Macht Autofahren süchtig?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema, ob Autofahren süchtig machen kann.

Autofahren lässt sich nicht so einfach als Sucht kategorisieren. Foto: Marcus Gloger (JOKER)

Autofahren lässt sich nicht so einfach als Sucht kategorisieren. Foto: Marcus Gloger (JOKER)

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Die Reaktion vieler Autofahrer(innen) auf kleine verkehrsreduzierende Massnahmen ist enorm. So darf es unter keinen Umständen weniger Parkplätze geben und schon gar nicht eine Strasse entschleunigt werden. Velowege? Nur wenn es das Autofahren nicht einschränkt usw. Der Aufschrei ist gross, und die Debatten sind hitzig bis aggressiv, als ginge es ums Lebendige. Macht Autofahren süchtig? R.K.

Liebe Frau K.

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort, weil «das Autofahren» keinen einheitlichen Gegenstand darstellt. Egal, in welcher Form jemand Heroin konsumiert, die Folge ist unweigerlich eine Heroinsucht – unabhängig davon, wie gravierend diese Sucht das Leben eines Süchtigen bestimmt und wie verhängnisvoll die (sozialen) Nebenwirkungen sind.

Dasselbe kann man vom Autofahren nicht sagen. Autos können geradezu kultisch verehrt werden, man kann sich mit ihrer Hilfe in einen Geschwindigkeitsrausch versetzen; man kann das Auto aber auch als Verkehrsmittel benutzen, das es einem erlaubt, von einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht erschlossenen Ort zur Arbeit zu pendeln – ohne grosses Vergnügen, aus dem einzigen Grund, seinen Arbeitsweg täglich um eine Stunde zu verkürzen. (Wenn Sie in der deutschen Provinz wohnen, können aus der Stunde auch gut und gerne mal drei Stunden werden.)

Sie haben dennoch recht, dass es diese Reaktionen von Autofahrer*innen auf Einschränkungen ihrer – nun, nennen wir es halt so – FREIHEIT gibt. Aber die Zeiten einer selbstverständlichen Gleichsetzung von Auto und Freiheit sind so vergangen wie der rauchende Marlboro-Cowboy. Wer heute das Autofahren um seiner selbst verteidigt, befindet sich inzwischen eher in einer ähnlichen Rechtfertigungssituation wie die Sportschützin, die gegen schärfere Waffengesetze argumentiert. Oder der Raucher, der darauf pocht, im Restaurant wieder rauchen zu dürfen.

Das Auto ist ganz einfach nicht das Verkehrsmittel der Zukunft – so wenig wie das Flugtaxi. Es ist in unseren Städten dysfunktional geworden. In den Weiten Missouris und den Tiefen Brandenburgs ist es noch nützlich; in Zürich, New York und Tokio ist es tendenziell eine Last.

Darüber kann auch die Aufregung über tatsächliche oder eingebildete «autofeindliche» Massnahmen nicht hinwegtäuschen. Ich mag darum auch diese «SUV-Fahrer haben einen kleinen Schwanz»-Polemiken nicht. Nicht nur, weil es den Fahrerinnen von SUV implizit unterstellt, sie hätten einen Penisneid (Neid auf einen zu kleinen Penis? Really?); sondern weil sie eine völlig überflüssige Psychologisierung der Verkehrspolitik bedeutet – so, wie das Autofahren zur Sucht zu erklären. Selbst wenn uns DIE EVOLUTION ein Autofahrer-Gen implantiert hätte – was nützt es, wenn das arme Gen keinen Parkplatz findet?

Erstellt: 26.11.2019, 11:05 Uhr

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