Leib Christi oder Hokuspokus?

Die Frage, ob auch evangelische Ehepartner zur Kommunion dürfen, spaltet die Deutsche Bischofskonferenz – und setzt Schweizer Katholiken unter Druck.

«Ein Weg, die schmerzliche Trennung zu überwinden»: Hostien für die heilige Kommunion. Foto: Getty Images

«Ein Weg, die schmerzliche Trennung zu überwinden»: Hostien für die heilige Kommunion. Foto: Getty Images

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Seit 2000 Jahren verwaltet die römisch-katholische Kirche Gottes Präsenz auf Erden, ihre Priester verteilen in Wein und Hostie den leibhaftig anwesenden Christus – wobei nur getaufte und sündlose Katholiken würdig sind, die Kommunion zu empfangen. Sünder, Ungläubige und Andersgläubige verdienen es nicht, Leib und Blut Christi zu verkosten. Nun aber hat das Kirchenoberhaupt Franziskus die Zulassungsbedingungen ein wenig gelockert. Der Kommunionsempfang für Wiederverheiratete ist zum theologischen Hauptthema des Papstes geworden. Jetzt wird auch die Frage virulent, ob in konfessionsverschiedenen Ehen die evangelischen Partner zur Kommunion dürfen. Die Frage stellt sich vor allem in den Ländern der Reformation, in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Sie spaltet die Deutsche Bischofskonferenz – mit Folgen für die Schweizer Katholiken.

Im Februar beschlossen die deutschen Bischöfe nach kontroverser Debatte mit Zweidrittelmehrheit, dass evangelische Christen künftig ihren katholischen Ehepartner zur Kommunion begleiten dürfen. Dem rechten Flügel der Konferenz geht diese Ökumeneharmonie zum Abschluss des Reformations­jubiläums zu weit. Unter der Führung des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki bitten 7 der 25 deutschen Diözesanbischöfe den Vatikan in einem Brief um Klärung: Die Bischofskonferenz habe ihre Kompetenz überschritten und gegen die Glaubenslehre wie die Einheit der Kirche verstossen. Der Vorgang ist beispiellos.

Widerspruch folgt auf Widerspruch

Als Präsident der Bischofskonferenz sah sich der Münchner Kardinal Reinhard Marx genötigt, der Minderheit brieflich zu widersprechen. Es sei einer nationalen Bischofskonferenz durchaus möglich, Kriterien für die Kommunionspendung an Christen festzulegen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stünden. Papst Franziskus habe ihn ausdrücklich zu weiteren Schritten in der Ökumene ermutigt. Im Übrigen seien Änderungen in der noch unveröffentlichten Anleitung der Bischöfe möglich.

Marx hatte zuvor schon klargemacht, dass es nicht um Dogmatik, sondern um Seelsorge geht. Zudem dürfen evangelische Christen nur in Einzelfällen und nach einem Gespräch mit dem Pfarrer zur Kommunion. Und: Sie müssen die katholische Eucharistielehre bejahen.

«Die Kirche soll ihren Abendmahlsbegriff überdenken.»

Auch die Schweizer Bischofskonferenz kommt jetzt unter Druck, sind doch bei uns konfessionsverschiedene Ehen nicht minder zahlreich. Weil der Brandbrief der sieben Bischöfe explizit an den Schweizer Ökumeneminister Kardinal Kurt Koch gerichtet ist, wird seine Antwort das grösste Gewicht haben. 1992 schrieb er in seinem Buch «Lust am Christsein», dass die Einladung zur Kommunion der nicht katholischen Partner in konfessionsverschiedenen Ehen ein «stimmiges Glaubenszeichen» sei und ein «verheissungs­voller Weg, die schmerzliche Trennung im Herrenmahl zu überwinden».Damals war Koch ein aufgeschlossener Professor in Luzern. Aber auf dem Weg zu höheren Weihen ist er päpstlicher als der Papst geworden. Es wäre überraschend, wenn er sich hinter die Mehrheit der deutschen Bischöfe stellen würde. Sollte er diese umgekehrt zurückpfeifen, würde das den Besuch des Papsts beim Ökumenischen Rat der Kirchen vom 21. Juni in Genf schwer belasten.

Der Konflikt kommt also zur Unzeit. Was Franziskus selber anbelangt, so hatte dieser im November 2015 in der lutherischen Kirche von Rom Öffnung signalisiert und die Frage der Kommunion für evangelische Ehepartner mit dem Hinweis auf die gemeinsame Taufe und das Gewissen beantwortet.

Es wäre schön, würde die katholische Kirche im Kontext der Ökumene ihr Abendmahls­verständnis grundsätzlich überdenken. Der Glaube, wonach Brot und Wein wesensmässig in Leib und Blut Christi verwandelt werden, steht seit Jahrhunderten in der Kritik. Das Wort «Hokuspokus» wird von den priesterlichen Wandlungsworten «Hoc est corpus meum», «Dies ist mein Leib», hergeleitet. Es stellt zu Recht die Sakramentenmagie infrage, mit der der Klerus Gott verdinglicht und ihn verfügbar macht. Stets bleibt auch subjektiv und unkontrollierbar, wer mit welcher Haltung zur Kommunion geht.

Darum hat die katholische Kirche allen Grund, Gastfreundschaft grossherzig zu gewähren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2018, 20:02 Uhr

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