«LSD hat er mir nie angeboten»

Wenn der eigene Grossvater Erfinder einer weltberühmten Droge ist: Chemiker Simon Duttwyler über Albert Hofmann.

Am 19. April 1943 testet Albert Hofmann LSD im Selbstversuch: Zeichentrickfilm zu Ehren des «Bicycle Day».


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Heute ist «Bicycle Day», jener Tag, als Ihr Grossvater als erster Mensch LSD nahm. LSD-Fans fahren dann in Basel betrippt die gleiche Strecke ab wie damals Albert Hofmann. Sie auch?
(lacht) Nein, das nicht. Aber ich werde am LSD-Kongress über meinen Grossvater sprechen.

Was war er für ein Mensch?
Mein Grossvater war ein überaus neugieriger und offener Mensch. Er akzeptierte Fakten, auch wenn sie nicht in ein bestehendes Schema passten. Vielmehr war seine Einstellung, dass man unerwarteten Beobachtungen Beachtung schenken muss. Einen grossen Teil seines wissenschaftlichen Erfolgs verdankte er genau dieser Haltung: Offenbar existiert ein bestimmtes Phänomen – wir können es halt einfach noch nicht erklären, sollten es aber weiter untersuchen.

Sind Sie seinetwegen Chemiker geworden?
Er hat mich nie dazu aufgefordert, aber er hatte durch seine Arbeit sicher einen Einfluss auf meine Berufswahl. Allerdings bin ich nicht in der LSD-Forschung tätig. Diese interessiert mich persönlich aber sehr.

Sie sind Professor in China. Kennt man dort Ihren Grossvater?
Man kennt ihn vor allem in Europa und Amerika. Der Einfluss der Psychedelika war im Westen, vor allem in den 60er-Jahren, enorm und ist immer noch präsent. In den östlichen Kulturen spielt die Mystik von jeher auch im Alltag eine Rolle, psychedelische Substanzen sind da weniger gefragt.

Ihr Grossvater hat gesagt, als Chemiker müsse man Mystiker sein. Wie ist das zu verstehen?
Ich bin ganz seiner Meinung. Es gibt in der Wissenschaft so viel Unerklärbares, dass man nicht aus dem Staunen herauskommt. Auch die raffiniertesten Modelle und Theorien stossen schnell an Grenzen. Das hat nichts mit Religion zu tun. Wir wissen einfach sehr wenig über die Natur.

Wenn die Natur einen zum Staunen bringt, müsste man eigentlich kein LSD nehmen. Trotzdem hat Ihr Grossvater das immer wieder getan. Wieso?
Es ist eine Abkürzung zu bewusstseinsverändernden Zuständen, die ihn faszinierten. Später im Leben nahm er nur noch selten LSD. An bestimmten Anlässen, mit Freunden, denen er vertraute. Der richtige soziale Rahmen war ihm wichtig.

Psychonautik und Wissenschaft: Nachtschatten-Verleger Roger Liggenstorfer und Albert Hofmann.

Haben Sie selbst Erfahrung mit LSD?
Nein.

Wieso nicht?
Der richtige Moment ist noch nicht gekommen, beziehungsweise es hat sich einfach nicht ergeben. Vielleicht kommt er noch. Mein Grossvater hat mir übrigens nie LSD angeboten und sprach im familiären Kreis auch nicht viel darüber. Er war sich ja auch der Gefahren bewusst: Zwar respektierte er den Psychologen Timothy Leary als Wissenschaftler. Aber dass dieser der ganzen Welt einen Trip verschreiben wollte, hielt er für falsch. Für meinen Grossvater war klar, dass die Substanz in die Hände von Ärzten gehört.

Die Psychonauten verehren Albert Hofmann, feiern ihn am «Bicycle Day». Das hätte ihm also missfallen?
Er akzeptierte bereits in den 60ern, dass die bunte Psychedelika-Gemeinde nicht zu stoppen war. Er mochte niemandem vorschreiben, wie man zu leben hat. Ausserdem war er als Zeuge der beiden Weltkriege ein dezidierter Gegner von Kriegen. Obwohl er keiner politischen Richtung zuzuordnen war, sympathisierte er diesbezüglich mit den Vertretern der Gegenkultur. Sein Motto war deshalb: Wenn ihrs probiert, dann mit Vorsicht.

Bereute er es jemals, über die LSD-Formel gestolpert zu sein?
Nein. Es hat sein Leben völlig verändert, aber bereut hat er es nie.


«Ich bin von LSD überzeugt»
Peter Gasser therapiert schwer versehrte Patienten mit Halluzinogenen und sieht darin ein grosses Potenzial. Der Psychiater spricht im Interview über die Wirkung von LSD. (Abo+)


LSD hat den Westen ins psychedelische Zeitalter katapultiert – worauf der Gesetzgeber mit einem rigorosen Verbot eingriff. Auch in der Wissenschaft. Wie hat Ihr Grossvater darauf reagiert?
Das Forschungsverbot lehnte er ab. Die LSD-Forschung war ihm sehr wichtig, wichtiger als die Hippiekultur. Er wollte wissen, wie psychoaktive Substanzen im Hirn genau wirken. Dass die Wirkungen sich mit modernen Verfahren messen lassen, faszinierte ihn, und er verfolgte solche Studien sehr genau.

Früher stand LSD für Ausstieg und Gegenkultur, heute nehmen es einige zwecks Kreativitätssteigerung im Job. Was hätte Albert Hofmann zu dieser Entwicklung gesagt?
Kreativitätssteigernde Wirkung mit geringem Risiko – das sogenannte Microdosing – ist ein reizvoller Gedanke. Aber er wäre immer noch skeptisch gewesen. Mein Grossvater hat stets nüchtern nachgedacht und gearbeitet. Eine seiner grössten Leistungen für mich ist denn auch seine klare Ausdrucksweise, die ihm sehr wichtig war. Nur so konnte er viele Leser erreichen.

Tatsächlich ist er nach Roger Federer weltweit der wahrscheinlich berühmteste Schweizer. Gefiel ihm das?
Er war keiner, der sich ins Zentrum stellte. Aber er genoss diese Stellung insgeheim, weil er dadurch viele interessante Begegnungen machen konnte.

Erstellt: 19.04.2018, 09:42 Uhr

Simon Duttwyler (38) ist ein Enkel vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann, der vor 75 Jahren LSD entdeckte. Duttwyler ist Professor für Chemie an der Zhejiang University in China. Er nimmt am Donnerstag an der LSD-Jubiläumsveranstaltung in Basel teil. Am Kongress werden klinische und kulturelle Aspekte der hochpotenten Substanz erörtert. Der Anlass ist ausverkauft, kann aber im Internet als kostenpflichtiger Stream verfolgt werden.

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