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Kuba geht online

Nachdem der Inselstaat jahrelang praktisch offline war, sorgen neue öffentliche WLAN-Spots für Begeisterung.

In den Strassen Havanas wird nur noch gesurft: Jugendliche im Zentrum der kubanischen Hauptstadt. (1. Juli 2015)
In den Strassen Havanas wird nur noch gesurft: Jugendliche im Zentrum der kubanischen Hauptstadt. (1. Juli 2015)

Yovan Sánchez kann es kaum glauben. Der 20-jährige Kubaner kann seinen Onkel sehen, mitten in einem Park in Havanna schimmert am Abend das Antlitz seines Verwandten aus Tampa im US-Bundesstaat Florida auf dem Bildschirm seines Smartphones. «Wir sprechen bald wieder», verspricht Sánchez seinem vor Jahren in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Onkel, bevor beide auflegen. Dann erklärt Sánchez, was er über die öffentlichen Internet-Zugriffspunkte – sogenannte Hotspots – denkt, die die Behörden des sozialistischen Karibikstaates vor kurzem eingerichtet haben. «Das ist das beste, was sie jemals hier gemacht haben», schwärmt er.

Seit einiger Zeit baut der kubanische Staat den Internetzugang im Land langsam aus. Von Mitte 2013 an wurden landesweit Internetcafés eröffnet, seit Juli dieses Jahres gibt es nun 35 öffentliche WLAN-Hotspots auf der ganzen Insel.

Jahrelang faktisch «offline»

Das Bild in einigen Strassen der Hauptstadt Havanna kommt in diesen Tagen deswegen einer Revolution gleich in einem Land, das jahrelang faktisch «offline» war: Ganze Familien haben Computerprogramme für Videoanrufe als neues Mittel entdeckt, um mit Verwandten im Ausland zu telefonieren.

Vor allem Jugendliche sitzen sogar bis in die Morgenstunden hinein mit aufgeklapptem Laptop auf dem Bürgersteig und surfen im Internet. «Das hat mein Leben verändert», sagt Randy Cantero in einem Park mit eingerichtetem WLAN-Spot im Stadtbezirk Marianao. Früher habe er bloss einmal im Monat für eine halbe Stunde bei Bekannten ins Internet gehen können.

Bis tief in die Nacht chatten: Jugendliche nutzen das WLAN eines nahen 5-Stern-Hotels in Havana. (1. Juli 2015/AP Photo)
Bis tief in die Nacht chatten: Jugendliche nutzen das WLAN eines nahen 5-Stern-Hotels in Havana. (1. Juli 2015/AP Photo)

Heute sei er im Schnitt etwa drei Stunden am Tag online. «Das ist Fortschritt», findet Cantero. Der 22-Jährige hat keinen festen Job, er verdingt sich nur gelegentlich als Malergehilfe. So bringt er jene umgerechnet 1,85 Franken auf, die er für eine Stunde im Netz braucht. Obwohl die Internetpreise deutlich billiger geworden sind, ist das noch viel Geld in einem Land, in dem der staatliche Durchschnittslohn bei umgerechnet knapp 20 Franken im Monat liegt.

Private Anschlüsse nach wie vor tabu

Kuba hat fraglos ein schwieriges Verhältnis zum Internet. Trotz der Verbesserungen hat die Insel eine der schlechtesten Verbreitungsraten weltweit, nach Angaben der UNO-Telekommunikationsagentur ITU waren 2013 nur 3,4 Prozent der Haushalte mit dem Internet verbunden. Denn private Anschlüsse sind im Land nach wie vor weitgehend tabu. Nur einige Berufsgruppen erhalten eine Genehmigung für einen eigenen Internetanschluss zu Hause - in der Regel handelt es sich dabei um eine veraltete und langsame Modemverbindung.

Wegen der Zensur zahlreicher kritischer Websites stufte die Organisation Reporter ohne Grenzen Kuba in diesem Jahr zudem als «Feind des Internets» ein. In letzter Zeit wächst aber bei den mächtigen Parteiinstanzen wohl die Einsicht, dass sie ihr Misstrauen gegenüber dem Internet aufgeben müssen, wenn Kuba wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen soll.

So wurde vor Monaten ein offenkundig illegal aus dem Netz gezogenes Video zum Renner in Havanna. Es scheint einen Staatsfunktionär dabei zu zeigen, wie er Offiziere der Staatssicherheit über die Vorteile des Internets belehrt.

Endlich in Kontakt mit den Verwandten: Der Künstler Dariel Llerandis telefoniert mit seiner Frau, die in Miami lebt. (22. September 2015/Reuters)
Endlich in Kontakt mit den Verwandten: Der Künstler Dariel Llerandis telefoniert mit seiner Frau, die in Miami lebt. (22. September 2015/Reuters)

Nach Ansicht von Beobachtern sind sich die Wirtschaftsreformer um Staatschef Raúl Castro inzwischen zwar bewusst, dass sie im globalen Wettbewerb aus ökonomischen Gründen nicht um eine Öffnung des Internets herum kommen - dies soll aber zugleich auf die Skepsis alter Parteikader stossen, die sich um die Kontrollmöglichkeiten des Staates sorgen. Dies würde den nur zögerlich vorangehenden Infrastrukturausbau erklären.

Die Annäherung mit den USA stellt Kubas Nomenklatura nun auf die nächste harte Probe. Seit Anfang des Jahres hat die US-Regierung als Teil ihrer neuen Kuba-Politik mehrfach ihr Handelsembargo gegen den Karibikstaat gelockert, viele der Massnahmen beziehen sich explizit auf die Telekommunikation. Zahlreiche US-Firmen aus der Branche dürfen nun einfacher Geschäfte mit Kuba machen.

Das rief bereits Skeptiker auf den Plan. Es gebe viele, die den Kubanern beim Thema Internet helfen wollten, sagte der frühere kubanische Vizepräsident José Manuel Machado Ventura im Juli. Man wisse aber, dass es dabei um ideologisch motivierte Übernahmeversuche gehe, warnte der 85-Jährige. Sein Fazit: «Wir müssen Internet haben, aber auf unsere Weise.»

SDA/thu

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