Lieber einen toten Sohn als einen Mörder in der Familie

Das Phänomen Hikikomori, ein Leben in selbst gewählter Isolation, ist in Japan verbreitet. Jetzt griff ein früherer Politiker zum Äussersten – um Schlimmeres zu verhindern.

Stellte sich nach seiner Tat der Polizei: Hideaki Kumazawa (76). Foto: Reuters

Stellte sich nach seiner Tat der Polizei: Hideaki Kumazawa (76). Foto: Reuters

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Hideaki Kumazawa war einst Vize-Landwirtschaftsminister und später Japans Botschafter in Prag. Seit etwa einer Woche sitzt er als mutmasslicher Mörder in Untersuchungshaft.

Seit seiner Pensionierung lebte der 76-Jährige mit seiner Frau unauffällig im Tokioter Stadtteil Nerima. Bis er am Samstagnachmittag die Polizei rief. Er habe, wie er später sagte, seinen Sohn erstochen – aus Angst, sein Kind könnte andere Menschen gefährden oder sogar töten.

Erschüttert, aber gefasst liess er sich abführen. Kumazawas 44-jähriger Sohn Eiichiro war ein sogenannter Hikikomori. So nennt man in Japan Menschen, die sich völlig von der Gesellschaft isolieren, oft über Jahrzehnte. 1,2 Millionen von ihnen – fast ausschliesslich Männer – gibt es laut dem Gesundheitsministerium. Hikikomori heisst übersetzt «sich einschliessen»; Menschen, die man so bezeichnet, hausen bei ihren Eltern, aber sie leben nicht mit ihnen. Verschanzt in ihre Zimmer, verkehren viele nur über Zettelchen mit der Mutter, die ihnen das Essen vor die Tür stellt. Am Leben der Aussenwelt nehmen sie höchstens übers Internet teil. Mehr als ein Viertel der Hikikomori lebt schon mehr als zehn Jahre in der selbst verordneten Isolationshaft. Die psychische Störung wird seit den Neunzigerjahren vermehrt beobachtet, heute spricht man von einer Epidemie.

Viele terrorisieren ihre Angehörigen

Viele Hikikomori terrorisieren ihre Angehörigen, vor allem ihre Mütter. Verbrechen aus dieser Bevölkerungsgruppe gab es dagegen bisher kaum. Bis vorvergangenen Dienstag ein Hikikomori wegen einer grausamen Tat in die Schlagzeilen geriet: Der 51-jährige Mann überfiel in Noborito am Rande von Tokio mit zwei Messern bewaffnet wildfremde Menschen, die auf ihre Busse warteten, unter ihnen viele Schulkinder. Er tötete eine Elfjährige und einen Diplomaten und verletzte 17 weitere Personen, die meisten davon Kinder. Danach richtete er sich selbst. Sein Motiv ist unklar, aber japanische Medien suchen die Ursache des Amoklaufs in der sozialen Isolation des Täters. Die Tat in Noborito und die Berichte darüber erschreckten den früheren Vizeminister Kumazawa. Er sagte im Polizeiverhör, er habe befürchten müssen, sein Sohn könnte den Täter kopieren.

Warum aber schotten sich in Japan so viele Menschen von der Gesellschaft ab? Hikikomori gilt als eine Form der Depression und wird unter anderem mit den streng normierten Lebensläufen und der fehlenden Toleranz in der japanischen Gesellschaft erklärt. Kinder, die nicht ins Schema passen, werden von Mitschülern gequält. Sie isolieren sich, irgendwann weigern sich manche, in die Schule zu gehen. Einige verbarrikadieren sich ganz. Im Dokumentarfilm «Hikikomori» aus dem Jahr 2001 zeigte Takahiro Kobayashi, dessen Bruder sich sieben Jahre lang verkrochen hatte, wie dieser nachts, wenn die Familie schlief, an den Kühlschrank schlich, den die Mutter für ihn füllte. Tagsüber sah man ihn nie. Der Bruder sei ein Perfektionist gewesen, aber er sei durch die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gefallen. Das war der Anfang.

Scheitern ist in Japan eine Schande, jedenfalls sichtbares Scheitern, und so wollen Betroffene unsichtbar bleiben.

Und die Eltern? Wieso können so viele ihren Kindern nicht aus der Isolation helfen? Japans Gesellschaft hat die Hikikomori lange ignoriert, sie als Menschen mit Behinderung angesehen oder ihre Selbstisolation als Schrulligkeit verwöhnter Kinder abgetan, die mit der Schule nicht zurechtkamen. Inzwischen gibt es zwar Hilfs- und Selbsthilfeorganisationen, die von der Öffentlichkeit Verständnis für die Hikikomori fordern. Aber Mitgefühl mit Benachteiligten und Gescheiterten ist keine japanische Tugend. Scheitern ist in Japan eine Schande, jedenfalls sichtbares Scheitern, und so wollen Betroffene unsichtbar bleiben. Eine psychiatrische Behandlung gilt als Makel, der an der ganzen Familie haften bleibt, Eltern müssten sich also überwinden, psychologische Hilfe für sich oder ihre Kinder in Anspruch zu nehmen. Man hat sich gefälligst durchzubeissen, so die herrschende Haltung in der Gesellschaft.

Verstecktes Leid

Der 44-jährige Sohn des ehemaligen Vizeministers hatte sich seit seiner Unizeit in der eigenen Wohnung isoliert, die Mutter kam regelmässig zum Saubermachen. Dabei soll der Sohn sie oft geschlagen haben. 30 Jahre lang hat das Ehepaar mit niemandem darüber gesprochen, nie Hilfe gesucht, sondern sein Leid versteckt, wie das in Japan erwartet wird. Kumazawas Kollegen im Ministerium, mit denen er 40 Jahre gearbeitet hatte, wussten nichts. In Japan trägt man Konflikte nicht aus, man übertüncht sie. Es gehört sich nicht, dass man Freunde oder Bekannte mit seinen privaten Problemen belastet.

Am vorvergangenen Wochenende, drei Tage vor der Tat von Noborito, war der Sohn ungebeten ins Haus seiner Eltern zurückgekehrt. Er nistete sich im Erdgeschoss ein. Das alte Paar zog sich nach oben zurück und versuchte, so geräuschlos wie möglich zu sein. Dennoch habe der Sohn sie angegriffen, er sei gewalttätig geworden. Beide erlitten Prellungen. Wütend schreiend soll er sich vorigen Samstag über den Kinderlärm von der benachbarten Schule beschwert haben. «Ich werde sie alle umbringen.» Danach will der Vater seiner Frau gesagt haben: «Wenn er wieder gewalttätig wird, ist die einzige Lösung, ihn zu töten.» Wenige Stunden später rief Kumazawa die Polizei, er habe seinen Sohn mit einem Küchenmesser erstochen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.06.2019, 14:08 Uhr

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