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Macht ist nicht sexy

Sexuelle Belästigung hat nicht nur mit Geschlechterrollen zu tun. Oft geht es schlicht um das Machtgefälle zwischen zwei Personen.

Gaetan Bally, Keystone

Sie gehören mittlerweile zur Tagesordnung: Nachrichten über Belästigungen, Sexismus und die Diskriminierung der Frauen in der Internetbranche. Der Taxivermittler Uber ist da nur ein prominentes Beispiel. Als Managementprofessorin und Beraterin arbeite ich mit vielen weib­lichen Führungskräften aus der Finanzbranche und aus anderen Bereichen zusammen.

Meine Forschungsarbeit zeigt: Es geht nicht nur um die Frage, wie Männer mit Frauen umgehen, sondern vielmehr darum, wie Menschen mit Macht auf Menschen mit weniger Macht reagieren.

Macht bringt Menschen dazu, sich für unbezwingbar zu halten, grössere Risiken einzugehen oder diese komplett zu ignorieren. Menschen mit Macht neigen auch eher zu sexuellen Zweitbeziehungen. Denn Macht­menschen halten sich selbst für das andere Geschlecht als besonders begehrenswert. Eine weitere interessante Erkenntnis aus meinen Forschungsprojekten: Es gibt in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Sowohl Frauen als auch Männer in Machtpositionen scheinen die gleiche Überzeugung zu haben. Nur dass natürlich Männer in Machtpositionen weitaus zahlreicher sind als Frauen.

Macht bringt Menschen dazu, sich für unbezwingbar zu halten.

Klar: Untreue und sexuelle Belästigung sind zwei sehr verschiedene Dinge. Untreue findet einvernehmlich zwischen zwei erwachsenen Menschen statt. Bei sexueller Belästigung macht ein(e) Einzelne(r) unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche. Wenn bei Untreue das Verhalten von Frauen und Männern ähnlich sein mag, sieht die Situation bei sexueller Belästigung ganz anders aus. Weshalb?

Im Geschäftsleben haben sich bestimmte Normen etabliert. Diese Normen werden vor allem von Menschen in Machtpositionen beeinflusst. Da es sich dabei vor allem um Männer handelt, ist es gesellschaftlich kaum akzeptiert, dass Frauen gegenüber Männern unerwünschte Annäherungsversuche machen. Umgekehrt jedoch schon. Es ist diese unglückliche Rollenverteilung, die dringend öffentlich diskutiert werden muss.

Es gibt eine Reihe von Opfern dieser gesellschaftlichen «Norm»: zunächst die Frauen, die zur Zielscheibe schlüpfriger Bemerkungen werden. Aber selbst Männer, die sich nicht an diesem Rollenspiel beteiligen, fühlen sich verunsichert. Ich habe mit einigen männlichen Führungskräften gesprochen, die von Problemen berichten, talentierte junge Frauen genauso zu behandeln wie ihre männlichen Kollegen. Wo liegt das Problem? Einladungen zu einem Drink oder zu Meetings mit ausgewählten Geschäftspartnern wurden vorschnell als unerwünschter Annäherungsversuch missverstanden.

Hotline ohne Konsequenzen

Es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem, zumindest solange die Geschlechter in den oberen Führungsebenen so ungleich vertreten sind. Um etwas zu ändern, muss deutlich werden, dass alle, die sich so verhalten, ihren Job, ihren Ruf und ihre finanzielle Sicherheit aufs Spiel setzen. Dafür müssen Frauen, die mit sexueller Belästigung konfrontiert sind, lernen, darüber zu sprechen. Das ist je nach Unternehmenskultur nicht so einfach. So gab es bei Uber eine Hotline, an die sich Frauen bei sexueller Belästigung wenden konnten. Doch trotz vieler Meldungen wurde nichts unternommen. Stattdessen fühlten sich die Frauen, die den Mut hatten, die Hotline anzurufen, innerhalb ihres Unternehmens blossgestellt.

Deshalb wird sich nur etwas ändern, wenn die Führungskräfte an der Spitze der Unternehmen klare Normen setzen und sexuelle Belästigung in keiner Form tolerieren, sie streng bestrafen und Frauen auf Augenhöhe begegnen. Reid Hoffmann, der Gründer von Linkedin, ist ein gutes Beispiel für diese respektvolle Unternehmenskultur. Er ärgerte sich derart über die Vorkommnisse bei Uber, dass er andere Unternehmensführer aus der Branche dazu brachte, eine Ethikvereinbarung zu unterschreiben, die Normen dafür formuliert, wie Menschen – unabhängig vom Geschlecht – mit denjenigen umgehen, die weniger Macht haben als sie selbst.

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