Lieber Hans Hollenstein

Max Küng, Reporter und Kolumnist von «Das Magazin», schreibt einen Brief über Tempo 30.

Sehen, was daraus wird: Hans Hollenstein war Polizeivorsteher, als in Winterthur die erste Tempo-30-Zone der Schweiz eingeweiht wurde. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Sehen, was daraus wird: Hans Hollenstein war Polizeivorsteher, als in Winterthur die erste Tempo-30-Zone der Schweiz eingeweiht wurde. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Jubiläen stehen an! Das Kloster Engelberg feiert heuer sein 900-Jahr-Jubiläum. Vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven geboren. In Doppleschwand begehen die Jungguugger ihr 45-jähriges Bestehen*. Und Tempo 30 feiert Geburtstag!

Sie wissen das, denn vor dreissig Jahren waren Sie der verantwortliche Polizeivorsteher, als in Winterthur die erste Tempo-30-Zone des Landes eingeweiht wurde. Genauer waren es gar deren vier, und zwar in den Quartieren «Nägelsee», «Feld», «Inneres Lind» und «Birchermüesli» (Letzteres heisst so wegen der Strassennamen: Quitten-, Pfirsich- oder Aprikosenweg).

Man wollte mal sehen, wie sich das entwickeln mochte, und eventuell später weitere 30er-Zonen einführen. Wie man heute weiss: Die Idee wurde zum Renner. Allein in Winterthur hat sich die Zahl der 30er-Zonen verzwölffacht.

Auch ich wohne an einer Strasse, die vor ein paar Jahren in eine 30er-Zone umgewandelt wurde. Eine gute Entscheidung, dachte ich, als die Männer vom Amt die Zahl 30 auf den Teer pinselten. Nur ist es so, dass sich kaum jemand daran hält.

Ich komme mir wie der letzte Bünzli vor, peinlich, machtlos.

Tempo 30 wird in meiner Strasse wohl als frommer Wunsch wahrgenommen. Als eine nicht zu ernst gemeinte Empfehlung. So wie eine dieser Bitten auf Herrentoiletten, sich doch s’il vous plaît beim Pinkeln zu setzen. Oder aber die Autolenkerinnen und -lenker bemerken den Tempohinweis gar nicht. Weil sie immerzu in ihre Handys starren und tun, was immer sie tun müssen, während des Fahrens, SMS tippen, auf Zalando was kaufen oder Netflix schauen.

Und der Polizei scheint das auch egal zu sein. Ich habe auf jeden Fall in meiner Strasse noch nie etwas von einer Tempokontrolle mitbekommen. Manchmal, wenn einer vorbeirast in seinem Range Rover (der heuer seinen 50. Geburtstag feiert, Gratulation!), dann fuchtle ich ihm mit der dem Hosensack entrissenen Faust hinterher und rufe: «Hey! Tempo 30 hier! Du Schwyzer Rowdie!» Ich komme mir dann wie der letzte Bünzli vor, peinlich, machtlos. Denn ein Bünzli hat ja keine Handhabe.

Da kam mir eine Idee. Unlängst veranstaltete die Zürcher Kantonspolizei unter dem Titel «Kapo Art» eine Ausstellung mit künstlerischen Werken, die kreativ veranlagte Beamtinnen und Beamte in ihrer Freizeit geschaffen haben: Konkretes in Öl, Abstraktes auf Papier, Fotografien, alles Werke zwischen 200 und 1000 Franken. Die «Kapo Art» gibt es bereits seit zwanzig Jahren, und sie findet all Quinquennium statt, also alle fünf Jahre.

Wie wäre es aber nun, wenn man die Idee umkehrte? Denn wenn Polizisten in ihrer Freizeit künstlerisch tätig sein können, dann könnten doch auch Künstler in ihrer Freizeit polizeilich wirken! Ich denke, so manche und mancher aus der künstlerischen Zunft hätte da versteckte Talente und bis dato nicht ausgelebte Neigungen.

Die Ideen sind da. Ist die Welt dafür bereit?

Auch ich als Vertreter der niedrigen Randkunst des geschriebenen Wortes würde mich sehr gerne anbieten, dahingehend aktiv zu werden. Ich könnte beispielsweise diese Tempokontrollen übernehmen. Aber nur, wenn ich 50 Prozent der Einnahmen der Bussen für mich behalten dürfte. Das ist doch ein fairer Deal, oder? Win-win at it’s best.

Ich hab mal gezählt. Zwischen 17 und 17.15 Uhr fahren so hundert Fahrzeuge an meinem Haus vorbei. Jedes zweite mutmasslich zu schnell. Bei einer Normbusse von 40 Franken kämen wir zusammen also auf einen Stundenumsatz von 8000 Franken. Das ist sogar mehr, als der geldgeilste Anwalt als Stundenansatz zu verlangen sich traut!

Und wenn ich mal verhindert wäre, dann könnten meine Kinder einspringen, würden an der Strasse einen herzigen und reich dekorierten Limonadenstand aufbauen ... der natürlich gar kein Limostand wäre, sondern ein gut getarnter Tempoblitzer!

Die Ideen sind da. Jetzt stellt sich bloss noch die Frage, ob die Welt dafür bereit ist. Aber das muss man vielleicht einfach herausfinden. So wie bei Tempo 30, damals. Sehen, was daraus wird. Keine Eile.

Mit Jubiläumsgrüssen
Max Küng

*Am Samstag, 25. Januar im Schulhaus Doppleschwand: Grosse Party mit Rockbar und fünfzehn sich duellierenden Guggen, inkl. Stägä-Fäger und Änteguugger.

PS Song zum Thema: «Low Speed» von Otto Clarence Luening, Pionier der elektronischen Musik (und ehemaliger Student am Zürcher Konservatorium sowie Flötist des Tonhalle-Orchesters). Er würde heuer seinen 120. Geburtstag feiern.

Erstellt: 24.01.2020, 15:01 Uhr

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