Zum Hauptinhalt springen

Männer klagen zu viel

Immer mehr fühlen sich benachteiligt. Aber so lange Männer Frauen dermassen schlecht behandeln, klingen ihre Probleme banal.

Verletzte Männer? Sie sollten mal über die eigene Rolle nachdenken. Foto: Simon Josefsson (EyeEm)
Verletzte Männer? Sie sollten mal über die eigene Rolle nachdenken. Foto: Simon Josefsson (EyeEm)

Sie klagt. Sie klagt an. Sie teilt aus. Sie verurteilt. Sie tobt. Margarete Stokowski, Philosophin und Buchautorin, meinungsstarke Feministin, eine Polemikerin von Grund auf, tut wieder einmal, was sie Gegnern vorwirft, also Männern: Sie beklagt sich. Mit ihren Tiraden kann sie einem intensiv auf die Nerven gehen. Man vermisst in ihren Kolumnen, die sie für «Spiegel online» schreibt, Überraschungen bei ihren Positionsbezügen, auch verfügt sie über eine X-Large grosse Selbstgerechtigkeit, ist aber mit einem S-Small Humor ausgestattet.

Nun werfen Männern Feministinnen Humorlosigkeit am liebsten dann vor, wenn sie sich mit ihrer Kritik nicht auseinandersetzen wollen. Das soll hier nicht geschehen. Denn mit ihrer aktuellen Kolumne, die den subtilen Obertitel «Männliche Paranoia» trägt, hat Stokowski recht: «Der Mythos der Bedrohung für Männer hält sich beharrlich, egal wie viele Statistiken dagegen sprechen.»

Fast zeitgleich hat das angesehene Magazin «The New York Review of Books» unter dem Titel «The Fall of Men» diverse Artikel veröffentlicht, die das Thema anhand von mehreren Büchern analysieren. Mit Verweis auf Klagen von rechten Quellen rapportiert die «Review» die Vorwürfe: Männer scheitern häufiger in der Schule und an den Unis, sie werden häufiger krank, leiden mehr an Übergewicht und Süchten aller Art, vom Heroin bis zum Gamen. Sie wohnen häufiger bei den Eltern. Männer leiden an einem tieferen Selbstbewusstsein als Frauen, sind viel anfälliger für rechtsradikale Propaganda, verklumpen sich zu Banden, um sich gegenseitig ihrer Männlichkeit zu versichern. In vielen armen Familien fehlt der Vater, was sich für die Buben besonders schlimm auswirkt.

All dies werde von den liberalen Medien und Politikerinnen verschwiegen, die stattdessen nach noch mehr Macht und Quoten für Frauen verlangen würden. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson schlägt Eltern vor, Buben aus jeder Schule zu nehmen, die Begriffe wie «Gleichheit, Vielfalt, Zugehörigkeit» verwendeten, die er für eine Form der Indoktrination halte.

Solche Klagen, welche die Rechte seit Jahren ausstösst, liessen sich als Frustrationspropaganda entsorgen, wenn nicht so viele Männer bis hin zum amerikanischen Präsidenten überzeugt wären, sie würden tatsächlich benachteiligt. «Es ist eine angstvolle Zeit für junge Männer in Amerika», sagte Donald Trump bei der Wahl seines neuen Bundesrichters Brett Kavanaugh.

Wo Trump den Zusammenhang zwischen einer Wahl und einem Geschlecht sieht, bleibt, wie so oft bei ihm, schleierhaft. Vor allem aber: Wenn Männer Angst haben, wie sollen denn die Frauen reagieren? Was der Präsident nämlich nicht sagte: dass die Rechtsprofessorin Christine Blasey Ford, die Kavanaugh wegen sexueller Belästigung angeklagt hatte, dermassen viele Gewalt- und Morddrohungen erhalten hat, dass sie unter Polizeischutz steht. Ähnliche Bedrohungen werden aus anderen Ländern vermeldet.

Der mitunter schrille Ton der #MeToo-Debatte darf einen stören, aber Margarete Stokowski hat recht, wenn sie schreibt: «Es genügt, die Kriminalstatistik zu zitieren.»

Nachzulesen, wie viele Frauen von Männern täglich bedroht werden, raubt einem sogar den Humor.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch