Küssen, heiraten, töten

Auch nach #MeToo und im Jahr des Frauenstreiks gibt es noch offen gelebte Frauenfeindlichkeit. Warum?

«Ja, lol, ey»: Rezo und zwei weitere bekannte deutsche Youtuber finden sich lustig. Wir nicht. (Bild: Screenshot)

«Ja, lol, ey»: Rezo und zwei weitere bekannte deutsche Youtuber finden sich lustig. Wir nicht. (Bild: Screenshot)

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Ein Sommer grosser Hoffnungen liegt hinter uns, dass in Sachen Gleichberechtigung – endlich, endlich! – nachgeholt wird, was selbstverständlich sein sollte. Und dann das: Das Zürcher Obergericht bestätigte den Freispruch eines jungen Mannes, der beim Sex das Kondom abgestreift hatte. Ohne das Wissen seiner Partnerin, die auf Verhütung bestanden hatte.

Es sei zwar verwerflich, was der Student tat, aber strafrechtlich relevant ist es nicht. So das Gericht. Unser Strafrecht lässt es also zu, dass Sex ohne gegenseitiges Einvernehmen legal ist. Und Frauen doppelt diskriminiert werden. Weil sie erstens gegen ihren Willen schwanger werden und zweitens mit Krankheiten angesteckt werden können.

Gewiss, das Urteil des Zürcher Obergerichts kann ans Bundesgericht weitergezogen werden. Auch sind politische Vorstösse zu erwarten, die auf eine Schliessung der Gesetzeslücke hinarbeiten. Und doch ist der Fall stossend – und symptomatisch. Weil seit der Gleichstellung der Geschlechter in der Bundesverfassung viel Zeit vergangen ist: 38 Jahre, in denen man sexistische Paragrafen aus dem Recht hätte verbannen können. Und weil Verachtung für Frauen noch immer etwas Alltägliches, offen Gelebtes, gar Toleriertes ist.

Gewaltfantasien vor Millionenpublikum

Kürzlich auf Youtube: Da spielten drei sehr bekannte deutsche Blogger, darunter der Youtuber Rezo, «Kiss, Marry, Kill». Im Spiel geht es darum, dass einer aus der Runde entscheiden muss, wen er von drei Personen heiraten, küssen oder töten will, wobei mit küssen «vögeln» gemeint sei, so Rezo. «Menschenverachtend, aber lustig» sei dieses Spiel, meint der mitspielende Youtuber Taddl.

Lustig? Nein, frauenverachtend: Rezo, Julien Bam und Taddl spielen «Kiss, Marry, Kill» (Quelle: Youtube)

«Lustig» ist es nicht, was die drei da spielen, sondern nur eines: offensichtlich frauenfeindlich. Zwar sind auch Männer unter denen, die geküsst, geheiratet und gekillt werden sollen. Aber in Gewaltfantasien ergehen sich die drei vor allem dann, wenn es um Frauen geht. «Bibi ist schwanger», heisst es da, als sich der mitspielende Julien Bam entscheiden muss, ob er die Youtuberin Bianca «Bibi» Heinicke küssen, heiraten oder töten will. «Stimmt, ich kann doch keine Schwangere killen», sagt Julien Bam. Was für die drei aber kein Hindernis ist, sich in Fantasien gegen «Bibi» und ihr Ungeborenes zu ergehen: «Double kill, hohoho», höhnt Taddl.

Offensichtlich empfinden diese Typen ihre Identität so prekär, dass sie diese um jeden Preis absichern müssen.

Über 1,5 Million Mal wurde das Video bereits angeklickt. Wenn man es in der Schweiz schaut, kann es sein, dass dazu Werbung geschaltet wird, etwa von Interdiscount, Wallis-Tourismus oder von der BfU, der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Sie alle wollen von der Reichweite der Youtuber profitieren. Rezo macht im Video Werbung für seinen «Merch»: Kapuzenpullis mit dem Aufdruck «Ja, lol, ey».

Für die Pubertät sind die drei You­tuber – alle um 1990 geboren – zu erwachsen. Und für ein harmloses Spiel sind sie zu einflussreich: Youtuber promoten als Influencer nicht nur Produkte und bringen es dank Werbung auf fünfstellige Monatseinkünfte. Die Videoblogger sind auch so etwas wie die Intellektuellen einer jungen Generation, die mit ihren Beiträgen aufklären wollen, so etwa, wenn Rezo in einem Video die CDU auseinandernimmt.

Wenn Frauen von ihren Rollenbildern abweichen

Wie kann es sein, dass drei junge Erwachsene im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sich öffentlich Gewaltfantasien gegen Frauen hingeben? Und wie ist es überhaupt zu erklären, dass Frauen verachtet werden – heute, in einer aufgeklärten Gesellschaft? Die australische Philosophin Kate Manne hat in ihrem Buch «Down Girl» die Logik der Misogynie sehr klar herausgearbeitet: Männer ergehen sich immer dann in Frauenverachtung, wenn ihnen nicht das gegeben wird, von dem sie glauben, es stehe ihnen zu, etwa weibliche Fürsorge, sexuelle Zuwendung oder Anerkennung.

Reaktionäre Typen sehen Frauen als Gebende, nicht als Gleichberechtigte. Weicht eine Frau von diesem Rollenbild ab – was nichts als ihr Recht ist –, wird sie von Ewiggestrigen angegriffen, niedergemacht und in eine untergeordnete Position gedrängt.

Offensichtlich können diese Typen keine Gleichberechtigung aushalten. So prekär empfinden sie ihre Identität, dass sie diese – wie ihren Platz in der Gesellschaft – um jeden Preis absichern müssen. Dafür schwelgen sie schon mal vor einem Millionenpublikum in Gewaltfantasien gegen eine Schwangere, in der sie wohl eine Konkurrentin sehen. Das ist ein No-go, dem unsere Gesellschaft die Stirn bieten muss. Indem sie Frauenverachtung benennt, ihr keinen Platz gibt.

Erstellt: 11.12.2019, 22:07 Uhr

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