«Mädchen lieben pink, weil sie es überall zu sehen bekommen»

US-Autor Tom Vanderbilt ergründet in seinem neuen Buch den menschlichen Geschmack. Die Erkenntnis: Wir sind nicht so raffiniert, wie wir glauben.

Geschmack trainiert sich der Mensch an: Mädchen im Barbie flagship store in Shanghai.

Geschmack trainiert sich der Mensch an: Mädchen im Barbie flagship store in Shanghai. Bild: Aly Song/Reuters

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Ist es heute schwieriger, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, als zur Zeit unserer Grosseltern?
Auf jeden Fall! Nicht nur, weil wir viel mehr Auswahl in allen Konsumsparten haben. Sondern auch, weil wir via Social Media permanent mit der Auswahl unserer Mitmenschen konfrontiert sind. Kindernamen zum Beispiel basierten früher auf der Familientradition. Heute müssen sich werdende Eltern, die ihren Sohn Paul nennen wollen, fragen: Wie viele Pauls wurden letztes Jahr geboren? Ist der Trend ab- oder zunehmend? Welche Stars, welche Politiker heissen Paul? Sollen sie überhaupt auf Bestehendes setzen oder besser einen Namen erfinden? Wir sind in Geschmacksfragen freier als je zuvor – und durch das Überangebot zunehmend überfordert.

Ihr Buch «Geschmack» handelt von individuellen Vorlieben in Sachen Film, Kunst, Möbel, Kulinarik . . . Kann man solch unterschiedliche Kategorien wirklich vergleichen?
Ja, weil unsere Präferenzen in all diesen Sparten denselben psychologischen Dynamiken unterliegen. Zum Beispiel haben Tests ergeben: Je häufiger wir etwas ausgesetzt sind, desto besser mögen wir es. Das gilt für Kaffee, der ja anfänglich kaum einem schmeckt, wie für die Farbe Rosa: Kleine Mädchen lieben Pink, weil sie es überall zu sehen bekommen.

Dann ist Geschmack also reine Trainingssache? Nicht angeboren?
Wir werden nur mit ganz wenigen Vorlieben – etwa jener für Süsses – geboren. Den Rest «lernen» wir nach und nach. Dieser Lernvorgang beginnt schon beim Fötus: Babys, deren Mütter in der Schwangerschaft viel Knoblauch gegessen haben, sind mit ihm vertraut und mögen ihn eher. Den meisten Geschmacksstoffen werden wir aber erst nach und nach ausgesetzt – und reagieren spontan oft ablehnend darauf. Kein Wunder: In der freien Wildbahn birgt Unbekanntes oft Todesgefahr.

Wie erklärt sich das Phänomen, dass viele die Farbe Blau mögen?
Interessant ist, dass bei Farben – anders als bei Gerüchen oder Klängen – in allen Teilen der Welt dieselben Vorlieben bestehen. Das hat Wissenschaftler auf die Theorie gebracht, dass wir die Farben jener Dinge aus der Umwelt bevorzugen, die uns guttun. Wer mag schon den blauen Himmel nicht? Umgekehrt sind Grau- und Brauntöne unbeliebt. Langzeitpräferenzen, die sich kurzfristig ­ändern können: Wer Ferien in Irland macht, bei dem wird sich die Vorliebe für Grün wahrscheinlich verstärken.

Andererseits schmeckt uns das Guinness, das wir aus Irland mitgebracht haben, zu Hause nicht besonders. Wieso?
Weil uns eigentlich nicht das Bier an sich so zugesagt hat, sondern dieses in Irland zu trinken. Ein klassischer geschmackspsychologischer Fallstrick, wie es sie zu Dutzenden gibt. Wenn wir aus einer Vielzahl von Dingen etwas auswählen müssen, so mögen wir das Gewählte ­anschliessend auch deshalb lieber, weil unsere Entscheidung es aufwertet. Und natürlich werden unsere Vorlieben auch durch unsere Mitmenschen beeinflusst. Wir mögen jemanden, also glauben wir, auch denselben Wein, denselben Film, dieselbe Musik zu mögen.

Dann funktioniert Geschmack also auch als sozialer Kitt?
Absolut! Der Mensch ist so programmiert, dass er permanent Verhaltenshinweise von anderen Menschen empfängt. Kinder, die bei einer Aufgabe nicht ­weiterkommen, imitieren Erwachsene. Die Ausbildung von persönlichem Geschmack funktioniert ähnlich: Wir registrieren, wie sich die Leute um uns ­herum kleiden, welche Musik sie hören, welche Filme sie sich ansehen, und orientieren uns danach. Je unerfahrener wir auf einem Gebiet sind, je unsicherer, desto eher suchen wir Halt im Geschmack von anderen. Deshalb sehen Teenager teils wie Klone aus.

Ist persönlicher Geschmack nicht gerade ein Mittel der Distinktion?
Es ist ein interessantes Paradox, dass wir einerseits einer Gruppe angehören möchten, uns aber andererseits das Gefühl gefällt, individuell zu sein. Psychologen nennen das die «konformistische Unterscheidung»: So werden sich an einer Party erst vier Beatles-Fans finden – und dann diskutieren, wer welchen Beatle am liebsten mag.

Ist unser Geschmack irgendwann fertig ausgebildet? Oder ist das ein lebenslanger Lernprozess?
Theoretisch wird er nie «fertig». Viele erreichen aber irgendwann eine geschmackliche Sättigung. Warum die neusten Musiktrends scouten, wenn man auf Jahrzehnte guter Musik zurückgreifen kann?

Funktioniert der sogenannt gute Geschmack noch als Statussymbol?
Wie viele von uns, denen der kuschelige Ikea-Schaukelstuhl eigentlich besser gefällt, besorgen sich trotzdem den ruinösen, unbequemen, aber smarten Corbusier-Sessel? Auf diese Weise betrügen wir nicht nur unsere Mitmenschen, sondern auch uns selbst: Tests haben gezeigt, dass Netflix-Abonnenten nicht diejenigen Filme gut bewerten, die ihnen tatsächlich gefallen haben, sondern jene, von denen sie denken, dass man sie gut finden sollte. Das heisst: Unsere geschmacklichen Entscheidungen sind letztlich nicht nur ein Spiegel der Person, die wir sind, sondern auch jener, die wir gern sein möchten.

Der Autor Tom Vanderbilt (*1968) schreibt regelmässig für das «New York Times Magazine». «Geschmack. Warum wir mögen, was wir mögen» (Hanser 2016, ca. 30 Fr.) ist sein viertes Buch.

Erstellt: 19.12.2016, 19:05 Uhr

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