«Macht Platz, ich habe keine Kinder»

Viele Frauen in meinem Alter bekommen Kinder. Ich nicht – eine Zerreissprobe, denn unsere Gesellschaft wird nicht warm mit Kinderlosen.

Wie viel Platz dürfen Eltern und ihre Kinder in der Gesellschaft beanspruchen, wie viel die Kinderlosen?

Wie viel Platz dürfen Eltern und ihre Kinder in der Gesellschaft beanspruchen, wie viel die Kinderlosen? Bild: Keystone

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Bäuche, überall Bäuche. Wir sind an einem Herbstfest, hier ein Bauch im 7. Monat, da einer im 4. Monat, dort drüben einer nach dem 9. Monat. Um die Bäuche und mich turnen jene, die zuvor in dem einen oder anderen Bauch drin waren: lauter Kinder, fröhlich quietschend. Rundherum Leute um die dreissig, von denen viele glänzende Ringe an den Fingern tragen.

Seit einiger Zeit passiert, womit keiner aus unserem Freundeskreis gerechnet hat: Es wird geheiratet, und es werden Kinder in die Welt gestellt. Also: Ich habe nicht damit gerechnet. Da ich davon ausgegangen bin, dass wir alle ähnlich sind, habe ich es verpasst, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass einige nun ganz andere Wege gehen.

Und so tut sich in meinem Bekanntenkreis – obwohl dieses Herbstfest äusserst harmonisch verlaufen ist – ein Graben auf: zwischen den Teams «(verheiratete) Eltern» und «Kinderlose».

Sind Eltern rücksichtslos?

«Ich will, dass Eltern Rücksicht auf mich nehmen, genauso, wie ich Rücksicht auf sie nehme», klagt ein Kinderloser. Er nimmt jene jungen Eltern unter Beschuss, die meinen, ihr Leben so fortführen zu können, als ob sie keine Kinder hätten, auch wenn das Kind im Café sehr lange quengelt und schreit. Es gebe ein ungeschriebenes Gesetz dafür, wie viel Raum Eltern mit ihren Kindern in der Öffentlichkeit einnehmen dürften, überall dort, wo also auch Leute ohne Kinder sind. Eltern würden das oft ignorieren und gleichzeitig erwarten, dass man Verständnis zeigt und die grosse Belastung anerkennt, die die Erziehung mit sich bringt. Sie blenden den Stress der Kinderlosen aus – im Job, in der erweiterten Familie, im Leben. Die Belastung von Eltern ist immer grösser, das Kind gottgleich. Und es soll nicht nur für die Eltern, sondern für alle so sein.

Dass Kinder heute eine andere Stellung in der Familie haben als früher, bestätigen auch Forschende und Lehrpersonen. Eltern schenken ihren Kindern inzwischen mehr Aufmerksamkeit, Kinder sind ein Projekt. Eltern identifizieren sich stärker mit ihrem Nachwuchs und vermitteln ihm von klein auf: Du bist etwas Besonderes und besser als alle anderen.

Prompt schlägt auf der nächsten Tramfahrt ein Kind mit den Füssen gegen die Metallverkleidung, ein anderes hüpft auf dem Knopf rum, der die Glocke klingeln lässt. Ich sage nichts. Ich traue mich nicht, den kleinen Halbgöttern die Leviten zu lesen, obwohl ich es unangemessen finde, dass unbeteiligte Personen diesem Lärm ausgesetzt sind. Ich will nur noch raus aus dem Tram. Oder sollten kurzerhand die Kinder an der nächsten Haltestelle rausgestellt werden?

Kinderlose stossen auf Unverständnis

Ich bin gerade «Team Kinderlos». Gefühlt, aber auch ganz real. Im Moment interessiere ich mich auch schlichtweg für andere Dinge als für Kinder. Dass andere das seltsam finden, finde ich seltsam. Doch damit bin ich in der Minderheit.

Mit der gewollten Kinderlosigkeit ist unsere Gesellschaft noch immer nicht richtig warm geworden. Rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung wohnt in einem Haushalt mit Kindern unter 25 Jahren, nur ein Viertel ist Teil eines Paares ohne Kinder. Allerdings hat sich die Anzahl Paare ohne Kinder seit 1970 verdoppelt, zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik.


Die Anzahl Paare, die keine Kinder haben, wächst. Quelle: Bundesamt für Statistik

Einige Tage später sitze ich mit einer Freundin auf dem Spielplatz. Ihre Kinder turnen fröhlich herum, wir können uns ungestört unterhalten. Schön. Ein Familienidyll, an dem ich teilhaben darf. Das sei ein Glücksfall, sagt sie. Eine andere Freundin habe sie schon gebeten, ohne Kinder zum Kaffee zu kommen. Für mich aber ist sie immer noch dieselbe. Ich gehe lieber mit ihr und Kindern als ohne sie Kaffee trinken.

Je nach Alter kann man sich mit den Kindern ja auch unterhalten, mit ihnen spielen, die Kinder kennen einen, lachen auch mich an. Die Freundschaft erhält eine neue Dimension, eine mit Kindern. Und ich will diese Freundschaft weiterpflegen, auch draussen. Und wenn das Kind dort mal weint, sollte das kein Weltuntergang sein. Ist ja ein Kind, kann man nicht einfach abstellen. Sollte dann jemand etwas Böses sagen, würde ich meine Freundin und ihr Kind verteidigen. Ich fühle mich gerade im Team «(verheiratete) Eltern».

Können wir Freunde bleiben?

Trotzdem habe ich Angst, dass wir uns entfremden; wir, die keine Kinder haben, und jene, die welche haben. Ich fürchte mich präventiv vor dem Satz «Das verstehst du nur, wenn du selbst Mutter bist.» Das mag ja zum Teil auch stimmen. Aber würde ich jemandem sagen «Das verstehst du erst, wenn du selbst Journalistin bist»? Nein. Also erwarte ich auch von anderen, dass sie mir nicht das Gefühl geben, weniger vom Leben zu verstehen oder gar ein unvollständiges Leben zu haben, nur weil ich keinen Ring am Finger und kein Kind im Bauch trage.

Ich spüre gerade, was die Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach den «tiefen Riss» zwischen Eltern und Kinderlosen nennen. Man verliert sich aus den Augen, die Vorurteile gegenüber den «Anderen» werden immer grösser, ich habe obendrauf noch das Gefühl, dass Eltern nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch vom Staat immer bevorzugt werden. Wieso fühle ich mich gerade so angegriffen? Weil ich mir dieses Gefühl der Minderwertigkeit vielleicht gerade selbst gebe?

Respekt für Lebensinhalte, in denen keine Kinder vorkommen

Nein, wohl eher, weil ich nicht weiss, wie ich mich in Zukunft verhalten soll beim Balanceakt über diesen Graben. Auf der einen Seite der leise gesellschaftliche Zwang, der doch auch ein Wollen ist, es Eltern und ihren Kindern zu ermöglichen, das Leben zu leben, das sie wollen, und ihnen dafür den Raum zu (über)lassen. Auf der anderen Seite die Reflexe, gegen die kein Kraut gewachsen ist, etwa der «Hört auf zu schreien!»-Reflex, für den ich fordere, dass er von Eltern respektiert wird.

Und auch der «Ihr habt euch ja für Kinder entschieden, nicht ich»-Reflex. Der kommt dann auf, wenn ich höre, wie kinderlose Arbeitstätige angehalten werden, ihre Schichten und Urlaube so zu legen, damit es für jene mit Kindern am besten passt. Ich habe im Moment kein Problem damit. Ich bin tatsächlich flexibler, weil ich keine Kinder habe. Über den Anspruch an sich lässt sich trotzdem streiten.

Nun weiss ich noch immer nicht, auf welcher Seite ich stehe. Vielleicht werde ich den Graben einfach ignorieren und noch eine Weile so tun, als seien wir alle gerade erst 18 geworden. Das geht wohl so lange gut, bis wieder ein Kind auf der Tramglocke rumhüpft.

Erstellt: 11.12.2019, 16:42 Uhr

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