«Früher habe ich den ganzen Tag ans Essen gedacht»

Alexandra Baumann wog 138 Kilo – dann setzte sie sich zum Ziel, auf die Rigi zu wandern. Im Gespräch erklärt sie, woher ihr Hunger kam.

Möchte auch andere dazu motivieren: Alexandra Baumann kann sich ein Leben ohne Bewegung nicht mehr vorstellen. Foto: Sabine Rock

Möchte auch andere dazu motivieren: Alexandra Baumann kann sich ein Leben ohne Bewegung nicht mehr vorstellen. Foto: Sabine Rock

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Alexandra Baumann (41) lebt in Langnau ZH. Sie arbeitet Teilzeit in der Kommunikation der reformierten Kirche der Stadt Zürich und als Journalistin, unter anderem für diese Zeitung. 2017 nahm sie sich die Rigi-Besteigung zum Ziel – und schaffte die Wanderung im September dieses Jahres. Über ihren Kampf gegen das Übergewicht schreibt sie einen Blog.

Vor knapp einem Jahr haben Sie sich einer Magenbypass-Operation unterzogen. Was hat sich seither verändert?
Es ist ein episches Wort, aber ich nutze es nun trotzdem: alles.

Sie haben sichtlich abgenommen. Wie viele Kilos?
30. Aber die äussere Veränderung ist nur das eine. Dazu kommt eine Leichtigkeit im Dasein. Die habe ich so 25 Jahre lang nicht mehr empfunden. Das Thema Gewicht war für mich so lange Zeit von Hoffnungslosigkeit geprägt. Was auch immer ich versucht habe – Weightwatchers, E-Balance, Fasten etcetera –, ich konnte nichts daran ändern. Ich habe zwar kurzfristig Gewicht verloren, aber sofort wieder zugenommen.

Der klassische Jojo-Effekt.
Genau. In meiner schwersten Phase habe ich 138 Kilo gewogen, bei einer Grösse von knapp 1 Meter 60... Mit dem Magenbypass tut sich nun etwas in die richtige Richtung. Das heisst, ich bin nicht nur leichter, ich habe auch wieder Vertrauen in mich gefasst. Ich sehe, dass ich etwas schaffen kann, was mir jahrelang unmöglich schien. Und ich traue mich auch öfters mal Nein zu sagen. Früher dachte ich immer, allen entgegen kommen zu müssen, damit ich gemocht werde.

Warum konnten sich so viele Kilos ansammeln?
Das ist eine schwierige Frage (schweigt länger). Ein wenig spielt wohl die genetische Veranlagung eine Rolle. Dass ich immer Bürojobs hatte, hat sicher auch nicht geholfen. Ebenso wenig, dass ich ständig gehänselt worden bin. Der Hauptgrund war aber mein unkontrolliertes Essverhalten in den letzten Jahrzehnten.

Als wie bewegungsfreudig würden Sie sich bezeichnen?
Ich war ein bewegungsfreudiges Kind, habe mir die Bewegungsfreude aber auch später, trotz Übergewicht, bewahrt.

«Meine Grossmutter hat mir zur Beruhigung Essen gegeben.»

Der Zwölf-Minuten-Lauf war aber wohl nicht Ihr Ding?
Allerdings nicht. Ich habe am Sporttag sogar eine Kollegin engagiert, die für mich gerannt ist (lacht). Mit dem Sportunterricht hatte ich zwar meine liebe Mühe, zumal ich in der Pubertät so richtig zugenommen habe. Aber bewegt habe ich mich trotzdem immer gerne, vor allem in der Natur. Sonst wäre ich 2012, als ich mit meinen Internetblogs angefangen habe, wohl nicht auf die Idee gekommen, mit meinen 125 Kilogramm die kleine Runde am Sihltaler Frühlingslauf zu joggen. Das sind immerhin 5 Kilometer.

Trotzdem haben sich ungesund viele Kilos angesammelt.
Leider ja, ich gelte als adipös (schweigt länger). Ich glaube, ich habe den Ursprung für meine Esssucht gefunden.

Nämlich wo?
In meiner Kindheit. Und zwar dank meinem Personaltrainer Steve Husistein, mit dem ich seit 2017 unregelmässig, seit dem Frühling wöchentlich trainiere. In einer Hypnosetherapie wollten wir meinem Kopfhunger auf den Grund gehen. Diesem Hunger ohne körperliche Ursache. Da sind bei mir Kindheitserinnerungen aufgekommen... Ich war dreijährig und wartete bei meinen Grosseltern darauf, dass eine mir nahestehende Person mich abholt. Die kam jedoch nicht. Ich fühlte mich im Stich gelassen, weinte und steigerte mich in eine Panik rein. Meine Grossmutter versuchte, mich zu trösten, und hat mir zur Beruhigung etwas zu essen gegeben. Da stellte ich zum ersten Mal die Verbindung «Essen = Trost» her.

«Früher habe ich den ganzen Tag ans Essen gedacht.»

Das erleben viele Kinder so.
Und bei Tausenden von Kindern führt das nicht zu einer Essstörung. Aber in meinem Fall haben wir diesen Augenblick als den ersten von vielen eruiert, der zu meiner Essstörung beigetragen hat. Damals begann ich, in Momenten der Wut, der Traurigkeit und aus Trotz zu viel zu essen. Meine negativen Gefühle waren dadurch kurzzeitig gedämpft – die Probleme jedoch nicht gelöst. Während der Hypnose habe ich alles noch einmal durchlebt, die Ohnmacht, die Traurigkeit und das drückende Völlegefühl, das auf das sinnlose Reinstopfen folgte.

Dieses trotzige Reinstopfen hat sich als Muster eingeschliffen?
So könnte man es sagen. Ich habe aus vielen Gründen gegessen. Wenn ich gefrustet war, weil ich nicht mitgehen konnte zum Shoppen, weil ich nicht in die Kleider hineingepasst hätte. Wenn ich verliebt war. Wegen Trennungsschmerz. Wenn mir wieder jemand geraten hatte, ich solle weniger essen und mich mehr bewegen… Ich habe mir einen Schutzmantel angegessen. Das Verrückte ist, dass ich während den Mahlzeiten gar nicht besonders viel gegessen habe. Aber zwischendurch. Früher habe ich den ganzen Tag ans Essen gedacht. Wann ich wieder etwas bekommen würde. Jetzt nicht mehr.

Seit 2012 sprechen Sie in Internet-Blogs offen über Ihr Übergewicht. Sie wirkten ausgesöhnt mit der Situation. Was hat schliesslich den Ausschlag gegeben für die Operation?
Dass meine Ärzte bei mir 2015 Diabetes diagnostiziert haben. Das war der Wendepunkt. Ich wusste: Genetische Voraussetzungen dafür gibt es keine in meiner Familie. Ich musste es mir allein zuschreiben, dass es soweit gekommen war… Diese Schuldgefühle, auch meinen Eltern gegenüber, die alles versucht haben... Entschieden habe ich mich aber am Morgen meines 40. Geburtstags. Obwohl ich viele Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich energielos. Da war mir klar: So kann es nicht weitergehen.

«Ein Teller Pasta geht nicht mehr.»

Ein Magenbypass ist aber ein enormer Eingriff.
Der Magen-Darm-Trakt wird umgebaut, ja. Der Magen wird verkleinert und ein Teil des Dünndarms umgeleitet. Daher der Name Bypass. Dadurch können sich Nahrung und Verdauungssäfte erst später vermengen, und ein Teil der Kalorien wird nicht verdaut, sondern direkt ausgeschieden.

Droht dadurch nicht ein Mangel an Nährstoffen?
Doch. Ich muss ein Mikronährstoff-Präparat nehmen. Dafür brauche ich die Medikamente gegen Diabetes und Bluthochdruck nicht mehr.

Wie hat sich Ihr Essverhalten seit der Operation verändert?
Zu Beginn hatte ich nach wenigen Kaffeelöffeln genug. Aber mittlerweile kann ich beispielsweise einen normalgrossen Teller Salat mit Pouletbrust essen. Ein Teller Pasta geht dagegen nicht mehr.

«Ich möchte anderen Übergewichtigen Mut zusprechen.»

Sie hatten in den letzten sieben Jahren immer ein Ziel, zuerst 5 Kilometer zu joggen, dann den Graus vor dem Bergaufgehen zu überwinden. Beides haben Sie mit dem Sihltaler Frühlingslauf und der Rigibesteigung geschafft. Wie sehen die künftigen Ziele aus?
Als nächstes möchte ich gegen den Wintermuffel in mir ankommen. Und eine Schneeschuhtour machen. Für 2020 wäre ein Ziel, eine ganze Woche durch die Schweiz zu wandern, zum Beispiel vom Boden- bis zum Genfersee.

Und wie viele Kilos möchten Sie noch verlieren?
Da setze ich mir bewusst kein Ziel. Irgendwo in meinem Hinterkopf spukt zwar die Zahl von 65 Kilogramm herum. Im Alter von 13 Jahren wog ich letztmals so wenig, damals empfand ich das letzte Mal Befriedigung beim Blick in den Spiegel. Aber vielleicht bin ich schon zufrieden, wenn ich 90 Kilogramm erreiche. Sicher ist, dass ich mein Ziel bis in einem Jahr erreicht haben sollte. Danach lässt die Wirkung des Magenbypass nach.

Was gibt Ihnen eigentlich das Schreiben der Blogs?
Zuerst ging es darum, Druck aufzubauen, damit ich nicht locker lasse beim Training für den 5-Kilometer-Lauf. Mittlerweile stehen zwei Dinge im Vordergrund: Ich verarbeite vieles beim Schreiben. Und ich möchte anderen Übergewichtigen Mut zusprechen. So viele Leute haben das Vorurteil, Dicke seien disziplinlos und dumm. Wenn ich da zu etwas mehr Respekt beitragen kann, lohnt sich der Aufwand für mich allemal.

Erstellt: 11.10.2019, 17:44 Uhr

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