Lohnungleichheit startet lange vor der Mutterschaft

Konservative Kreise sehen den Grund für die Lohndifferenzen als eine Folge der Rollenverteilung im Haushalt. Doch dieser Ansatz ist zu einfach.

Frauen und Männer im Berufsleben, ungleich bezahlt. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Frauen und Männer im Berufsleben, ungleich bezahlt. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern hält sich hartnäckig in der Schweiz. Laut den Statistikern des Bundes verdienen Frauen im Schnitt fast 20 Prozent weniger als Männer für eine Vollzeitstelle. Rund ein Drittel dieser Differenz bleibt auch dann bestehen, wenn Unterschiede in Qualifikation und beruflicher Tätigkeit berücksichtigt werden.

Eine mögliche Erklärung dafür ist Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Nun rücken aber konservative Kreise eine andere These ins Zentrum. Danach wird die Lohnungleichheit nicht von diskriminierenden Arbeitgebern verursacht, sondern ist die Folge der Rollenverteilung in Haushalten mit Kindern.

Laut diesem Argument konzentrieren sich die Männer nach der Geburt eines Kindes auf die Erwerbsarbeit, während sich Frauen stärker um die Familie kümmern. Die Hauptverantwortung für Kinder führt dazu, dass Mütter häufiger mit Erwerbsunterbrüchen konfrontiert sind, weniger Berufserfahrung sammeln, Teilzeitstellen wählen und so lohnmässig den Anschluss an Männer verlieren. Die politische Tragweite dieses Arguments ist offensichtlich: Wenn die Lohnungleichheit nur von privaten Entscheidungen innerhalb der Partnerschaft herrührt, sind öffentliche Eingriffe im Arbeitsmarkt nutzlos.

Die Lohnschere öffnet sich bereits beim Einstieg in den Arbeitsmarkt.

In einer neuen Studie prüfen wir dieses Argument, indem wir die Löhne in der Schweiz von jungen kinder-losen Erwachsenen bis zum Alter von 30 Jahren untersuchen. Wird die Lohnungleichheit einzig durch unterschiedliche Investitionen in Berufs- und Familienarbeit verursacht, sollten junge kinderlose Frauen und Männer dieselben Löhne für dieselbe Arbeit erhalten. Die Schweiz verfügt über zwei ideale Datensätze, um diese These zu testen. Die landesweite Jugendbefragung Tree und die Absolventenstudie der Hochschulen enthalten mehrere Tausend Lohnangaben von jungen Erwachsenen.

Im Gegensatz zu den früheren Generationen verfügen junge Frauen heute nicht über weniger Bildung als junge Männer, und bis zum Alter von 30 Jahren unterscheiden sie sich auch kaum im Arbeitsmarktverhalten. Wir berücksichtigen dennoch mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Schulleistung und der Ausbildung, der Arbeitserfahrung und dem Beruf. Der Vergleich der Männer- und Frauenlöhne zeigt: Die Lohnschere öffnet sich bereits beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. In beiden Datensätzen verdienen Frauen vier bis fünf Prozent weniger als Männer. Bemerkenswert an dieser unerklärten Lohndifferenz ist, dass es sich um junge kinderlose Erwachsene handelt, die über dieselbe Qualifikation verfügen und in vergleichbaren Berufen und Branchen arbeiten.

Unter dem Strich verbleibt ein Lohnunterschied von vier bis fünf Prozent.

Es ist möglich, dass wir relevante Kriterien vernachlässigen. Wir überschätzen die Lohndifferenz, wenn Männer besser im Verhandeln ihrer Löhne sind. Die Fachliteratur deutet jedoch darauf hin, dass Unterschiede in Lohnverhandlungen eine unter-geordnete Rolle für die Ungleichheit spielen. Zudem sind die Verhandlungsstrategien von Frauen weniger die Ursache und vielmehr die Kon-sequenz von Lohnungleichheit, falls Frauen aufgrund der Diskriminierung von tieferen Löhnen ausgehen. Es ist ebenso gut möglich, dass wir die effektive Lohnungleichheit unterschätzen. Dies ist der Fall, wenn Frauen über bessere lohnrelevante Eigenschaften verfügen wie Sozialkompetenz oder Teamfähigkeit, die in den Lohnstatistiken nicht erfasst werden.

Wie man es auch dreht und wendet: Unter dem Strich verbleibt ein Lohnunterschied von vier bis fünf Prozent. Umgerechnet auf Jahreslöhne bedeutet dies, dass bereits junge kinderlose Frauen für eine vergleichbare Stelle einen halben Monatslohn weniger verdienen als junge kinderlose Männer. Wer einzig Kindern und der Familie die Schuld an der Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern gibt, macht es sich daherzu einfach.

Erstellt: 07.06.2019, 20:20 Uhr

Benita Combet

Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität LMU in München

Daniel Oesch

Soziologieprofessor an der Universität Lausanne

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