Miesepeter sterben früher

Optimisten werden älter – ihre Gefässe verkalken nicht so rasch, mit Stress können sie besser umgehen, und Entzündungen im Körper klingen schneller ab.

Daumen hoch: Optimismus lässt sich trainieren. Foto: Getty Images

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Spätestens die vielen schwermü­tigen britischen Beamten haben gezeigt, dass der Volksmund wie so oft recht hat. Die Whitehall-Studien, benannt nach den Ministerien und Verwaltungszentralen im Zentrum Londons, erbrachten in den späten 1980er-Jahren mit einer beeindruckenden Teilnehmerzahl den Nachweis, dass Menschen, die niedergeschlagen sind, chronisch unzufrieden im Beruf und die mit ihrer Lebenssituation hadern, öfter erkranken und früher sterben als ausgeglichene, zuversichtliche Gleichaltrige.

Waren in der Medizin zuvor nur harte Messwerte und körperliche Einschränkungen wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin oder Diabetes als Risikofaktoren für Infarkt, Schlaganfall und andere Gebrechen anerkannt, setzte sich fortan – wenn auch langsam – die Erkenntnis durch, dass die Psyche ebenfalls einen gehörigen Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden hat. Kummer schlägt aufs Herz, Sorgen drücken auf den Magen, die Angst sitzt im Nacken – es gibt zahlreiche ­Redewendungen, die den Zusammenhang zwischen Seele und Körper, Befinden und Befund bildhaft ausdrücken.

Dabei geht es nicht nur um kleine Befindlichkeitsstörungen. Erst kürzlich hat eine Untersuchung mit mehr als 70'000 Teilnehmern im Fachblatt PNAS gezeigt, dass Frauen wie Männer, die zum optimistischen Viertel ihrer Altersgruppe gehören, eine zwischen 11 und 15 Prozent höhere Lebenserwartung haben als jene Miesepeter, die dem besonders pessimistischen Viertel zuzuordnen sind. Die Chancen, 85-jährig oder älter zu werden, liegen für Optimisten deshalb deutlich höher.

«In der Forschung wurden schon früh zahlreiche Biomarker für Krankheiten und vorzeitigen Tod identifiziert, aber wir wissen noch ziemlich wenig darüber, welches die positiven psychosozialen Faktoren sind, die zum gesunden Altern beitragen können», sagt Studienleiterin Lewina Lee. «Un­sere Untersuchung zeigt, dass Optimismus die Lebensspanne deutlich verlängern kann. Und interessanterweise lässt sich diese Einstellung mit vergleichsweise einfachen Techniken und Therapien erreichen und verbessern.»

Frauen und Männer profitieren auf erstaunlich ähnliche Weise

Die Untersuchung ist auch deshalb von einer gewissen Wucht, weil nicht nur die Teilnehmerzahl so gross war, sondern sich der Befund in zwei unterschiedlichen Kohorten bestätigte. Zudem war der Zuwachs an Lebenserwartung in beiden Gruppen und bei Frauen wie Männern erstaunlich ähnlich.

Wie eine wohlwollende und zugewandte Sicht auf die Welt dazu beiträgt, das Leben zu verlängern und Schutz vor Krankheiten zu bieten, ist im Detail zwar noch unklar. «Man weiss aber, dass optimistische Menschen ihre Gefühle besser regulieren können und dazu in der Lage sind, mit Stressfaktoren und Schwierigkeiten besser umzugehen», sagt Laura Kubzansky von der Harvard University in Boston, die ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war.

Zwar schütten auch Optimisten unter Belastungen etliche Stresshormone aus, ihr Blutdruck steigt, die Gefässe stehen stärker unter Druck, und das Immunsystem wird in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Der Organismus von Optimisten ist aber offenbar besser und schneller dazu in der Lage, diese aufgeregte Situation zu entschärfen und die destruktive Wirkung der Stressmoleküle und anderer schädlicher Signale abzupuffern.

Umgekehrt lagern sich in den Blutgefässen von Pessimisten eher Cholesterinkristalle, Zellbestandteile und Gerinnsel ab, sodass ein früher Engpass droht. Und wer ­sowieso ständig schlecht gelaunt, schnell genervt und bei jeder ­Kleinigkeit verärgert ist, mutet seinem Organismus eine chronische Stressreaktion zu. Adrenalin und Kortisol werden dann vermehrt ausgeschüttet, auch Entzündungszeichen wie das C-reaktive Pro­tein sind bei Pessimisten in höheren Konzentrationen vorhanden. ­Diese Alarmreaktion des Körpers kann alle Organsysteme angreifen – Ärger, Wut und Stress schwächen sogar die Knochen.

Je nachdem, an welcher Stelle ihres Körpers die Menschen besonders empfindlich sind, reagiert jeder auf seine Art. Der eine bekommt Magendrücken oder Kreuzschmerzen, bei anderen ächzen Muskeln und Gelenke, das Herz spielt verrückt, und plötzlich ist da dieser Schwindel.

Der «dicke Hals» hat eine körperliche Entsprechung

Zahlreiche Studien haben mittlerweile den Zusammenhang von ­Psyche und Körper eindrucksvoll belegt. Die molekularen und neurobiologischen Spuren einer nega­tiven Einstellung lassen sich für verschiedene Krankheiten und in diversen Körperteilen nachweisen. So haben Menschen mit depressiver Neigung fast ein dreimal so hohes Risiko an einem Herzinfarkt zu sterben wie Nichtdepressive, die im gleichen Alter sind. Umgekehrt bleibt der Bypass nach einer Herzoperation bei jenen Patienten erheblich länger offen, die frohgemut und optimistisch in die Zukunft schauen. Die Innenwand der Blutgefässe von übellaunigen Menschen und Pessimisten verkalkt und verdickt hingegen erheblich früher als die von heiteren Zeitgenossen.

Ähnliches hatte sich bereits vor Jahren in einer Studie an einer Gruppe Sarden gezeigt. Bei jenem Anteil der italienischen Inselbewohner, die zumeist schlecht gelaunt und garstig zu ihren Nachbarn waren und ausdauernd negativ in die Welt blickten, waren die Wände der Halsschlagadern deutlich dicker als bei freundlicheren Zeitgenossen, die ihren Mitmenschen nicht von vornherein Böses unterstellten und zuversichtlich in die Zukunft sahen. Der sprichwörtlich dicke Hals hat demnach eine körperliche Entsprechung. Zudem gelten verdickte Wände der Karotiden, wie die grossen Arterien im Hals in der Fachsprache genannt werden, als Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall.

«Als Ärztin schätzte ich es sowieso, wenn die Menschen positiv eingestellt sind», freute sich Hilary Tindle von der University of Pittsburgh, als sie vor ein paar Jahren an einer grossen Studie beteiligt war, die zeigen konnte, dass optimistische Frauen länger lebten als ihre misstrauischen und feindseligen Altersgenossinnen. «Dafür gibt es nun wissenschaft­liche Belege. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine negative Haltung schlecht für die Gesundheit ist.» Der Körper kann es offenbar auf Dauer nicht ertragen, wenn er von einem missmutigen Geist bewohnt wird.

Mit Optimismus ist nicht unbedingt grundlose Heiterkeit gemeint. Vielmehr geht es um eine von Wohlwollen geprägte Lebenseinstellung, zu der eben auch die Erwartung gehört, dass sich die Zukunft schon zum Guten wenden wird. Die Harvard-Forscher, die an der jüngsten Untersuchung beteiligt waren, betonen zudem, dass Optimismus ein egalitäres Gut ist – er ist für alle da, und es ist allen möglich, eine entsprechende Haltung zu erreichen. Schliesslich zeigt sich der Nutzen einer positiven Einstellung unabhängig von sozialer Schicht, Bildungsgrad oder Einkommen – und lässt sich sogar bei jenen nachweisen, die sich ansonsten gar nicht gesundheits­bewusst verhalten.



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Erstellt: 15.12.2019, 20:26 Uhr

So werden Sie Optimist

Die Differenz entsteht durch die Sichtweise: Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, unterscheidet Optimisten von Pessimisten. Eine optimistische Geisteshaltung ist teilweise genetisch programmiert, sie kann aber – bis zu einem gewissen Grad – auch erlernt werden. Wer etwa jeden Tag aktiv fünf Minuten seiner Wunschzukunft nachträumt, wird optimistischer, wie eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte. Den gleichen Effekt erzielt gemäss einer anderen Studie ein Achtsamkeitstraining. Daneben gibt es unzählige weitere Tipps und ebenso viele einschlägige Ratgeber.

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