«Man liebt den Partner nicht 24 Stunden am Tag»

Wie eine Ehe dennoch schön werden kann, ergründet der Psychologe und Satiriker Peter Schneider in einem neuen Buch. Das Interview.

Trotz Pannen und Konflikten: Wie bringt man eine Ehe über die Jahre? Foto: iStock

Trotz Pannen und Konflikten: Wie bringt man eine Ehe über die Jahre? Foto: iStock

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Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch «Peter Schneider, wie wird eine Ehe schön?» ist kein Ratgeber. Die Journalistin Barbara Lukesch tauscht sich darin mit dem Psychoanalytiker und Satiriker zwar über alle möglichen Hürden und Glücksmomente des Ehelebens aus, allerdings nicht mit dem Anspruch, ein Patentrezept abzuliefern. Das Einzige, was hilft: ab und zu über den eigenen Schatten springen – und im Alltag möglichst entspannen.

Herr Schneider, wie oft wollten Sie sich in den 30 Jahren Ihrer Ehe scheiden lassen?
So an die Dutzend Mal? Aber das letzte Mal ist schon eine Weile her. Irgendwann habe ich mir das abgewöhnt.

Warum haben Sie es nie durchgezogen?
Ach, das sagt man doch nur so, wenn man so richtig Krach hat.

Sie drohen einfach so mit der Scheidung?
Wenn man schon droht, dann richtig. Ich kann ja schlecht sagen, ich gehe jetzt für 30 Minuten in mein Zimmer.

Wie hat Ihre Frau reagiert?
Meistens war ich so ausser mir, dass ich das gar nicht mitbekommen habe. Vermutlich: «Dann geh doch!» Wahrscheinlich klingt unsere Ehe schrecklich.

Im Buch gewinnt man eher den Eindruck, dass Sie sich seit 30 Jahren prima «durchwursteln», wie Sie es nennen. Wie muss man sich das vorstellen?
Das lässt sich schlecht schildern. Durchwursteln besteht ja gerade darin, dass es nichts Bestimmtes gibt, was man tun muss. Es geht einfach darum, dass man möglichst reibungslos zusammenlebt. Dass eingekauft ist, dass die Rechnungen bezahlt sind, dass man zusammen frühstückt.

Was ist mit der Liebe?
Die versteht sich von selbst. Es braucht allerdings unbedingt Momente, in denen einem das wieder mal so richtig auffällt und einfährt.

Liebe ist doch ein dauerhaftes Gefühl.
Ich finde nicht, dass man jemanden 24 Stunden am Tag lieben kann. Liebe ist wie Glück. Es fällt einem momenthaft auf. Allerdings kann man sich bei der Liebe nicht durchwursteln, die muss schon vorhanden sein. Aber wenn ich an den Beziehungsalltag denke, stelle ich mir eine schöne Ehe wie eine romantische Komödie vor, da wird ja meist gewurstelt. Es gibt Pannen und Konflikte, aber auch herzergreifende Momente und natürlich ein Happy End.

Sind gute Beziehungen nicht auch ein Stück weit Arbeit?
Wenn ich das Wort Beziehungsarbeit höre, kräuseln sich mir die Fussnägel! Was gibt es da zu arbeiten?

Wie würden Sie es denn beschreiben, wenn sich zwei Menschen bemühen, immer wieder aufeinander zuzugehen?
Es ist doch eher etwas Vergnügliches, wenn es einem gelingt, über den eigenen Schatten zu springen, freundlich und respektvoll zu sein. Das sind keine ehespezifischen Massnahmen, sondern ganz einfach Techniken, die man im Leben allgemein anwendet, um seine Existenz und die anderer möglichst angenehm zu gestalten. Das nennt man ja auch nicht Lebensarbeit.

Aber eine gute langjährige Ehe ist selten ein Selbstläufer.
Doch. Soweit es irgend geht, sollte sie ein Selbstläufer sein. Nur da wo es harzt, muss man ab und zu innehalten.

Und wenn dieses Harzen grundsätzlich wird?
Zum Beispiel?

Wenn der eine aufs Land ziehen und der andere lieber in der Stadt bleiben will. Oder wenn der eine findet, Flüchtlinge sind Parasiten, und der andere sich für Immigranten engagieren will.
Puh! Ich würde sagen: Da muss man sich einfach durchsetzen und in die Stadt ziehen. Was die ideologischen Unterschiede angeht, so werden die oft überschätzt. Aber Ihr Beispiel mit den Flüchtlingen scheint mir ein zu krasser Unterschied für ein schönes Zusammenleben.

Ehrlich gesagt, klingt die schöne Ehe, wie Sie sie schildern, furchtbar unromantisch.
Finden Sie? Das Buch ist ja kein Ratgeber, wie jede Ehe ein voller Erfolg wird. Ich mache mir darin bloss ein paar Gedanken über alltägliche Verhaltensweisen, die helfen könnten, dass man sich eine Ehe nicht unnötig versaut.

Ist Treue dabei wichtig?
Ich fürchte ja. Auch wenn Ehe und Treue derzeit nicht so eng verlötet sind wie auch schon, gilt Fremdgehen nach wie vor als grosser Vertrauensbruch. Das kann sehr zerstörerisch sein.

Unser Hirn ist nicht monogam veranlagt. Warum hat körper­liche Treue trotzdem einen so hohen Stellenwert?
Weil unser Hirn so selten ohne uns auf die Strasse darf. Wir sind auch nicht «programmiert», mit Messer und Gabel zu essen, obwohl wir es als völlig gewöhnlich empfinden, nicht mit den Fingern zu essen. Man nennt das Kultur. Exklusivität der sexuellen Beziehung ist Teil unserer Kultur geworden. Das kann sich ändern und tut es auch. Aber wir können das nicht einfach so beschliessen und so tun, als dürfte uns eine sexuelle Affäre nicht verletzen. Natürlich kann man Eifersucht und verletzte Gefühle rationalisieren, das haben wir wahrscheinlich alle schon in jungen Jahren versucht, weil Eifersucht so unsexy ist, aber es funktioniert halt nur selten.

Geht es nicht eher darum, dass sich der andere eine Freiheit gönnt, die man sich selbst verboten hat?
Neid spielt sicher eine Rolle, genauso wie die vorweggenommene Angst, verlassen zu werden und zurückgesetzt zu sein.

Zurückgesetzt sein?
Es ist quälend, sich vorzustellen, dass der Partner mit jemand anderem einen sexuellen und emotionalen Rausch erlebt, der in der Beziehung nicht stattfindet.

Untreue gehört zu den häufigsten Trennungsgründen. Wie kommt man darüber hinweg?
Meistens hilft nichts anderes, als den Zahn der Zeit sein Kauwerk verrichten lassen.

Und wenn der eine keine Lust mehr auf Sex hat, der andere aber schon?
Dann kann man manchmal dem anderen zuliebe trotzdem ab und zu Sex haben.

Sex als Ehepflicht?
Seit wann ist ein Gefallen eine Pflicht? Man kann es auch lassen. Niemand hat ein Recht auf solche Gefälligkeiten. Sie sind keine Pflicht, sondern eine Möglichkeit.

Es hat trotzdem einen schalen Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass Sex für Frauen lange Zeit zur Ehepflicht gehörte.
Das will ich gar nicht bestreiten, aber manches bekommt einen schönen Anstrich dadurch, dass es ein Akt der Freundlichkeit ist.

Das klingt nach Aufopferung.
Das ist auch so gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass man gewisse Bereiche überhöht und so tut, als dürfe es da niemals diesen Aspekt einer freundschaft­lichen Gefälligkeit geben. Man könnte es «marriage with benefits» nennen.

Kann also jede Ehe schön sein, wenn man sich entsprechend Mühe gibt?
Nein. Alles hat seine Grenzen. Das hat eine Ehe mit allen anderen menschlichen Unternehmungen gemeinsam. Unser Buch ist ja kein Plädoyer für die Ehe, sondern bloss eine Erinnerung für bereits Verheiratete daran, warum und wie man es sich manchmal unnötig schwer macht und wie man es sich auch leichter machen kann. Man kann sich in einer Ehe nicht beliebig verrenken, aber manchmal schon mit kleinen Dingen wie zum Beispiel dem Verzicht auf blöde Bemerkungen erstaunliche Erfolge erzielen.

  • Buch: Barbara Lukesch: «Peter Schneider, wie wird eine Ehe schön?», Wörterseh-Verlag.
  • Buchvernissage: 23.10., 20.15 Uhr, Kosmos Zürich.
  • Kolumnen: Peter Schneider: «Nichts Genaues weiss man nicht», Zytglogge-Verlag.
  • Lesung: 8.10., 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.
(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.09.2018, 18:22 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker schreibt Kolumnen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet und diverse andere Medien.

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