Kraft der Emanzipation

Beim Protest der iranischen Frauen steht für einmal nicht der religiöse Überbau im Vordergrund.

Protest weitet sich aus: Zahlreiche Iranerinnen legen öffentlich ihr Kopftuch ab. Video: Tamedia/Twitter

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Es ist noch längst keine Massenbewegung, und doch tragen die Bilder iranischer Frauen, die mit ihren ausgezogenen Kopftüchern gegen staatliche Kleidervorschriften protestieren, eine starke symbolische Kraft in sich. Besonders für westliche Augen sind die wie Flaggen an Stöcke gehängten Kopftücher bemerkenswert, denn im Westen ist dieses Kleidungsstück längst zum Symbol für den Islam schlechthin geworden.

Dieser Stoff bespannt den Graben zwischen den Kulturen. Doch beim Protest der iranischen Frauen steht für einmal nicht der religiöse Überbau im Vordergrund. Diese Frauen haben ganz einfach genug davon, sich vorschreiben zu lassen, wie sie ihr Leben zu leben haben. Es sind Frauen, die sich nicht mehr alles bieten lassen. Klingt dies nicht irgendwie vertraut? Ist nicht der Sturz von Harvey Weinstein oder Yannick Buttet im Grunde genommen Zeuge von demselben «Genug ist genug»?

Das «Time Magazine» hatte den richtigen Riecher, als es als «Person of the Year 2017» nicht Xi Jinping oder Donald Trump auf das Titelblatt setzte, sondern Repräsentantinnen der #MeToo-Bewegung. Wenn sich Frauen heute in grosser Zahl gegen die männliche Dominanz zur Wehr setzen, sind sie nicht mehr so leicht zu stoppen. In der fortgeschrittenen Dienstleistungsgesellschaft garantiert die körperliche Überlegenheit allein keine anhaltende Machtsicherung der Männer mehr.

Gegen die Dominanz des Westens

Frauen stellen 50 Prozent der Bevölkerung. Dies gilt für jedes Land, jede Religion und jede Kultur. Genau deshalb liegt bei den Frauen auch der Schlüssel, der früher oder später aus der Sackgasse des Kampfs der Kulturen führen könnte. Allerdings scheint die Entwicklung bis heute eher in die entgegengesetzte Richtung zu gehen: Egal ob in Istanbul, Kairo oder Kabul – dort, wo Frauen einst mit offenen, unbedeckten Haaren das Stadtbild prägten, nimmt das Ausmass weiblicher Verhüllung scheinbar unaufhaltsam zu.

Doch was für unsere Augen bloss ein Zurückdrehen gesellschaftlicher Emanzipation darstellt, ist aus islamischer Sicht in erster Linie Ausdruck einer kulturellen Emanzipation gegenüber der Dominanz des Westens. Im Westen sind egalitäre Geschlechterbilder aus der eigenen Gesellschaft gewachsen. In der islamischen Welt sind diese zumindest in der Wahrnehmung vieler Ausdruck eines importierten «westlichen Lebensstils», der von ausbeuterischen Kolonisatoren und westlich geprägten Despoten mitgebracht worden ist.

Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn auch heute noch selbstbewusste junge islamische Frauen freiwillig ein Kopftuch tragen. Sie können damit ihre kulturelle Identität zum Ausdruck bringen. Im Kern hat die kulturelle Aufladung von Kleidung und Lebensstil jedoch vor allem die Macht des islamischen Patriarchats gefestigt. Wenn sich islamische Frauen emanzipieren wollen, brauchten die Patriarchen bislang bloss mit der Keule des Verrats an der eigenen islamischen Kultur zu schwingen. Der Westen hat mit seinem breitwilligen Einsteigen auf das Feindbild der islamischen Kleiderordnung (Stichwort Burkaverbot) deren symbolische Bedeutung nur noch verstärkt.

Wandel ist stärker als Beharrung

Und dennoch ist der gesellschaftliche Wandel bisweilen mächtiger, als es die kulturellen Beharrungskräfte sind. Auch im Westen war das Tolerieren sexueller Übergriffe von Männern in Machtpositionen bis vor kurzem Teil einer scheinbar kaum veränderbaren patriarchalen Kultur. Dann genügte eine kritische Zahl von Frauen, die sich nicht mehr alles haben bieten lassen, um die Verhältnisse zu kippen.

Die erzkonservativen Wahhabiten Saudiarabiens scheinen es zu ahnen: Auf Dauer wird sich die weibliche Hälfte ihrer Gesellschaft nicht von allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausschliessen lassen. Zaghafte Reformschritte haben sie bereits gewagt. Das iranische Regime hat schon vor ein paar Jahren die Macht der Sittenpolizei zurückgebunden.

Es sind die Frauen islamischer Gesellschaften, die sich nicht mehr alles bieten lassen, und nicht der Westen, der diese Entwicklung treibt. Gerade weil die sich abzeichnenden Emanzipationsbewegungen in ausgesprochen islamisch geprägten Staaten wie Saudiarabien oder dem Iran verankert sind, können sie dabei letztlich zu einem genuinen Wandel des Islams als Ganzen beitragen.

Erstellt: 05.02.2018, 19:07 Uhr

Im Kern hat die kulturelle Aufladung von Kleidung und Lebensstil die Macht des islamischen Patriarchats gefestigt: Demonstrantin vor dem UNO-Hauptquartier in New York während des Besuchs von Irans Präsident Hassan Rohani im September 2017. Foto: Amr Alfiky (Reuters)

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