiten-Wälzer «Herrschaft der Dinge» über die Geschichte des Konsums hat sich ziemlich gut verkauft. Was haben Sie denn mit den Einnahmen gemacht?
Wir haben ein Festessen geschmissen, und ich habe meine Sammlung in Sachen finnischer Tango ein bisschen erweitert. Aber ich habe mir kein Motorrad gekauft und auch keinen Picasso. Stattdessen habe ich viel Geld an Pensionskassen überwiesen. Man wird sehen, ob das so weise war.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 17:36 Uhr

Ein Deutscher schreibt in London über Konsum

Frank Trentmann ist ein deutscher Historiker, der am Birkbeck College der Universität London als Professor lehrt.Der heute 53-Jährige schrieb 2017 in «Herrschaft der Dinge» – erschienenbei DVA – die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Damit gewann Trentmann mehrere Preise und landete einen Bestseller. Er ist in Hamburg geboren und lebt heute mit seiner Familie in London. (cix)

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