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Manche wollen eben nicht reflektieren

Kann man Reflexionsfähigkeit lernen?

Meinung

Mir fällt immer wieder auf, dass es Menschen gibt, die anscheinend ihr Handeln nie reflektieren. So überhäuft mich meine Schwester ständig mit Vorwürfen, ohne sich mit ihrem eigenen Anteil an den Meinungsverschiedenheiten zu befassen. Mein Mann meint, dass Reflexionsfähigkeit einem Menschen gegeben sei oder nicht – wie etwa die Begabung für Fremdsprachen. Ich habe eher den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht darüber nachdenken wollen. Vielleicht ist es eine mü­s­sige Frage, aber ob es hier um Wollen oder Können geht, würde mich schon interessieren.A. G.

Liebe Frau G.

Ich neige dazu, Ihrem Mann recht zu geben. Doch damit, dass es wohl in allem unterschiedliche Begabungen gibt, ist Ihre Frage noch nicht beantwortet. Auch wer kein Faible hat für Fremdsprachen, kann trotzdem eine lernen. Wie gut oder schlecht, hängt dabei nicht nur von der Begabung ab, sondern auch von vielen Begleitumständen: vom Alter, in dem man mit einer Fremdsprache beginnt; von Lehrern und Lehrmitteln; von den Gelegenheiten, die zweite Sprache zu gebrauchen, von den vorhandenen oder fehlenden Hemmungen, notfalls auch radezubrechen, und so weiter.

Wenn sich also auch nur unbestimmt sagen lässt, worin genau die Begabung oder Nichtbegabung für Sprachen besteht, so ist doch das Parlieren in einer Fremdsprache eine einigermassen handfeste Angelegenheit, die man sogar nach Kriterien wie Grösse des Wortschatzes und grammatikalischer Sicherheit messen kann. Das ist bei der «Selbstreflexion» anders, zumal «Unreflektiertheit» nicht nur die Beschreibung eines Verhaltens darstellt, sondern eben auch ein Kampfbegriff ist.

Das alltägliche Leben ist keine Psychoanalyse.

Das alltägliche Leben ist keine Psychoanalyse, in der die Reflexion in entspannten Momenten die Form eines vergnüglichen Pingpongspiels annehmen kann und das Herumkraxeln zwischen verschiedenen Ebenen des Denkens, die Erkenntnis von Motiven und Zwängen nicht nur amüsant sein kann, sondern auch noch befreiend wirkt. Das geht, weil die Psychoanalyse explizit in einer Umgebung stattfindet, die von der Notwendigkeit befreit ist, unmittelbar zu handeln oder zu entscheiden. Das ist schön, es ist auch durchaus für den sonstigen Alltag relevant, aber darum doch nicht als Prinzip auf den Alltag zu übertragbar.

Ausserdem zeigt sich auch hier, dass manche Menschen mehr Freude am reflektierenden Gerede haben als andere; freilich zeigt sich ebenso, dass diese Freude manchmal erst mit der Zeit entstehen kann. Ihre Frage, ob es beim Reflektieren eher um ein Können oder um ein Wollen geht, ist durchaus nicht müssig. Die Antwort darauf lautet allerdings sehr schlicht: Es ist ein Konglomerat von beidem – und die jeweiligen Anteile sind je nach Umständen variabel. Manchmal auch nicht.

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Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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