Kultur in der Kokakrise Kolumbiens

In Kolumbien wird so viel Koka angebaut wie nie zuvor. Die meisten Pflanzungen finden sich in Tumaco. Und mittendrin steht ein Museum.

Ein Ort der Erinnerung: Fotos von über 700 Drogenkriegsopfern. Fotos: David Karasek

Ein Ort der Erinnerung: Fotos von über 700 Drogenkriegsopfern. Fotos: David Karasek

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Aus den Lautsprecherboxen, die an den Fassaden der meisten Geschäfte und Cafés hängen, dringt Musik. Oder besser: Lärm. Die Leute in den Strassen schreien sich an, um sich verständigen zu können. Die Autos knattern, hupen und klingen nach Schrott. Überhaupt ist es dreckig, alt und verwahrlost in der Innenstadt von Tumaco, der brutalsten und tödlichsten Gegend Kolumbiens. In der ärmlichen Gemeinde an der Pazifikküste ist die Mordrate viermal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Hier befinden sich landesweit die meisten Kokainlabors und -anbauflächen.

Laut einem Bericht der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) ist die Gesamtfläche der Kokaplantagen in Kolumbien im vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent gewachsen. Eigentlich sollte das goldene Kokazeitalter längst Geschichte sein in dem Land, das durch Pablo Escobar und dessen Drogenkartell traurige Berühmtheit erlangte.

Doch nach dem Friedensabkommen, das vor einem Jahr von Kolumbiens Regierung und den Farc-Rebellen unterschrieben wurde, trat das Gegenteil ein: Die ehemaligen Farc leben seitdem in Auffanglagern, und jetzt, wo die Drogenbühne frei ist, treten immer mehr neue kriminelle Gruppierungen ins Rampenlicht im Kampf um die Kokaplantagen. Auch die Bauern kämpfen mit allen Mitteln gegen die Polizei, um ihre Plantagen zu sichern. Denn mit dem Anbau der Kokapflanze verdienen sie das meiste Geld. Auf die versprochenen Subventionen vom Staat, um legal ihre Felder zu bewirtschaften, warten sie bis heute vergebens.

Und so sieht das Tumaco von heute noch immer aus wie das Kolumbien der ersten beiden Staffeln der Serie «Narcos»: In der Innenstadt steht eine vermeintliche Bauruine neben der anderen. Kaum vorstellbar, dass diese Häuserzeilen Geschäfte und Wohnungen beherbergen und nicht in sich zusammenfallen, wenn eine Tür kräftig zugeschlagen wird. Und temperamentvoll geht es zu. Die Lautsprecher, der Verkehrslärm der alten Autos – unmöglich, hier sein eigenes Wort zu verstehen. Ständig hängen Wortfetzen in der stickigen Luft, auch die Kommunikation scheint hier zu verwahrlosen.

Die Menschen haben sich an die Gewalt gewöhnt.

Die ganzen Stromleitungen, die zwischen den gegenüberliegenden Häuserschluchten gespannt sind, lassen den Himmel, trotz der für Kolumbien sehr heissen Temperaturen, trüb erscheinen. Dass vor zwei Tagen in diesen Strassen ein Teenager erschossen wurde, hält niemanden davon ab, in der Stadt unterwegs zu sein. Die Menschen haben sich an die Gewalt gewöhnt.

Mitten in diesem Gemisch aus Lärm, Drogen, Gewalt und Tod ist die «Casa de la Memoria», das Haus der Erinnerung, entstanden. Es ist ein Museum, an dessen Eingangstür ein Aufkleber ins Auge sticht, der ein durchgestrichenes Maschinengewehr zeigt. Ein Sticker, der in der Schweiz eine durchgestrichene Zigarette oder einen durchgestrichenen Hund zeigen würde.

Auch die Kommunikation verwahrlost: Die Innenstadt von Tumaco – mit Museum.

In der Schweiz ist Rauchen verboten. In der Schweiz dürfen Hunde nicht rein. Hier sind automatische Waffen nicht erlaubt. Anscheinend völlig normal, hier in Tumaco. Das Haus der Erinnerung ist ein Museum, das an die Opfer dieses Drogenkrieges erinnert, und zugleich eine Gedenkstätte für die Hinterbliebenen, die hier lernen können, mit der Trauer umzugehen.

Schutzgelder sind an der Tagesordnung

Denn neben Kokabauern, die ihre Felder nicht den Drogenbanden überlassen wollen, sind häufig Zivilisten unter den Opfern. Wer im Weg ist oder nicht kooperiert, wird getötet. Schutzgelder sind hier an der Tagesordnung. Der grösste Ausstellungsraum zeigt Fotos von über 700 Opfern des Drogenkrieges in Tumaco. Wie die meisten Besucher entdeckt ein Kokabauer, der übers Radio von dem Museum erfahren hat, einige seiner Bekannten auf den Fotos und kennt deren Geschichte.

Neben Verwandten der Opfer besuchen viele Schulklassen die Casa de la Memoria. Als vor 13 Jahren die Diözese von Tumaco begann, Fotos und Daten der Opfer des Drogenkrieges zu sammeln, um den Angehörigen eine Gedenkstätte zu ermöglichen, wurden es schnell zu viele – obwohl nur ein kleiner Teil der Ermordeten hier zu sehen ist. So entstand vor vier Jahren das Museum, gedacht als Kultur- und Begegnungszentrum, dessen Ziel es ist, auf die aktuelle Misere Tumacos aufmerksam zu machen. Neben der Ausstellung werden Workshops angeboten, in denen sich Angehörige beim gemeinsamen Häkeln austauschen oder ihrer Trauer durch Malen Ausdruck verleihen.

Sauber, leise, bunt

Zwar ist auch das Museum mit einfachsten Mitteln erbaut, das Dach aus Wellblech, auf den Fussleisten haftet die heruntergetropfte Farbe der Wände – doch anders als draussen ist es hier sauber, leise und farbenfroh. Die Räume erinnern an eine Primarschule, in der gerade eine Projektwoche stattfindet: Bunte, gebastelte Buchstaben hängen über den Ausstellungsstücken der Räume, die über Tumaco und die Pazifikküste erzählen. An Karneval erinnernde Accessoires hängen an Wänden und Decken, in der Mitte liegt eine Komplettfassung des Friedensvertrages. Wie eine Bibel liegt er dort, als Ringbuch.

In der Casa de la Memoria ist Frieden.

Der anwesende Kokabauer ist enttäuscht vom Friedensvertrag. Der Staat hätte den Bauern darin Ausgleichszahlungen für deren Kokaplantagen versprochen, doch nichts geschehe, sagt er. Überhaupt schimpfen hier alle auf die Politik. Museumsmitarbeiter, Angehörige der Opfer oder eben Kokabauern. Die Politiker hätten viel versprochen, aber bisher wenig gehalten, deswegen herrsche jetzt quasi Anarchie, alles wäre noch viel schlimmer als vorher.

Ein Ort nur für die Opfer

Doch das ist draussen – hier drinnen, in der Casa de la Memoria, ist Frieden. Einerseits werden hier die Opfer des Drogenkriegs betrauert, andererseits mutet es nach heiler Welt an. Eine Welt, die hier geschaffen wurde und die den Besuchern offenbar Kraft und Halt gibt. Erklärtes Ziel ist es, die aktuelle grausame Gegenwart zu zeigen, damit ein Umdenken in der Bevölkerung einsetzt.

Doch draussen wirken die Leute keineswegs verängstigt. Obwohl Tumaco eine der blutigsten Städte Kolumbiens und der Drogenkrieg hier wieder voll entflammt ist, geht das Leben in der Innenstadt weiter. Die Cafés sind voll, obwohl jeder weiss, dass hier fast täglich gemordet wird. Es scheint, als hätten die Menschen sich an das Morden gewöhnt – das Töten ist Alltag geworden.

Präsent ist die Gefahr jedoch immer: Journalisten wird dringend davon abgeraten, alleine nach Tumaco zu reisen, Touristen gibt es hier sowieso nicht. Zwar wirken alle Menschen in der Stadt frei, spricht man aber mit den Leuten, wird die Angst dennoch deutlich. Die Museumsleiterin Lina Peña sagt, dass die meisten Besucher kommen, um ihrer getöteten Angehörigen zu gedenken. Das Museum steht allen offen – Kokabauern, Opfern, Angehörigen, auch Bandenmitglieder werden nicht abgewiesen.

Nur die Opfer sind hier ein Thema, nicht jedoch die Täter. Hier haben alle nur einen Feind: den Staat. Dem Staat wird die Schuld für die Verwahrlosung und Verrohung der Stadt gegeben, weil er seine Versprechen nicht einhält und die Bevölkerung, allen voran die Kokabauern, im Stich lässt. Darin sind sich alle einig. Mit ihrem naiven, kindlichen Charme wirkt die Casa de la Memoria wie ein Friedensangebot an alle. Der aufliegende Friedensvertrag scheint eine Mahnung, endlich die Versprechen umzusetzen, damit das Morden in Tumaco ein Ende hat.

Erstellt: 12.12.2017, 18:04 Uhr

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