Liebes neues Jahr

Max Küng, Reporter und Kolumnist von «Das Magazin», publiziert seine Briefe nun auch an dieser Stelle. Los gehts mit Vorsätzen. Wir wünschen viel Lesevergnügen!

Umständlicher Titel, aber super Film: «Harry, un ami qui vous veut du bien» (2000). <nobr>Foto: PD</nobr>

Umständlicher Titel, aber super Film: «Harry, un ami qui vous veut du bien» (2000). Foto: PD

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All der Schampus. Die Rollschinkli, Rippli, Filets im Teig. Die Karpfen und Krapfen. Rotwein aus der Magnumflasche. Zimtsterne. Rentier-Torten. Die Rauchlachs-Symphonien mit Meerrettichschaumträumen. Terrinen. Schokoladen. Das Fondue chinoise mit seinen sieben sündhaft sahnigen Saucen.

Dann der Schock auf der Waage, die unter den Füssen knackste, als man sie bestieg. Jetzt spannt die Hose, es quillt die Wampe – und es naht die klebrig-zähe Zeit der Reue, die Gewissenspein holt uns ein, ob all dem Fressen und Saufen und der allgemeinen Zügellosigkeit. Wir wollen Busse tun. Lechzen nach Läuterung.

Deshalb werden Fitnessabos gelöst und lauthals vor Zeugen Vorsätze ausgesprochen. Einen Monat kein Tropfen Alkohol! Nie mehr Zigaretten! Neuneinhalb Wochen kein Zucker! Dafür jeden Tag Sex, neunundneunzig Rumpfbeugen und zehntausend Schritte. Wir kennen die Pläne für neue Leben, denn sie sind das alte Lied. Und in ein paar Tagen wird alles wieder sein, wie es zuvor war.

Fitnessstudios leben vor allem von unserer Faulheit und der Fähigkeit des Verdrängens.

Würden nämlich all die Leute wirklich ins Fitnessstudio gehen, die nun ein Abo kaufen: Die Gebäude kollabierten. Die Fitnessstudios leben nicht von unserem schlechten Gewissen allein, sondern vor allem von unserer Faulheit und der Fähigkeit des Verdrängens. Noch mag sie schlummern, die Faulheit, betäubt vom euphorischen, heroischen Gefühl der Absicht zur Veränderung zum Besseren. Aber die Absicht ist wie ein dichter Morgennebel: Erst gewaltig, bald lichtet sie sich, dann ist sie verschwunden, ganz und gar.

Ich bilde da keine Ausnahme. Auch ich habe mir fürs 2020 einen Vorsatz genommen und ein Abo gelöst. Aber keins in einer Muckibude oder für Indoor-Disco-Spinning, sondern von einer Videothek. Ich weiss, du fragst dich nun, ob es so etwas überhaupt noch gibt. Gibt es! Eine wenigstens. Sie heisst Les Videos und liegt zentral beim Central in Zürich. Ein Jahresabo kostet 365 Franken, dafür darf man so viele Filme ausleihen, wie man will (maximal fünf aufs Mal).

Ich dachte, ich beginne mal mit den Franzosen. Bei denen hab ich nämlich eine Wissenslücke. Und auf Netflix gibt es solchen Stoff ja nicht. Auf Netflix gibt es überhaupt kaum Filme, die man nicht schon hundertmal gesehen hat – oder die so schlecht sind, dass man sie niemals im Leben sehen will.

Letzthin nahm es mich wunder, ob sie auf Netflix was von Jean-Luc Godard haben. Haben sie nicht! Aber weisst du, was mir stattdessen freundschaftlicherweise vorgeschlagen wurde? Die Serie «Friends». Das ist Netflix’ Alternative zu Godard.

Die Begeisterung ob meines Vorsatzes wächst von Streifen zu Streifen.

Den Anfang meines Videotheken-Abenteuers machte ich noch im alten Jahr. Die Aufwärmphase war zäh. Kennst du «Claires Knie» von Éric Rohmer? Ich weiss, was du nun sagst: «Nein, ich kenne nur Rolf Knie.» Nun, in «Claires Knie» passiert nicht viel, dafür wird reichlich geredet. Der Plot? Der Film ist von 1970. Da war die Welt noch anders.

Aber ich frage mich schon, was die Filmförderkommission sagte, wenn man die Drehbuchidee von «Claires Knie» heute einreichen würde: «Älterer bärtiger Mann möchte unbedingt das Knie einer Sechzehnjährigen berühren, nachdem er es zufällig sah, als sie eine Leiter erklomm. Gegen Schluss des Films gelingt es ihm (während eines heftigen Gewitters). Ende. Abspann.»

Auch der Film «Out 1» von Jacques Rivette war eher harte Kost – und mit einer Länge von 773 Minuten nicht eben ein Kurzfilm. Dann aber kamen auch schon die ersten Highlights: «Harry, un ami qui vous veut du bien» von Dominik Moll etwa. Umständlicher Titel, aber super Film. Dann zog ich mir ein paar François Ozons rein. Nun äuge ich mich gerade quer durch die Truffauts. Ich bin also in der Spur, die Begeisterung ob meines Vorsatzes wächst von Streifen zu Streifen.

Pro Woche versuche ich, mir fünf Filme anzusehen. Bis Ende Februar sind die Franzosen eingeplant. Dann kommen die Polen. Danach schwarz-weisse Science-Fiction-Klassiker. Das wären Ende 2020 folglich 260 Filme. Das sind nicht besonders viele, aber es ist ein Anfang.

Die Chancen stehen also gut, dass ich an deinem Ende extrem fit sein werde – wenigstens was Small Talk auf Partys betrifft, in dem es um Filme geht, die kein Schwein je gesehen hat.

Mögen die Vorsätze mit dir sein!
Max

PS Song zum Thema: «New Year’s Resolution» von Roy Milton & His Solid Senders, 1947.

Erstellt: 09.01.2020, 17:12 Uhr

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