Mit der Mondlandung hausiert

Vor der Zeit des Internets scheute der Tages-Anzeiger keinen Aufwand, um bei Grossereignissen unter die Leute zu kommen.

Tagi-Redaktoren verkaufen 1969 am Stauffacher eine Extraausgabe zur Mondlandung. Foto: Jack Metzger/TA (Zentralbibliothek Zürich)

Tagi-Redaktoren verkaufen 1969 am Stauffacher eine Extraausgabe zur Mondlandung. Foto: Jack Metzger/TA (Zentralbibliothek Zürich)

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Wenn im Zug und Tram oder gar vor der Skihütte und am Strand in Italien noch jemand die gedruckte Zeitung in der Hand hält, gibt das dem älteren Betrachter ein wohliges Gefühl. Über 100 Jahre lang, bevor Pendlerzeitungen und Internet aufkamen, gehörten richtige Zeitungen zum Inventar in der Beiz und im öffentlichen Verkehr – während heute jeder an seinem Handy herumfingert. Das 125-Jahr-TA-Jubiläum ist Anlass für ein Schwelgen in den guten alten Zeiten, als der Tagi noch kiloschwer war, den Verkäufern nachts im Niederdorf aus den Händen gerissen wurde und der Verlag bei historischen Ereignissen Plakate und Sondernummern druckte.

Der Tagi war von Anfang an ein «Familienblatt», wie es in der ersten Ausgabe 1893 fast ein bisschen selbstironisch angepriesen wurde, «das nicht nur die Männer mit Politik langweilt, sondern auch den Frauen eine ansprechende und unterhaltende Lektüre bietet». Und als kleine Spitze gegen die alte Tante NZZ, die damals schon 113 Jahre alt war: Der Tagi solle so gehalten sein, «dass er von jedermann gelesen und verstanden werden kann».

In seinen ersten 50 Jahren war der «Tages-Anzeiger» eine einzige Bleiwüste – ohne Luft und aktuelle Bilder. Und doch entwickelte er sich rein aufgrund seines Inhalts prächtig. Mitte der 50er-Jahre war die Auflage mit knapp 150'000 bereits so gross wie heute. 1964 wurde die Frühzustellung eingeführt, 1966 kam der «Stellenanzeiger» hinzu, 1970 «Das Magazin», 1982 der «Züritipp» und 1987 die «SonntagsZeitung». Das grosse Ziel einer Auflage von 300'000 erreichte der damalige Chefredaktor Roger de Weck (1992–1997) nie ganz. 1999 kam die Gratiszeitung «20 Minuten» auf den Markt, die später von Tamedia übernommen wurde. Vor allem aber: Seit über zehn Jahren ist der «Tages-Anzeiger» mit seinen Inhalten auch online sehr präsent.

Druckfrische Tagi 1989 in Arosa – die Verteilung war bei späten Ereignissen sehr aufwendig. Foto: PD (Zentralbibliothek Zürich)

Ende der hektischen 60er- und in den 70er-Jahren gab es weder Lokalradios noch Lokalfernsehen, keine Sonntagszeitungen und kein Internet. In dieser Zeit setzte der Verlag alles daran, die Bevölkerung bei Grossereignissen aktuell zu informieren – koste es, was es wolle. Tragödien und Sensationen ereigneten sich in dieser Zeit viele. Zum Beispiel die erste Mondlandung am 21. Juli 1969. Der Tagi druckte frühmorgens eine vierseitige Extraausgabe, die Redaktorinnen und Redaktoren, Techniker und übermüdete Drucker am Morgen in der Stadt verkauften. «20 Rappen war der Preis», erinnert sich der damalige Jungredaktor Wilfried Maurer. Man sei zum Schluss gekommen: «Was nichts kostet, ist nichts wert.» Das System «20 Minuten» war noch nicht erfunden.

Plakate aufhängen statt Internet

Der Sonderdruck zeigt auf der Front in einem seitengrossen, grob gepixelten Bild Neil Armstrongs ersten Schritt auf dem Mond. Das einzige scharfe Foto ist dem Papst gewidmet, der im Observatorium des Vatikans in den Himmel blickt. In einem Eigeninserat schreibt der ­TA-Verlag, man «scheue weder Mühe noch Überstunden», um die Leser zu informieren. Eine Extraausgabe druckte der Tagi auch 1968 beim Attentat auf ­Robert Kennedy.

Wenn es für ein Extrablatt zeitlich nicht reichte, druckte der TA zeitungsseitengrosse Schriftplakate auf dünnem Karton. Zum Beispiel am 6. September 1970, dem Knabenschiessen-Sonntag. Palästinenser hatten am Nachmittag eine Swissair-Maschine auf dem Flug Zürich–New York zur Landung in der jordanischen Wüste in Zerka gezwungen. Der TA druckte bis zur Freilassung der ersten Geiseln drei jeweils aktualisierte Plakate. Wer via Telefonalarmliste verfügbar war, hängte diese in der Stadt und an der grossen Chilbi im Albisgüetli auf.

Als am 6. März 1971, einem Samstag, bei einem Brand in der Psychiatrischen Uniklinik Burghölzli 28 Patienten starben, reichte es nicht zu einer Extraausgabe. «Wir mussten zuerst unsere Reporter aufbieten, und dann kamen diese nicht mehr zur Redaktion durch», berichtet Zürich-Redaktor Wilfried Maurer. «Die Kommunikation funktionierte erst, als uns Direktor Ambros Uchtenhagen sein Büro samt Telefon überliess.» Bildfunk und Fax gab es noch nicht; die Fotografen mussten ihre Filme zuerst im Labor entwickeln.

Helis flogen den Tagi nach Zermatt, die SBB warteten beim WM-Final.

Auch nur zu Plakaten reichte es 1972 beim Überfall auf das olympische Dorf in München. Weitere Extraausgaben, die bereits 50 Rappen kosteten, waren: die Verschiebung der Quaibrücke am Samstag, 17. März 1984, und der Luftkrieg gegen den Irak am 17. Januar 1991. Die zweitletzte Extraausgabe druckte der TA beim Swissair-Absturz mit 229 Toten am 3. September 1998 bei Halifax. In dieser Ausgabe wird bereits auf die TA-Website verwiesen. Das vielleicht letzte aktuelle Extrablatt kam am 20. März 2003 heraus, als die USA frühmorgens, wenige Stunden nach Redaktionsschluss, den Irak angriffen.

Dass der TA in Vor-Internet-Zeit keinen Aufwand scheute, zeigen weitere Beispiele. «Als Zermatt eingeschneit war, liessen wir die Zeitungen mit dem Heli hochfliegen, als einzige Zeitung», erinnert sich der damalige Vertriebschef Gilbert Hirzel. Auch während der Fussball-WM 1994 in den USA zog der TA alle Register. «Wir dealten mit den SBB aus, dass der letzte Zug nach Chur in Thalwil etwas länger wartete, damit wir unsere Zeitungssäcke einladen konnten», erzählt Hirzel. Und so war der Matchbericht mit dem Sieg Brasiliens gegen Italien nach Penaltyschiessen auch im Engadin und Tessin zu lesen.

Lektüre im Bundeshaus: SP-Nationalrätin Regine Aeppli und Bundesrat Moritz Leuenberger. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Seit man den Tagi auf das Tablet laden kann, sind die Zeitungsverkäufer verschwunden. Von 1970 bis 2010 wurden jeden Abend im Hauptbahnhof ab 23.15 Uhr druckfrische Zeitungen verkauft, bis 2006 auch im Niederdorf. «Wir hatten in Restaurants und Wurstständen eine treue Stammkundschaft», erinnert sich Gilbert Hirzel. Und ab 5.30 Uhr verkaufte der legendäre Bruno Klingler neben der Rolltreppe im HB seine Tagi.

Beim Glas Wein der Zeit voraus

Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger erinnert sich: «Vor 30 Jahren rief der nächtliche Zeitungsverkäufer in der Bodega oder im Odeon: ‹Das isch dr Tagi vo morn!› Kauften wir ihn beim späten Glas Wein, waren wir unserer Zeit voraus. Lese ich heute den Tagi beim Frühstück, dämmert mir: Das las ich doch schon online, das ist der Tagi von gestern!»

Zeitungen vertragen war in den 90er-Jahren Schwerarbeit. Ein Tagi wog fast ein Kilo. Allein der «Stellenanzeiger» war bis zu 120 Seiten dick. Die gefaltete Zeitung passte nicht mehr in die Briefkästen. Tagi und «Stellenanzeiger» waren die «Milchkuh» des Verlags. Heute sind Auto-, Immobilien- und Stelleninserate samt Börsenkursen ins Internet abgewandert. Und doch freuen sich noch immer Hunderttausende auf den druckfrischen Tagi am Morgen im Briefkasten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 22:42 Uhr

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