Anastasia-Bewegung: Russische Sekte drängt in die Schweiz

Hakenkreuze und Träume von der Autarkie: In Winterthur wirft der Streit um ein Sorgerecht ein Schlaglicht auf eine bislang unbekannte Sekte.

Glückliche und naturverbundene Menschen: Eine Familie in einem sibirischen Dorf, die nach den Regeln der Anastasia-Sekte lebt. Foto: Marco Pighin (LUZphoto, Fotogloria)

Glückliche und naturverbundene Menschen: Eine Familie in einem sibirischen Dorf, die nach den Regeln der Anastasia-Sekte lebt. Foto: Marco Pighin (LUZphoto, Fotogloria)

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Lagerfeuerromantik, blonde Kinder, Frauen mit Blumen im Haar: Es sind Fotos von glücklichen, naturverbundenen Menschen, die eins sein wollen mit ihrer Umwelt. Wären da bloss nicht diese Hakenkreuze. Gabi D. *, aufgewachsen in der Region Winterthur, steht an einem Tisch im Freien und bereitet Fruchtsäfte für die Kinder zu. Auf dem Tisch liegt ein mit Hakenkreuzen übersäter Flyer, daneben eine CD, deren Umschlagbild mit unzähligen blauen und roten Swastikas verziert ist.

Auf der CD ist Gabi D. zu hören, wie sie ein Gebet spricht. Ausserdem werden darin Seminare von Oleg Pankow beworben, einem selbst ernannten russischen Heiler. Laut der Zürcher Fachstelle Infosekta ist Pankow mit der aus Russland stammenden Anastasia-Bewegung verbunden und «propagiert Vorstellungen zur Einzigartigkeit der ‹Wedischen Rasse›».

Anastasia ist eine sagenhafte Frauengestalt mit übersinnlichen Kräften, die allein in der sibirischen Taiga lebt, schön, blond und weise. Ihr spirituelles Wissen wird in einer zehnbändigen Buchreihe mit dem Titel «Die klingenden Zedern Russlands» wiedergegeben. Die Bücher haben sich seit Mitte der Neunzigerjahre millionenfach verkauft und wurden auch auf Deutsch übersetzt. Zusammen stellen sie eine Art Bibel der Anastasia-Sekte dar.

Die Bilder mit den lachenden Menschen im Grünen, den Frauen in den langen Röcken stammen vom Sommer 2014. Kurze Zeit später wird Gabi D. schwanger und reist nach Russland, wo sie eine sogenannte Schetinin-Schule besucht. Diese Schulen bauen darauf auf, dass Kinder angeblich schon bei Geburt über «kosmisches Wissen» verfügen. Nach Ansicht der Anastasia-Bewegung sind Kinder bis zum Alter von neun Jahren «rein und allwissend», wie die Zürcher Fachstelle Infosekta schreibt. Wichtig ist in der Sekte auch ein naturverbundenes, gesundes Leben, am besten auf einem «Familienlandsitz» mit einer Fläche von etwa einer Hektare. Das soll ausreichen, um eine Familie von Biobauern mit gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen.

Träume von der Autarkie

Ein Ableger der Anastasia-Sekte ist der Verein «Familienlandsitze Schweiz», der nicht nur seinen Sitz in Winterthur hat, sondern auch einen auffällig hohen Anteil von Mitgliedern aus dieser Region. Der Vereinszweck besteht darin, die Schweiz zu einer lebenswerten Heimat zu vervollkommnen, basierend auf einem «langfristig harmonischen und respektvollen Umgang mit Mensch und Natur». Dabei sollen die Kinder «mit Stolz und Liebe das Werk ihrer Ahnen würdigen können». Kernpunkt des Programms sind Familienlandsitze, die zu autarken Siedlungen zusammengefasst werden. Nicht zuletzt wegen der hohen Bodenkosten in der Schweiz sind die Träume der hiesigen Anastasia-Anhänger bisher aber noch nicht in Erfüllung gegangen. Auch Lehrangebote nach dem Vorbild der Schetinin-Schulen sind nicht über das Stadium von Lerngruppen und Heimunterricht hinausgekommen, weil die nötigen behördlichen Bewilligungen fehlen. Wohl am weitesten fortgeschritten ist ein Schetinin-Projekt auf einem Biobauernhof im luzernischen Grosswangen.

Die Höfe mögen noch nicht gebaut sein, das Gedankengut der Sekte wirkt jedoch schon sehr konkret in der Schweiz. So muss sich die Kesb Winterthur-Andelfingen schon länger mit den Ideen der Anastasia-Sekte herumschlagen. Kurz nach der Geburt des Kinds von Gabi D. beginnt ein wüster Sorgerechtsstreit. Weil Gabi D. und der Kindsvater Daniel R. * nicht verheiratet sind, erhält sie das alleinige Sorgerecht. Daniel R. beantragt bei der Kesb das gemeinsame Sorgerecht und weist die Behörde darauf hin, dass die Mutter Mitglied der Anastasia-Sekte sei. Gabi D. bestreitet, einer Sekte anzugehören. Daniel R. reicht auch eine Gefährdungsmeldung ein, weil die Mutter dem Säugling eine Woche lang medizinische Versorgung verweigert habe, obwohl er an Magenproblemen litt und am Ende habe operiert werden müssen. Die Schuld daran trage die feindselige Haltung der Mutter gegenüber der Schulmedizin, was typisch sei für Anhänger der Anastasia-Bewegung. Laut Infosekta portieren manche Sektenanhänger Vorstellungen der «Neuen Germanischen Medizin», wonach sich zum Beispiel Krebs durch eine Traumabehandlung heilen lasse.

Die Mutter wiederum macht Daniel R. bei den Behörden schlecht. Sie wirft ihm vor, sie zu terrorisieren. Ausserdem habe er ein Problem mit Alkohol und Marihuana.

In der «Anastasia-Bibel» wird die Ideologie der Sekte weiterverbreitet.

Vieles in den Kesb-Akten erweckt den Eindruck, dass die Behörde die Bedenken der Mutter ernster nimmt. Eine Bekannte von Gabi D. ruft bei der Kesb an und sagt, sie mache sich Sorgen über den Zustand von Daniel R. Sie habe gehört, dass er sich etwas antun könne. Es sind Anschuldigungen vom reinen Hörensagen.

Aus Sorge um die Erziehungsfähigkeit ordnet die Kesb nun psychiatrische Gutachten von Gabi D. und Daniel R. an. Das Gutachten entkräftet die Vorwürfe, dass von Daniel R. Delikte gegen Leib und Leben zu befürchten seien und akute Suizidgefahr bestehe. Auch liege keine Suchtproblematik vor. Daniel R. werde als liebevoller Vater erlebt.

Kurz vor der Fertigstellung des Gutachtens telefoniert die zuständige Kesb-Mitarbeiterin mit dem Verfasser. Sie versucht ihn von ihrem persönlichen Eindruck zu überzeugen, dass es Daniel R. nicht primär um das Wohl des Kindes gehe. Vielmehr sei der Vater auf den Kampf gegen die Anastasia-Bewegung und auf seine Kritik an der Kesb fixiert – so ist es im Gutachten nachzulesen. In ihrer gleichentags verfassten Aktennotiz erwähnt die Mitarbeiterin allerdings mit keinem Wort, dass sie dem Psychiater ihre persönliche Einschätzung von Daniel R. am Telefon geschildert hat. Zu Einzelfällen könne man wegen der Schweigepflicht und des Amtsgeheimnisses nicht Stellung nehmen, teilte die Kesb auf Anfrage mit. Die Behörde entscheidet für die Mutter, der Fall geht heute an die nächste Instanz: das Bezirksgericht Winterthur.

Antisemitismus in Reinkultur

Was Gabi D. wirklich über die Anastasia-Bewegung denkt und ob das ihren inzwischen dreieinhalbjährigen Sohn beeinflussen könnte, bleibt ihr Geheimnis. Eine entsprechende Anfrage per E-Mail liess sie unbeantwortet. Allerdings gibt es viele Hinweise, die auf ihre Nähe zur Anastasia-Sekte deuten. So ist ihr Name in einer Publikation mit Anastasia-Gedankengut verzeichnet, als Korrektorin. Auf jeder Seite der Schrift prangen mindestens acht Hakenkreuze. Menschenrassen und Stämme werden aufgrund verschiedener Augenfarben unterschieden.

Dass sich die Sekte auf rassistisches Gedankengut beruft, lässt sich auch in der «Anastasia-Bibel» nachlesen. Zu Judenverfolgung und Holocaust heisst es dort: «Da das schon mehr als ein Jahrtausend geschieht, kann man den Schluss ziehen, dass das jüdische Volk vor den Menschen Schuld hat.» Die Juden hätten Verschwörungen gegen die Machthaber angezettelt, sie hätten versucht, alle zu betrügen, den Leuten ihren Besitz wegzunehmen. Das ist Antisemitismus in Reinkultur.

Schwarze Sonne

Ist es da ein Zufall, dass auf dem Facebook-Profil von Gabi D. ein Bild von einem Vogel prangt, der einen Anhänger mit einer schwarzen Sonne im Schnabel trägt? Dieses Symbol, eine Kombination von drei Hakenkreuzen, wurde unter anderem im Dritten Reich von der SS verwendet. Dasselbe Foto verwendet Gabi D. auch als Profilbild auf ihrem VK-Konto, dem russischen Facebook, diesmal sogar unter ihrem Klarnamen.

Frank Willy Ludwig, ein deutscher «Guru» der Anastasia-Sekte, erzählt im Frühling 2018 bei einem Vortrag im Kanton St. Gallen, dass ihn Gabi D. seinerzeit gefragt habe, ob sie ihr Kind abtreiben solle. Er habe ihr aber dringend davon abgeraten. Ausserdem sagt der Rechtsesoteriker am Rand der Veranstaltung, dass sich Gabi D. in Anastasia-Kreisen bewege.

Heute nun muss das Bezirksgericht Winterthur entscheiden, ob dieser Umstand eine Rolle bei der Beurteilung des Falles spielt – ob der Vater ein Mitspracherecht bei der weltanschaulichen Erziehung seines Sohns erhält oder ob das allein der Mutter überlassen bleibt.

* Namen geändert

Erstellt: 13.12.2018, 09:04 Uhr

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