Mein Sohn schlägt andere Kinder

Er haut Mitschüler, ist unruhig und gilt als Störenfried: Wie eine Mutter mit den Problemen ihres Kindes umgeht – und warum sie von anderen Eltern enttäuscht ist.

Sorgt ein Kind immer wieder für Ärger in der Schule, wird es rasch zum Aussenseiter: Ein Junge sitzt traurig am Pult. Foto: imago

Sorgt ein Kind immer wieder für Ärger in der Schule, wird es rasch zum Aussenseiter: Ein Junge sitzt traurig am Pult. Foto: imago

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Ein Einfamilienhaus in der Vorstadt: ruhige Strasse, grosser Garten, heile Welt, könnte man meinen. Die Mutter, 49 Jahre, ist Juristin. Eine Frau, die es gewohnt ist, rational zu argumentieren. Bei einem Kaffee in ihrer Küche schildert sie nüchtern die Probleme ihres Sohnes. Die Reaktion der Eltern und der Schule aber habe sie verletzt, sagt sie. Ihr Name und Wohnort soll hier zum Schutz des Kindes nicht stehen.

«Ich bin die Mutter des Kindes, das euer Kind gehauen hat, oder vielleicht auch mal getreten oder geschubst. So ein Kind gibt es doch in jeder Klasse. Eins, das den Unterricht stört und sich nicht gut im Griff hat, ein Aussenseiter. Ich bin die Mutter dazu. Wenn andere Kinder meinen Sohn ärgern oder ihm etwas kaputt machen, lässt er seiner Wut freien Lauf. Er kann da nicht an sich halten. Fehlende Impulssteuerung nennt man das, ich hätte euch das gerne erklärt. Ich bin die Mutter des Kindes, zu dessen Geburtstag ihr eures nicht geschickt habt. Ich finde, ihr hättet absagen können.

Stattdessen sind ein paar von euch zur Polizei gegangen, nachdem mein Sohn euren gehauen hatte. Er hatte wohl etwas kräftiger zugelangt. Ihr wolltet ihn deshalb gleich anzeigen, einen Sechsjährigen! Das war noch ziemlich zu Anfang der ersten Klasse. Da hätte ich schon wissen müssen, dass es schwer wird für meinen Sohn in dieser Klasse und in dieser Gesellschaft.

«Ein Kind ist nicht aggressiv. Für mich jedenfalls setzt das Wort eine Absicht voraus.»

Ihr habt euch mir vor der Schule in den Weg gestellt. Wart aufgebracht und voller Vorwürfe. Das müsse aufhören, habt ihr gesagt, euer Sohn hätte Angst, zur Schule zu gehen. Ich verstehe euch sogar ein Stück weit. Wäre es umgekehrt, wäre ich auch sauer. Und hätte vielleicht auch gedacht: Was ist das nur für ein Kind? Aber genau das ist er doch. Er ist nur ein Kind. Er ist nicht aggressiv, wie ihr gesagt habt. Und wie es auch die Lehrerin schnell formuliert hat. Ein Kind ist nicht aggressiv. Für mich jedenfalls setzt das Wort eine Absicht voraus, dass man jemandem extra wehtun will. Mein Kind will eurem Sohn nichts Böses. Im Gegenteil, er mag ihn und wollte ihn auch nach diesem Streit unbedingt zu seinem Geburtstag einladen.

Ich wollte euch das erklären damals vor der Schule. Habe gesagt, dass wir das Problem kennen und dass wir jetzt einen Schulbegleiter suchen, dass das aber dauert. Ihr habt nur geantwortet, dass ihr darauf drängen werdet, dass es schnell geht und dass sich sonst eben ein paar zusammentun werden und ihn verprügeln werden. Das habt ihr wirklich gesagt. Und dann heisst es, mein Kind sei aggressiv.

«Wir hatten nur drei Kinder eingeladen. Am Ende kam eins.»

Mit der Geburtstagseinladung habe ich trotzdem versucht, euch ein Stück weit die Hand zu reichen. Da hätten wir mal in einem weniger aufgeheizten Umfeld sprechen können. Ihr habt meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ignoriert. Vielleicht wollten eure Kinder ja wirklich nicht kommen. Aber habt ihr auch überlegt, wie es für meinen Sohn war? Wir hatten nur drei Kinder eingeladen. Am Ende kam eins. Der Mutter bin ich dankbar. Ihr Sohn ist selbst ein Wilder, darum hat sie Verständnis. Die zwei haben dann dagesessen und Muffins gegessen. Mein Sohn hat sich nichts anmerken lassen. Aber ich leide da.

Man fühlt sich hilflos, wenn diese Vorwürfe kommen. Am Ende vom Kindergarten fing das an: Mit Ihrem Sohn stimmt was nicht. Er ist grob zu anderen Kindern. Er ist schlecht erzogen. Ich stand da wie bedröppelt, habe mich entschuldigt und gesagt, dass es mir leidtue. Dabei ist genau das falsch. Ich muss mich nicht entschuldigen. Das hat mir auch ein Sozialarbeiter erklärt. Vielleicht habe ich ihn nicht besonders toll erzogen, aber seine Probleme kommen nicht daher, sondern von seiner Krankheit. Er hat ADHS. Das wussten wir damals noch nicht. Er kommt mit grossen Gruppen einfach nicht gut klar. Dieses Im-Kreis-Sitzen und sich zugehörig fühlen, das fällt ihm schwer, das ist typisch für ADHS. Heute weiss ich das. Heute geht mir auch die Kritik nicht mehr so nah.

«Ich hätte mir gewünscht, dass ihr mich direkt ansprecht.»

Damals im Kindergarten war ich am Rande meiner Kräfte. Es war ohnehin eine schwere Zeit, weil meine Ehe gerade in die Brüche ging, und ich Existenzängste hatte. Natürlich hat das auch meinem Sohn zu schaffen gemacht. Ich hätte ihn gerne davor bewahrt, aber ich wurde ja selbst verlassen. Und dann hört man noch von allen Seiten, dein Sohn hat dies gemacht, er hat das gemacht. Ein paar von euch wollten ihre Kinder aus der Kindergartengruppe nehmen. Das war schon hart.

Ich hätte mir gewünscht, dass ihr mich direkt ansprecht. Jeder geht mit so einer Situation anders um, aber ich bin da sehr offen. Ich erzähle gerne, was los ist mit meinem Sohn. Das Schwierige bleibt aber, dass ich selbst nicht dabei bin, wenn es passiert. Nicht im Kindergarten und auch jetzt nicht in der Schule. Ich kann nicht für ihn vermitteln, und ich kann ihn auch nicht beschützen. Ich muss mein Kind da jeden Morgen hinschicken und habe dann Angst, dass wieder etwas passiert.

Wer hilft einem Kind wie unserem?

Zu Hause haut er nicht. Zu Hause ist er ein liebes, verschmustes Kind, das noch Halt sucht. Wenn er keinen Druck hat, ist er aufgeweckt und neugierig und fantasievoll. Er kann dann stundenlang alleine spielen. Ich höre ihn in seinem Kinderzimmer reden. Er denkt sich da die tollsten Geschichten aus. Aber er tut auch mir manchmal weh. Das kann sogar bei einer Umarmung passieren, weil er seine Kraft nicht so gut dosieren kann. Ich sage ihm das dann einfach. Er macht das ja nicht mit Absicht. Ich glaube, wenn man das den Kindern erklären würde, würden die das verstehen. Wenn aber Eltern und sogar Lehrer sagen, dieses Kind ist ein Böser, dann übernehmen die Kinder das natürlich.

«Ich weiss nicht, wie viele Nächte ich wach gelegen habe aus Sorge um mein Kind.»

Wer hilft einem Kind wie unserem? Mit der Frage habe ich mich ganz schön alleingelassen gefühlt. Ich weiss nicht, wie viele Telefonate ich geführt habe. Gefühlt war ich sein erstes Schuljahr nur damit beschäftigt und mit meiner Scheidung. In unserem ganzen Landkreis gibt es nur eine Förderschule. Aber die ist auf Kinder mit Lernverzögerungen spezialisiert. Mein Sohn ist normal intelligent. Sie haben ihn nicht genommen. Als Gastkind in einer Förderschule im Nachbarlandkreis hast du keine Chance. Also blieb uns nur die Regelschule. Ich musste darauf vertrauen, dass er dort gut aufgehoben ist. Nur das Gefühl habe ich leider nicht.

Die Lehrerin hat ihn schon in der allerersten Woche an einen Einzeltisch gesetzt. Zuerst dachte ich, die ist ja clever, dass sie ihn gleich so im Blick hat. Aber inzwischen denke ich, dass vielleicht doch etwas durchgesickert war, dass er Probleme machen könnte. Für ihn jedenfalls war das schlimm. Er hat gespürt, dass er nicht aufgenommen war in der Klasse. Und das hat ihm natürlich zu schaffen gemacht. Und dann hat er versucht, sich zu wehren. Auf seine kindliche Weise.

Grenzen setzen, Hilfe holen

Ich weiss nicht, wie viele Nächte ich wach gelegen habe aus Sorge um mein Kind. Ich frage mich, wie er jemals Freude am Lernen entwickeln soll, wenn er so viel Zurückweisung erfährt. Einmal hat er gesagt, dass es ihm so leidtäte, dass er nicht richtig sei. Ich fand das ganz schlimm. Er kann doch nichts für seine ADHS. Und er kann auch nichts dafür, dass seine Eltern sich getrennt haben.

Ihr wart nicht alle so. Es gab auch Eltern, die Verständnis hatten. Die Direktorin sagte, er habe keine Freunde, aber das stimmt nicht. Es gab Kinder, die ihn akzeptiert haben, wie er war. Kinder, die ihn mochten. In seiner Klasse war ein Junge, der ist super mit ihm umgegangen. Einmal habe ich gehört, wie er gesagt hat: «Das hat mir wehgetan. Das darfst du nicht mehr machen.» Das hat mein Sohn dann auch verstanden. Die beiden haben schön miteinander gespielt. Wenn mein Kind also wieder mal haut, wäre es gut, ihr würdet eurem Kind genau das sagen. Setz eine Grenze, lass es dir nicht gefallen. Hol dir notfalls Hilfe. Ich glaube daran, dass Kinder das lernen können. Sprecht auch mich direkt an. Nicht mitleidig und nicht hintenrum. Und ladet ihn vielleicht doch mal ein. Trotz allem.

«Ich bin nicht grundsätzlich gegen Medikamente, aber sie sollten nicht leichtfertig verabreicht werden.»

Ich habe jetzt viel über Inklusion gelesen: Kindern, denen es grundsätzlich möglich ist, an der Regelschule zu lernen, sollen das auch tun. Nicht das Kind soll sich dafür ändern, sondern die Schulen. Aber dafür brauchen sie nicht nur mehr Personal, sie müssen das auch wollen. Das spüre ich aber nicht. Der Hausmeister hat die Schulbegleiterin meines Sohnes mit den Worten begrüsst: «Na, ob sie da was ausrichten können, wage ich zu bezweifeln.»

An der Schule hiess es: Was ist das für ein Kind? Und dass er unbedingt Medikamente brauche, als ob ein Lehrer das beurteilen könnte oder dürfte. Bei meinem Sohn sind noch nicht einmal die Diagnosen vollständig abgeschlossen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Medikamente, aber sie sollten nicht leichtfertig verabreicht werden. Seine ältere Schwester hat ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, und wir haben es lange mit Medikamenten probiert. Geholfen hat es wenig. Dafür sagte sie irgendwann, sie könne nicht mehr lachen. Da haben wir es abgesetzt. Jetzt geht es auch ohne.

Würde man positiv mit Inklusion arbeiten, müsste in einer Klasse ganz bewusst für mehr Ruhe gesorgt werden, denn Lärm und Unruhe stresst ADHS-Kinder mehr als andere. Der Unterricht müsste zulassen, dass Kinder in ihrem eigenen Tempo lernen. Und die Lehrer müssten mehr auf die Fortschritte der Kinder schauen als auf ihre Defizite. Wünschen wir uns das nicht eigentlich für alle Kinder?

Viele Eltern aber sehen vor allem ihr eigenes Kind. Sie sorgen sich, ob ein Störenfried wie meiner das Fortkommen ihrer Kinder behindern könnte. Die individuelle Leistung ist der wichtigste Wert an der Schule. Dabei könnte es doch auch um die Gemeinschaft gehen. Um die Frage, wie man sich gegenseitig hilft.

Ein Konzept fehlt

Am Ende der ersten Klasse erhielt mein Sohn dann zeitweise ab mittags Schulverbot, weil er nachmittags scheinbar besonders viele Probleme gemacht hat. Das wird einem so mitgeteilt. Die fragen nicht, wie man das als berufstätige, alleinerziehende Mutter hinbekommt.

Inzwischen haben wir die Schule gewechselt. Wir dachten, ein Neustart an einer anderen Schule ist vielleicht gut für ihn. Die Klasse dort ist kleiner, und er ist noch nicht als Störer abgestempelt.

«Ich würde mir wünschen, dass ihr meinen Sohn so nehmt, wie er ist.»

Doch an der neuen Schule geht es schon wieder los mit den Beschwerden. Ich war im September bei der Lehrerin, im Oktober, die Termine danach hat sie abgesagt. Er hat jetzt eigentlich gute Unterstützung mit einem Schulhelfer. Aber auch diese Schule hat kein Konzept, wie sie mit ihm umgehen soll. Was soll er machen, wenn er nicht mehr still sitzen kann? Das müsste die Lehrerin doch mit ihm besprechen.

Ich würde mir wünschen, dass ihr meinen Sohn so nehmt, wie er ist. Ohne Wertung. Mit ein bisschen mehr Gelassenheit oder sogar Humor.

Ich glaube, wenn er nicht ständig Druck bekäme, nicht ständig geschimpft würde, dass er den Schnee nicht anfassen soll, dass er nicht bummeln darf auf dem Weg zum Essen, wenn er mehr Verständnis für seine höchst persönliche Situation erhielte, würde er auch weniger Probleme machen. Dass er anstrengend ist, weiss ich selbst.»

Erstellt: 29.03.2019, 21:48 Uhr

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