«Männlich und weiblich verschwimmt, lebt damit!»

Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht, das aufregendste Liebespaar der Schweiz, eröffnen unsere Sommerserie «Summer of Love».

«Paris ist schon verdammt romantisch»: Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht über ihre Stadt.
Video: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit Ihrem Auftritt in der «Arena» im Mai wurde Ihre Liebe definitiv politisch. Seither sind Sie Botschafterinnen der Homosexuellen in der Schweiz. Können Sie etwas bewirken?
Tamy Glauser: Ich erinnere mich an meine erste Pride in Zürich. Damals habe ich zu den Jüngsten auf der Strasse gezählt. Seit Dominique und ich zusammen sind, fallen mir die vielen jungen Menschen auf. Ich kann mir vorstellen, dass das auch mit uns zu tun hat.
Dominique Rinderknecht: Es gibt ja sonst kein lesbisches Paar, das so öffentlich auftritt. In einer Bar kam ein lesbisches Mädchen auf uns zu und erzählte, dass jetzt endlich auch ihre Grossmutter sie akzeptiere. Die Grossmutter ist ein Fan von mir und hat dadurch einen Zugang gefunden.

Vor fast genau 40 Jahren war es eine Sensation, als Homosexuelle sich erstmals mit Gesicht in der «Arena» zeigten. Sie beide kämpften in der Sendung für Homoehe, Leihmutterschaft, Adoptionsrecht. Wofür werden Ihre Nachfolgerinnen 2058 kämpfen?
Rinderknecht: Hoffentlich nicht mehr dafür.
Glauser: Ich hoffe, dass wir dann an einem Punkt sind, an dem es keine ­Rolle mehr spielt, wen man liebt. Wir ­werden als Teenager beginnen herauszufinden, wer wir sind. Wenn man es weiss, teilt man seinen Nächsten mit, ob man jetzt heterosexuell, bisexuell oder pansexuell ist. Rinderknecht: So, dass es kein Outing in seiner heutigen Bedeutung mehr braucht.

Ihre Liebe wird durch ihre ­Diskriminierung automatisch ­politisiert. Ist das ungerecht oder gehört es zu Ihrem Kampf?
Rinderknecht: Wir erhalten eine ganz ­andere Aufmerksamkeit. Keiner fragt ein heterosexuelles Paar, ob es mit seiner Liebe ein politisches Statement macht. Gleichzeitig ist es schön, dass wir mit unserer Liebe ein Statement setzen ­können, das hoffentlich zu mehr Normalität führt.
Glauser: Für mich war bereits mein öffentliches Outing politisch. Ich habe es bewusst gemacht, weil ich, als ich jung war, keine Vorbilder hatte.
Rinderknecht: Eigentlich ist es das beste, was passieren konnte: Ich als Ex-Miss-Schweiz, was ja ein konservatives Konstrukt ist, stehe zu meiner Liebe und bewirke vielleicht gerade bei Menschen aus diesem Umfeld etwas.

Wir sind in Paris, der Stadt der Liebe. Frau Glauser, Sie leben schon seit Jahren hier, wo die Homoehe erlaubt ist. Ist die Gesellschaft offener?
Glauser: Ich glaube nicht per se. Als sie erlaubt wurde, gingen viele dagegen auf die Strasse. Mein Umfeld war extrem schockiert. In der Schweiz gibt es wenige, die sich öffentlich gegen die Homoehe äussern. Laut Umfragen hätten die wenigsten Schweizer etwas dagegen, sie sind gesellschaftspolitisch nicht zurückgeblieben – die demokratischen Prozesse dauern einfach sehr lang.
Rinderknecht: Ich bin mir sicher, dass sie angenommen würde, könnten wir darüber abstimmen.

«Es gab Leute, die mir rieten, auf meine Karriere aufzupassen.»Dominique Rinderknecht

Frau Rinderknecht, das ist Ihre erste Beziehung mit einer Frau. War es einfach, sofort in diese ­Botschafterinnen-Rolle zu schlüpfen?
Rinderknecht: Ich habe mir das zu Beginn gar nicht so genau überlegt. Ich sah nie ein Problem in der Beziehung, empfand sie nicht als spektakulär, lebte sie ganz natürlich. Erst als die ersten und dann ganz viele Reaktionen kamen, wurde es kurz schwierig für mich. Es gab Leute, die mir rieten, auf meine Karriere aufzupassen. Ich verlor damals zwei grosse Aufträge.

Mit welcher Begründung?
Die Unternehmen befürchteten, ihre Kunden seien zu konservativ. Sie waren sich nicht sicher, ob es positiv wahrgenommen würde, wenn sie mit mir zusammen arbeiten.

War das schwer?
Ich hätte das nie gedacht. Schliesslich wollte ich aber unter diesen Umständen selbst nicht mehr mit diesen Kunden zusammenarbeiten. Ich fragte mich schon, ob ich mir damit etwas kaputt mache. Aber dann bin ich einfach meinem Herzen gefolgt.

Rückblickend: Könnte man sagen, dass Ihre Liebe sogar zum Karriere-Boost für Sie beide wurde?
Wir arbeiten sehr viel zusammen, ja. Die meisten Kunden sind geblieben, es sind neue spannende Sachen dazu gekommen.
Glauser: Und Dominique hat ihre eigene Sendung.
Rinderknecht: Es hat sicher nicht nur damit zu tun.
Glauser: Nein, aber sie brauchten ein cooles Girl. Und wenn man hinsteht, zeigt, wer man ist, authentisch ist und sich nicht versteckt, ist man ziemlich cool.
Rinderknecht: Ja, man zeigt mehr Ecken und Kanten. Ich bekam mehr Profil.

Sie sind Medienlieblinge, Ihre Liebe wirkt ansteckend. Ist das erfolgreiches Medientraining?
Glauser: Überhaupt nicht. Meistens ist es eine Bauch-Sache.
Rinderknecht: Irgendwann weiss man, wie man sich ausdrücken muss, damit einem nicht die Sätze im Mund umgedreht werden.
Glauser: Es passiert natürlich trotzdem noch.
Rinderknecht: Ja, aber wie sollte man uns böse sein? Es ist Liebe, wer sollte etwas dagegen haben?

Was bedeutet Liebe für Sie? Glauser: «Wenn jemand an deiner Seite steht und in dieselbe Richtung schaut.» Fotos: Fabienne Andreoli

Wie viel Öffentlichkeit verträgt Ihre Liebe? Wo ziehen Sie Grenzen?
Glauser: Wir entscheiden selber, wie wir uns präsentieren. Wir küssen uns nicht extra für die Kameras. Wenn sie uns erwischen, okay, aber wir führen unsere Liebe nicht auf Kommando vor.
Rinderknecht: Ein Credo hatte ich schon als Miss: Was ich meinem Vater nicht erzählen würde, darüber rede ich weder in der Öffentlichkeit noch teile ich es auf Social Media.

Trotzdem teilen Sie viel. Sie vermarkten sich als Paar.
Rinderknecht: Wir arbeiten gemeinsam und können so mehr Zeit miteinander verbringen.
Glauser: Wir müssen nicht mal eine Show abziehen. Wir sind einfach.

Nur können sich die meisten ­Menschen nicht vorstellen, ihre Liebe so öffentlich zu zeigen. Auch wenn sie echt ist.
Rinderknecht: Ja, aber das ist Teil unseres Jobs. Wie Journalisten noch eine Story mehr schreiben, teile ich noch eine Insta-Story mehr. Wir machen aber auch Feierabend.
Glauser: Die meiste Zeit unseres Lebens ist nicht auf Social Media geteilt, auch wenn das vielleicht für einige so aussehen mag. Von 24 Stunden stellen wir einen Ausschnitt von maximal fünf Minuten online.

Beeinträchtigt die Öffentlichkeit Ihre Liebe?
Rinderknecht: Am Anfang gab es zwei, drei Situationen, wo wir uns absprechen mussten, wie wir damit umgehen wollen. Auch weil wir uns noch nicht so gut kannten. Heute glaube ich nicht, dass wir uns mehr schützen müssten. Die Öffentlichkeit nimmt uns nicht ein.
Glauser: Wir haben sehr viel selber in der Hand. Bei der Schlagzeile, dass ich mit allen Mädchen der «Vogue» rum­gemacht hätte, nahmen wir uns kurz ­zurück, sprachen darüber und merkten, dass alles nicht so wild ist. Wir spüren gut, wann wir das tun müssen.

Was bedeutet Liebe für Sie?
Glauser: Wenn jemand an deiner Seite steht und in dieselbe Richtung schaut.
Rinderknecht: Ich glaube, unsere Liebe ist eine krasse Ergänzung. Wir bringen uns gegenseitig weiter. Liebe beinhaltet vieles – Faszination für den anderen, sich von ihm inspiriert fühlen.
Glauser: Den anderen Dinge tun lassen, die einem selbst nicht entsprechen.

Gehört die Ehe zur Liebe?
Ich will, dass alle die gleichen Rechte haben. Es geht ums Prinzip. Ich weiss nicht, ob ich heiraten will. Aber ich will mich wie alle anderen dafür oder dagegen entscheiden können.
Rinderknecht: Bei der Ehe vermischt sich Religion mit dem Staat. Menschen sollen nicht aus religiösen Gründen unterschiedliche Rechte haben.

«Dominique hat mich so willkommen geheissen, dass es mich umhaute.»Tamy Glauser

Frau Glauser, Sie sind bei Pflegeeltern aufgewachsen. Wie hat das Ihre Art zu lieben beeinflusst?
Glauser: Ich hatte trotzdem eine sehr enge Beziehung zu meiner leiblichen Mutter, sie gab mir Liebe. Aber mich zu binden, ist schwierig für mich. Mir sind Unabhängigkeit und Selbstständigkeit so wichtig, dass es nicht leicht ist, Verletzlichkeit zuzulassen.

Wie haben Sie es gelernt?
In jeder einzelnen meiner Beziehungen. Ich habe mir oft Leute ausgesucht, die mich zwar liebten, aber aus irgendeinem Grund nicht mit mir zusammen sein konnten. Irgendwann merkte ich, dass das Problem bei mir liegt. Mir war wohl als Single, bis Dominique kam. Sie hat mich so willkommen geheissen, dass es mich umhaute.
Rinderknecht: Du musstest dich umgewöhnen.
Glauser: Ja, aber ich war auch bereit, eine glückliche Liebe anzunehmen.

Wer hat Ihre Art zu lieben beeinflusst, Frau Rinderknecht?
Rinderknecht: Meine Eltern. Sie trennten sich, als ich sieben war. Das war für alle hart. Ich habe mich darum schon früh mit Beziehungen auseinandergesetzt und wusste, was die Realität ist.
Glauser: Sie haben dir etwas sehr Ehrliches vorgelebt.
Rinderknecht: Genau, sie waren ehrlich, obwohl es nicht schön war. Sie haben uns nie etwas vorgespielt. Das stärkte mich.

Weil Sie erfahren haben, dass es nicht das Ende ist, wenn etwas endet?
Genau, und wie man damit umgehen kann. Ich wusste, dass man es überlebt.
Glauser: Ich erlebe das erst jetzt in ­Dominiques Familie. Dass es Streit ­geben und danach wieder gut sein kann. In meiner Familie zeigten wir nur unsere guten Seiten, wollten niemanden enttäuschen. Wenn meine Mutter und ich uns sahen, wollten wir nicht streiten, wir waren einfach nur froh, ­zusammen zu sein. Erst später merkte ich, dass Liebe nicht heisst, dass immer alles gut sein muss.

Sie leben zwischen Paris, Zürich, reisen oft. Fehlt Ihrer Liebe nicht etwas Entscheidendes – ein gemeinsamer Alltag, Langeweile?
Wir sind beide nicht sehr alltagsliebend. Letztes Jahr waren wir zwei Monate ununterbrochen zusammen. Wir hängen auch dann nicht einfach rum und gucken Netflix. Wir steigen ins Auto, nehmen das Zelt mit und fahren in die Berge.
Rinderknecht: Abgesehen davon bin ich harmoniebedürftig. Ich beende Streits lieber schnell, in einer schlechten Stimmung verharren ist totale Zeitverschwendung.

Rinderknecht: «Warum soll ein Rock weiblich sein? Und Fussball männlich?»

Erleben Sie Homophobie, wenn Sie Hand in Hand durch die Strasse ­gehen?
Glauser: Jetzt nicht mehr. Obwohl hier in Paris auch schon etwas passiert ist.

Was ist passiert?
Wir gaben uns einen Kuss in einem Gemüseladen. Dem Verkäufer war das zu viel, er toleriere das nicht, meinte er. Solche Vorfälle machen paranoid.
Rinderknecht: Ja, es hinterlässt Spuren. Weil man solche Konfrontationen ja nicht sucht.
Glauser: Wenn wir Homophobie erleben, dann vor allem über Online-Kommentare.
Rinderknecht: Im Stil von «Denkt doch bitte an Gott». Es gibt auch Menschen, die ­aggressiv auf Tamy reagieren. Das macht mich sehr wütend. Es ist ihre eigene Unsicherheit, die diese Aggressionen auslöst. Männlich-weiblich verschwimmt, lebt damit! Warum soll ein Rock weiblich sein? Und Fussball­spielen männlich?

Sie haben in der «Arena» erklärt, dass Sie auch ein guter Vater wären.
Ja, deswegen habe ich es auch gesagt. Jeder Mensch hat männ­liche und weibliche Seiten. Ich habe viel mehr Männliches als Tamy. Ich liebe Adrenalinkicks, schnell beschleunigende Autos. Sie ist das feinere Wesen.

Sie weichen traditionelle Rollenbilder auf – und verunsichern Menschen. Spielen Sie damit, setzen noch einen drauf?
Glauser: Ich halte mich eher zurück. ­Vielleicht, weil ich schon mehr Zwischenfälle erlebt habe. Dominique geht unbefangener und selbstbewusster ­damit um.

Paris et mon amour: Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht.

Erstellt: 19.07.2018, 19:57 Uhr

Collection

Summer of Love

Sommerserie (1/6)

In der Serie Summer of Love reden wir mit fünf Paaren und einmal einer Gruppe von Freundinnen über die Liebe und darüber, was sich seit 1968 verändert hat.

So steht es um die Rechte für Homosexuelle in der Schweiz

In den 40er-Jahren war Zürich die europäische Schwulen-Metropole: Unter dem Pseudonym Rolf gab Schauspieler Karl Meier die international bekannte Zeitschrift «Der Kreis» heraus, die bis 1967 erschien. Der gleichnamige Film von 2014 erzählt vom Niedergang der Zeitschrift und der Schwulenorganisation – im Fokus steht die Liebesgeschichte von Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die sich während der Schwulenrepressionen in Zürich kennenlernten.

Seit 1942 sind homosexuelle Handlungen legal, in Folge der 68er-Bewegung entstanden in der Schweiz verschiedene Homosexuelle Arbeitsgruppen. Mit dem revidierten Strafgesetzbuch von 1992 wurden weitere Ungleichbehandlungen abgeschafft: das Verbot von gleichgeschlechtlicher Sexualität im Militär etwa. Neu galt für homo- und heterosexuelle Handlungen das gleiche Schutzalter. Seit 2007 gibt es ein Partnerschaftsgesetz, das Heiratsverbot für gleichgeschlechtliche Paare dauert bis heute an. (slm)

Artikel zum Thema

Bis wann war ein solcher Kuss in der Schweiz verboten?

Quiz Tamynique kämpfen in der SRF-«Arena» für die Homo-Ehe. Heute kaum zu glauben: Früher hätten sie ihre Liebe verstecken müssen. Testen Sie Ihr LGBT-Wissen im Quiz! Mehr...

Wie es um die Rechte von Homosexuellen in der Schweiz steht

Infografik Schlechter als Montenegro, Albanien und Bosnien: Bei der Gleichstellung von Homo-, Trans- und Intersexuellen hinkt die Schweiz hinterher. Mehr...

Blogs

Geldblog So machen Sie mehr aus Ihrem Vorsorgegeld

Sweet Home Mehr als Fensterkleider

«Jungs haben manchmal Angst vor den Mädchen»

Fuckboys, F plus, Sexting – wie Millennials im Zeitalter ständiger Verfügbarkeit lieben. Vier junge Frauen im Interview. Mehr...

«Als Mutter machst du immer alles falsch»

Die Girods sind Mitte dreissig, haben kleine Kinder und ein Problem. Über den Versuch, Ideale in die Realität zu retten. Mehr...

«Frank ist ein super Gemüserüster»

Wie das Promipaar Baumann-von Arx Familie und Karrieren managt, ohne dass die Liebe Schaden nimmt. Das Interview. Mehr...