«Love Blowjobs, hate Antifa»

Rechte Gruppen kapern in der #MeToo-Debatte den Kampf für Frauenrechte. Sie wollen die Frau als Mutter – und als Sexobjekt.

Nur auf den ersten Blick progressiv: Demonstration der rechtsextremen Identitären Bewegung in Berlin Foto: imago/Christian Mang

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Trick ist ganz alt. Aber er verfängt sofort. Dramatische Musik, junge Frauen sprechen in die Kamera, aus den intimen Räumen ihrer Wohnungen heraus. «Mein Name ist Mia. Mein Name ist Maria. Mein Name ist Ebba.» Namen, die zu Opfern von Gewalttaten gehören. Sätze, die sagen: Das nächste Opfer könnte ich sein. Oder du.

Das Video, das vor kurzem bei Youtube hochgeladen wurde, stammt aus dem Umfeld der völkischen und rechtsextremen Subkultur der «Identitären Bewegung». Rechte schwingen sich darin also zu vermeintlichen Frauenschützern auf. Vordergründig. Die politische Agenda kommt danach und geht so: Mia, Maria und Ebba aus Deutschland, Schweden und Grossbritannien sind Opfer von Migranten, Ausländern, Flüchtlingen.

Video – Frauen wehrt euch! #120db

«Mein Name ist Mia. Ich wurde in Kandel erstochen»: Propaganda der Identitären im Netz. Video: Youtube

Wörtlich sagen das die Frauen in dem Video nicht. Was sie aber sagen: «Ich wurde in Kandel erstochen. Ich wurde in Malmö vergewaltigt. Ich wurde in Rotherham missbraucht.» Von wem, bleibt offen. Während über einige dieser Vorfälle auch in deutschen Medien berichtet wurde, finden sich zu anderen nur Hinweise auf fragwürdigen Seiten im Internet, deren Glaubwürdigkeit zweifelhaft ist. Was die Berichte aber gemein haben: Die mutmasslichen Täter waren Menschen mit Migrationshintergrund.

Wer Menschen eine Botschaft vermitteln will, muss Menschen die Botschaft spüren lassen. Am eigenen Leib, im eigenen Leben. «Mein Name ist Mia. Ich wurde in Kandel erstochen.» Personalisierung. Emotionalisierung. Lehrbuch für Aktivismus, Lektion eins, Seite eins.

#120db soll ein Aufruf sein. Die rechte Antwort auf #MeToo.

Auf die Emotionalisierung folgen also umgehend die vermeintlichen Ursachen für diese Taten: «Weil ihr euch weigert, unsere Grenzen zu sichern. Weil ihr euch weigert, zu kontrollieren, wer hier reinkommt. Weil ihr euch weigert, Straftäter abzuschieben.» Es wird nie ausgesprochen, aber es ist sofort klar, worum es hier eigentlich geht: Die europäische Frau, bedroht vom belästigenden, vergewaltigenden, mordenden Muslim.

An der Oberfläche bedient dieses Video feministische Narrative. Gewalt sichtbar machen, Schweigen brechen. Doch diese werden dazu missbraucht, den Rassismus der «Identitären Bewegung» zu verbreiten. «Frauen wehrt euch!» steht in der Zeile unter dem Video. Und daneben: #120db. 120 Dezibel. Die Lautstärke eines Taschenalarms für bedrohte Frauen. #120db soll ein Aufruf sein. Die rechte Antwort auf #MeToo. Endlich soll ausgesprochen werden, was verschwiegen wird in Deutschland. Und so behaupten diese Frauen, dass die Täter überall lauern. Im Park beim Joggen, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, an der Bushaltestelle. Sie nennen sich: die Töchter Europas. Sie sagen: «Ihr habt uns vergessen.» Mehr noch: «Ihr habt uns verraten. Ihr habt uns geopfert.»

Ihr, das ist die liberale Gesellschaft, die – auch das sagen die Protagonistinnen dieses Videos – ihre Frauen nicht mehr schützen kann. «#120db ist der wahre Aufschrei, gegen die wahre Bedrohung für Frauen in Europa», sagt eine. Eine andere: «Ihr predigt Feminismus und Frauenrechte – dabei seid ihr die wahren Frauenfeinde.»

Identitäre Frauen marschieren anlässlich der Schlacht am Kahlenberg – der «Befreiung Wiens» aus der türkischen Belagerung – im herbst 2017. Foto: Facebook

Rassisten inszenieren sich als die Verteidiger der Frauen. Ist das jetzt ein neuer Feminismus? Ein Feminismus von rechts aussen? Die jungen Frauen der «Identitären Bewegung» und anderer europäischer Gruppierungen vom rechten Rand scheinen auf den ersten Blick progressiv. Selbstbewusst und selbstermächtigt. Sie wollen die Gleichberechtigung verteidigen gegen die «Islamisierung» Europas, gegen eine «Mehrheit von jungen Männern aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften». Gleichberechtigung ist der zentrale Begriff des Feminismus. Doch hier geht es nicht um Feminismus und auch nicht um Gleichberechtigung. Der Feminismus will alle Frauen schützen. Unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion. Die Rechten hingegen kämpfen für den Schutz der deutschen, der europäischen Frau. Sie ziehen Grenzen um Nationen und Kulturen. Weil die Bedrohung in ihrem Weltbild nur von aussen kommen kann. Die Gewalt weisser Männer an weissen Frauen wird ausgeblendet.

#120db ist damit eben kein #MeToo. Auch weil es die gesellschaftliche Realität negiert. Sexismus und sexuelle Übergriffe sind Alltag in Deutschland. Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Schichten und Milieus. Und in allen Glaubensgruppen und Ethnien. Sexualisierte Gewalt kann natürlich religiös motiviert sein, sie kann natürlich aus der Sozialisation in einer Gesellschaft erwachsen, in der Frauen und Männer eben nicht gleichberechtigt aufwachsen.

Eine Trennung von drinnen und draussen, wie sie die Rechten vornehmen, ist aber nicht möglich. Sexualisierte Gewalt findet genauso in deutschen Häusern, in deutschen Firmen, in deutschen Familien statt. Sich in dieser Debatte alleine auf Übergriffe und Sexualdelikte durch Zuwanderer zu beschränken, ist argumentativer Unfug. Eine zutiefst rassistische Auslegung. Und im Übrigen auch eine, die das Problem nicht lösen würde.

Kämpferin mit Boxhandschuh

Um was es der «Identitären Bewegung» wirklich geht, ist der Schutz des reinen, europäischen Blutes, der europäischen Identität. Dementsprechend ist auch ihr Frauenbild mitnichten ein feministisches. Man sieht das ganz deutlich, wenn man eine Seite wie «Just Nationalist Girls» besucht. Dort zeigt sich die identitäre Frau als wehrhafte Kämpferin, mit Pfeil und Bogen oder mit Boxhandschuh. Wir sind keine Opfer. Auch hier wieder: auf der Oberfläche ein feministisches Narrativ, das bei genauer Betrachtung in sich zusammenfällt. Denn da ist auch das Pin-up-Girl, das sich für die nationalistische Revolution hübsch macht. Da ist die sorgende Mutter auf der Waldlichtung im Gegenlicht, die Erhalterin des Volkes. «Kriege können eine Nation nicht zerstören», steht da, «gewollte Kinderlosigkeit schon.» Die Frau als selbstbewusste, aber schlussendlich hörige Gefährtin eines Mannes. Es ist gerade diese Rolle rückwärts, die die Frauen der Rechten als neuen und revolutionären Feminismus verkaufen.

Das weibliche Sprachrohr innerhalb der Bewegung ist die Gruppe «Identitäre Mädels und Frauen». Ihr Symbol ergänzt den griechischen Buchstaben Lambda, das Erkennungszeichen der «Identitären Bewegung», durch einen langen, geflochtenen, blonden Zopf mit einer Edelweiss-Blüte am Ende. Wie ein Rapunzel-Zopf hängt er an den harten Kanten des Buchstaben hinab, eine Einladung zum Hochklettern, zum Hineinklettern in die rechte Ideologie.

Rechte Frauen kämpfen nicht gegen die Unterdrückung durch das Patriarchat. Sie kämpfen gegen die Unterdrückung durch Linke, Liberale und Feministen.

Wer sich die Facebook-Seite unter diesem Zopf anschaut, der findet schnell heraus, dass im Kern dieser Frauenbewegung ein entschiedener Antifeminismus steckt. In einem Post aus dem März des vergangenen Jahres steht da zum Beispiel: «Unser Problem mit dem modernen 3. Welle Feminismus ist, dass er lange nicht mehr die Interessen derer vertritt, deren Stimme er sein will: der Frauen». Darunter eine Texttafel mit einem Bild von Birgit Kelle, Autorin von Büchern wie «GenderGaga: Wie eine absurde Idee unseren Alltag erobern will» und «Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn». Das Zitat von Kelle geht so: «Nirgendwo findet man mehr Protagonistinnen, die ein Problem mit echter Weiblichkeit haben, als in der deutschen Frauenbewegung.»

Echte Weiblichkeit sieht für die «Identitäre Bewegung» so aus: Eine Frau kniet vor dem Schritt eines Mannes, ihr Blick ist nach oben gerichtet, ihre Hände ziehen seine Hose nach unten. Darüber steht: «Love Blowjobs. Hate Antifa.»

In diesem Instagram-Post steckt die Antwort auf die Frage, warum die weiblichen Selbstermächtigungsgesten der Rechten niemals feministisch sein können. Was als sexuelle Freiheit und Emanzipation verkauft wird, ist ein doppelter Rückschritt. Zum einen reduziert es die Frau erst recht zum Sexualobjekt, das zudem einzig und allein dafür benutzt wird, den politischen Gegner zu diffamieren. Zum anderen offenbart sich eine völlig falsche Sichtweise auf den Feminismus: Feministen wollen verbieten und regulieren. Feministen sind prüde und unsexy. Feministen mögen keine Blowjobs.

Dass es im Feminismus aber gerade um das Gegenteil, nämlich die Enttabuisierung von Sex und die sexuelle Befreiung in einem respektvollen Miteinander geht, wird ausgeblendet. Allerdings ist genau diese verzerrte Darstellung sehr anschlussfähig, weil sie an eine Sichtweise anknüpft, die tief in der Mitte der Gesellschaft verankert ist: der Feminismus als Feind der Erotik.

Rechte Frauen kämpfen gegen die Unterdrückung. Aber sie kämpfen nicht gegen die Unterdrückung durch das Patriarchat. Sie kämpfen gegen die Unterdrückung durch Linke, Liberale und Feministen. Durch alle, die sie in ihrem rassistischen und sexistischen Weltbild herausfordern. Der Kampf gegen die übergriffigen und in diesem Weltbild ausschliesslich muslimischen Männer ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist es ein Kampf gegen Freiheit und Toleranz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 21:03 Uhr

Artikel zum Thema

Frauenhass aus der Tastatur

SonntagsZeitung Die Emanzipation missfällt mehr Männern, als man denkt. Ihren Frust lassen sie immer häufiger in Form von Attacken im Netz aus. Mehr...

Rassismus als politisches Programm

Politiker der niederländischen Partei FvD erklären andere Völker für minderwertig. Damit überholen sie in Umfragen die Partei des Islamfeinds Geert Wilders. Mehr...

Wer Missbrauch verhindern will, darf Feminismus nicht belächeln

Analyse Der Fall Weinstein zeigt: Der Kampf gegen Frauenfeindlichkeit braucht eine starke Stimme, die widerspricht. Egal, wie kleinlich sie manchmal erscheint. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...