Wenn Empörung an die Stelle von Vernunft tritt

Jeder könne heute alles sagen, heisst es immer. Das stimmt nur halb. Wie zwanghaftes Moralisieren die Debatte verunmöglicht.

Plakate am Frauenstreik vom 14. Juni 2019 in Luzern: Rund herum hielten sich kritische Stimmen lieber zurück, um keinen Shitstorm zu riskieren. Foto: Keystone/Alexandra Wey

Plakate am Frauenstreik vom 14. Juni 2019 in Luzern: Rund herum hielten sich kritische Stimmen lieber zurück, um keinen Shitstorm zu riskieren. Foto: Keystone/Alexandra Wey

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Immer, wenn sich mal wieder jemand über den Zwang zum politisch Korrekten beklagt, über moralisch immer enger gezogene Korsette, gendergerechte Sprache und die Forderung, auf alle möglichen marginalisierten Gruppen Rücksicht zu nehmen, hört man dieselbe Antwort: Das treffe überhaupt nicht zu. Linke Sprech- und Denkverbote seien ein Phantasma, jeder könne heute alles sagen. Man müsse halt auch mit Kritik rechnen – und mit Gegenwehr. Und es stimmt: Gerade in den sozialen Medien wird viel geschrieben, was die Verfasser besser für sich behalten würden.

Es trifft aber ebenfalls zu, dass Empörung zunehmend an die Stelle von Vernunft tritt. Noch nie war es so einfach, öffentliche Kampagnen gegen missliebige Positionen oder Menschen zu führen. Es gibt viele Beispiele von Shitstorms oder Schmähkampagnen gegen Professoren, Intellektuelle, Künstler, oder auch Journalistinnen, die als reaktionär gebrandmarkt werden, als rassistisch oder transphob, etwa weil sie ein falsches Personalpronomen für eine Person verwenden.

Oder weil sie in der Vorlesung darauf hinweisen, dass es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Oder weil sie auf einem queeren Wandgemälde eine schwarze Lesbe mit zu dicken Lippen und eine Transfrau, die nicht glücklich genug in die Welt guckte, gezeichnet haben, wie das dem Schwulcomix-Zeichner Ralf König passiert ist.

«Es gibt im modernen Netzfeminismus eine Sehnsucht nach Reinheit und eine Unfähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten.»

Nun kann man argumentieren, dass man das eben aushalten müsse. Doch es geht dabei nicht nur um die betroffenen Individuen – natürlich geht es bei solchen Kampagnen immer auch darum, öffentlichen Druck zu erzeugen. Und infolge dieses Druckes kann es zu Verwarnungen oder Entlassungen kommen, manchmal ziehen sich Sponsoren zurück, weil solche Shitstorms das öffentliche Ansehen beschädigen. Entsprechend vorsichtig sind viele Journalisten, Professoren und Intellektuelle bei manchen Themen geworden.

Das zeigte sich zuletzt rund um den Frauenstreik. Privat merkten viele Männer an, dass sie dazu schon noch ein paar Fragen hätten. Journalisten fragten sich, ob die Medien sich nicht zu sehr mit der Sache gemeinmachten. Öffentlich dazu stehen wollte kaum jemand.

Um das zu tun, muss man schon «Arsch in der Hose haben», wie die Philosophin Svenja Flasspöhler es nennt. In einem Interview mit der deutschen «Tageszeitung» fasste die Chefredaktorin des Philosophie-Magazins, eine ebenso dezidierte wie umstrittene Feministin, zusammen, was ihrer Meinung nach im linken – und feministischen Diskurs heute schiefläuft.

Indirekt wurde Flasspöhlers Kritik der Diskursverweigerung also bestätigt. 

Aggressives Moralisieren habe die kritische Auseinandersetzung ersetzt, statt mit Argumenten hantiere man heute lieber mit Gefühlen, um Wirkung zu erzeugen. Dasselbe wirft sie der MeToo-Debatte und damit dem sogenannten Hashtag-Feminismus vor, der die Frauen in die Opferrolle zwinge und zu einem moralischen Totalitarismus führe. Und dass Kritik daran sofort dazu führe, dass die Kritiker in eine rechtsreaktionäre Ecke gedrängt würden.

Wie um ihre Thesen zu bestätigen, reagierten die tonangebenden deutschen Feministinnen denn auch eher verächtlich. Exemplarisch sei hier «Spiegel»-Kolumnistin Margarete Stokowski erwähnt, die zum Vorwurf Flasspöhlers, sie werde als Nazi verschrien und Feministinnen verweigerten den Diskurs mit ihr, twitterte: «Uff, hartes Schicksal.» Andere hielten ihr vor, die Kritik sei so widersprüchlich, dass sich eine inhaltliche Auseinandersetzung damit verbiete. Indirekt wurde Flasspöhlers Kritik der Diskursverweigerung also bestätigt.

Auch Alice Schwarzer als Rassistin angegangen

Man kann Flasspöhlers Thesen zu MeToo ablehnen, doch sie trifft wunde Punkte: Sie hat recht, dass eine Bewegung wie MeToo sich ohne ein Mindestmass an Selbstdistanz ad absurdum führt. Gerade weil die Bewegung so erfolgreich war, braucht es eine neue Objektivierung, die nun die Bewegung selbst in den Blick nimmt und ihre Grenzen aufzeigt. Und ja, es gibt auch im modernen Netzfeminismus und bei den Linken eine Sehnsucht nach Reinheit und eine Unfähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten. Lieber geht man Kritikern aus dem Weg, blockiert sie auf Twitter, diffamiert sie und spricht nicht mehr mit ihnen. Und manche Kollegen grüssen nicht einmal mehr.

Davon kann nicht nur Flasspöhler berichten, sondern auch Alice Schwarzer, die immer wieder aggressiv als Rassistin angegangen wird, weil sie gegen das Kopftuch ist.

Es sind diese Dynamiken, die die öffentliche Debatte beschädigen – und zu einer immer weiteren gesamtgesellschaftlichen Zersplitterung führen. Weshalb wir alle gut daran täten, uns mit Empörung etwas mehr zurückzuhalten und uns etwas mehr mit Argumenten zu beschäftigen.

Erstellt: 29.06.2019, 09:18 Uhr

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