Macht es wie die Surfer-Mamas

Dem neuen Instagram-Hashtag #murfers liegt die letzte Verheissung zugrunde: Wir können alles haben. Wirklich.

Die Frauen scheinen tatsächlich befreundet zu sein: Die «murfers» aus Byron Bay. Fotos: Instagram

Die Frauen scheinen tatsächlich befreundet zu sein: Die «murfers» aus Byron Bay. Fotos: Instagram

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Instagram, wir wissen es, ist das Bügeleisen unserer Zeit. Macht knitterfrei und bringt in Form, was ihm unterkommt. Auf Instagram zeigen sich erfolgreiche und schöne Menschen derart perfekt ausgeleuchtet, dass inzwischen alle das Geschäft dahinter verstanden haben – sie sind die ideale Umgebung für Werbung. Die Influencer haben Millionen Follower; ihre Reichweite ist schier endlos. Sie verkaufen uns Träume.

Neben ihnen gibt es auf Instagram nur wenig Platz. In diesen Nischen bewegen sich die sogenannten Micro-Influencer. Ihnen folgen zwar bedeutend weniger Menschen. Aber sie haben eine andere rare Währung, und die ist entscheidend, weil sie die Micro-Influencer mit unserer Lebensrealität koppelt: Ihnen gestehen wir Glaubwürdigkeit zu. Ihr Raum ist übersichtlicher, sie haben oft direkten Kontakt zu den Usern. Sie werden nicht korrumpiert. Sie stehen nur für das, was sie auf ihren Bildern zeigen.

Vor der Stadt geflüchtet

Wie die Murfers aus der australischen Küstenstadt Byron Bay. «Murfers» ist ein Kofferwort aus «Mum» und «Surfer», also Surfer-Mamas. Unter den neuen Hashtags #murfers und #byronbaymurfers sieht man Frauen und Kinder vor Surfbrettern am Strand lachen, Schwangere auf Wellen reiten und Mütter ihre Babys stillen, nachdem sie vom Surfen zurückgekehrt sind. Manchmal picknicken alle zusammen am Strand, ein paar Erwachsene und ein Haufen Kinder.

Die Frauen sind offenbar wirklich Freundinnen, das amerikanische Lifestyle-Magazin «Vanity Fair» hat sie besucht. Manche von ihnen sind vor dem Stadtleben in England oder den USA nach Byron Bay geflüchtet, haben Familien gegründet, Häuser gekauft, sich mit handgefertigten Produkten selbstständig gemacht. Es sind Aussteigerinnen, die ihr einfaches Küstenleben mit Schnappschüssen dokumentieren.

Genüssliches Herzeigen

Dabei hilft, dass sie alle sehr gut aussehen, auch die Ehemänner und Kinder, sogar die Surfbretter sind fotogen. Die Frauen sind ungeschminkt, ihr Haar wirkt wie vom Sand verwuschelt. Die dominierenden Farbtöne sind verwehtes Gelb und verwaschenes Blau. All diese Bilder müssten die Betrachterinnen und Betrachter verdächtig dünken. Das ist doch inszeniert? Was machen die Surfer-Mamas denn anders? Worin besteht ihre Anziehungskraft?

Darin: Die Murfers gehen weiter als die meisten von uns. Während andere im Stillen mit dem eigenen Leben hadern und höchstens in einer Krise vom Aussteigen fantasieren, haben es die Surfer-Mamas durchgezogen. Scheinbar spielend haben sie ihr altes Leben durch ein neues ausgewechselt.

Und mit dieser Leichtigkeit gelingt ihnen auch alles andere. Es soll beängstigend sein, Kinder auf die Welt zu setzen? Schwierig, den Kontakt zu Freunden zu halten? Unmöglich, die Balance zu finden zwischen Arbeit und Spass? Utopisch, überhaupt noch Freiheiten zu haben? Herausfordernd, Eltern zu sein und ein Liebespaar zu bleiben? In Byron Bay ist das alles eine Lüge. Diese Gegensätze, an denen sich moderne junge Menschen aufreiben, gibt es hier nicht. Die Surfer-Mamas haben sie ausgebügelt.

Sie sind frei von der «gedanklichen Fixierung auf das, was auch hätte sein können» – so hat Autorin Nina Pauer einmal unseren modernen Lebensstil beschrieben. Sie zeigen, dass wir alles haben könnten. Und vor allem zeigen sie genüsslich, was sie alles haben.

Erstellt: 14.07.2019, 21:32 Uhr

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