«Ich bin glücklicher als damals, als ich 200'000 Franken verdiente»

Hans Peter Meier war Extrembergsteiger und IT-Spezialist, führte ein Jetsetleben, verfiel dem Alkohol. Heute verkauft er «Surprise». Trotzdem möchte er nicht zurück.

Hans Peter Meier: «Ich schätze, dass ich heute mit 2000 bis 3000 Franken pro Monat lebe.» Fotos: Andrea Zahler

Hans Peter Meier: «Ich schätze, dass ich heute mit 2000 bis 3000 Franken pro Monat lebe.» Fotos: Andrea Zahler

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Sie hatten einen Spitzenlohn, dann verloren Sie alles. Was ist der grösste Unterschied, wenn man viel oder wenig Geld hat?
Wer viel Geld hat, hat viele Verpflichtungen, und wer wenig hat, weniger. Ich fühle mich freier mit weniger Verpflichtungen.

Wo trifft man die besseren Menschen, unter den Armen oder den Reichen?
Das kann man nicht verallgemeinern. Ich traf tolle Menschen bei den Bankern, andere waren nicht so toll. Dasselbe jetzt: Manche sind super, bei anderen denke ich: Mit dieser Lebenseinstellung kannst du doch nicht durch die Welt gehen. Als es mir schlecht ging, wechselten manche Kollegen von früher die Strassenseite, wenn sie mich sahen. Da musste ich zum Teil ziemlich einstecken. Jetzt ist das nicht mehr der Fall.

Wie muss man sich Ihren Tagesablauf als «Surprise»-Verkäufer und Stadtführer vorstellen?
Ich stehe um 4.30 Uhr auf und fange um 6.30 Uhr mit der Arbeit an. Meistens arbeite ich bis 18.30 Uhr, manchmal auch bis 21 Uhr.

Und die Arbeit befriedigt Sie?
Anfangs haderte ich, mittlerweile gefällt es mir. Ich mag es, die Welt und die Menschen quer durch alle Schichten zu beobachten. Der Job hat auch einen sozialen Aspekt, viele ältere Menschen kommen, um zu plaudern, manchmal aber auch Bundesräte – mit mir kann jeder reden, weil ich total bedeutungslos bin, es ist sogar noch chic. Das kann auch eine Freiheit sein.

Wie alt waren Sie, als es mit der Karriere losging?
Nach einer Lehre als Fotoverkäufer suchte ich mit 26 einen Job mit Zukunft. Es hiess, dass man in der IT ein Leben lang immer Arbeit haben werde. Am Anfang war das auch so. Bis 1993 hatte ich keine Sorgen, mit jedem Jobwechsel verdiente ich ein paar Tausender mehr.

Wie viel verdienten Sie zu Spitzenzeiten?
200'000 im Jahr.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Ich glaube nicht, dass ich mich wahnsinnig veränderte – ausser, dass ich eben nicht mehr viel Inhalt im Leben hatte. Ich hatte eine normale Wohnung für 1500 Franken, aber ich gab das Geld trotzdem fast so schnell aus, wie ich es einnahm.

Dann müssen Sie aber ganz schön auf den Putz gehauen haben. Beschreiben Sie mal einen typischen Ausgang.
Man ging essen, schon am Mittag, vielleicht in die Kronenhalle oder ins Baur au Lac. Abends in den Ausgang bis spät, öfter mal ein Wochenende in Singapur oder Bali. Wir hatten auch einen Männerclub, trafen uns einmal pro Woche. Da gab jeder pro Abend auch locker 2000 bis 3000 Franken aus. Trotzdem weiss man, dass man im Vergleich zu denen, die wirklich Geld haben, ein armer Schlucker ist.

Vergleicht man sich immer?
Ich nicht. Aber ich fand es lustig, dass Banker, die bis zu einer Million im Jahr verdienten, immer das Gefühl hatten, wir in der IT verdienten noch viel mehr.

Fühlt man sich mit Geld akzeptierter?
Man lebt eher in einer Parallelwelt, weil man sich alles leisten kann und Geld einfach da ist. Ich gab es aber auch sehr locker aus. Wenn ich wusste, es geht jemandem nicht gut, steckte ich ihm etwas zu oder lud ihn zum Essen ein.

Hatten Sie das Gefühl, Sie seien reich?
Nein. Für mich zählte immer der innere Reichtum. Er ist die Voraussetzung, auch finanziell reich sein zu können.

Sagten Sie nicht, dass Sie in dieser Zeit eben keinen inneren Reichtum empfanden?
Damals nicht. Zuvor schon und danach auch, aber während dieser Phase nicht.

Waren Sie verheiratet?
Ich heiratete mit 37 und führte zweieinhalb Jahre eine Ehe. Dann merkte ich, dass dieses Konzept nichts für mich ist.


«Ich sparte beim Essen, aber nicht beim Trinken. Ab einer gewissen Anzahl Bier hat man keinen Hunger mehr.»

Warum haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?
Beim Scheidungsgericht wurde der Alkohol angeführt, aber das war nicht der Hauptgrund. Sie war Russin, und ihr Bruder versprach ihr ein Geschäft, mit dem sie reich werden könne. Zusammen wollten sie der Russenmafia Rohdiamanten abluchsen und in Westeuropa verkaufen. Ich erklärte ihr, das sei eine schlechte Idee, aber sie wollte nicht hören und liess sich von mir scheiden, weil sie glaubte, mit Diamanten reich zu werden. Deshalb verzichtete sie auch auf alle Ansprüche, was mich damals überraschte. Ihr Bruder wurde dann erschossen.

Wie begann Ihre Sucht?
Beim Alkohol geht das schleichend, nicht wie bei anderen Drogen, die man ein paarmal nimmt, und dann ist man süchtig. Es ging über Jahre. Erst merkt man es gar nicht, denkt, man habe es im Griff. Anfangs trank ich jedes Jahr zwei bis drei Monate gar nicht, um zu sehen, ob das geht. Irgendwann machte ich das nicht mehr, und das war der Zeitpunkt, als das Ganze kippte.

Wurde der Alkohol bei der Arbeit zum Problem?
Mit der Zeit. Bis 40 kann der Körper den Alkohol gut abbauen, da merkt das Umfeld nicht so viel, auch wenn du stark trinkst. Aber mit den Jahren baut man schlechter ab, kriegt eine Ausdünstung, und dann merkt man es.

Mit 43 verloren Sie dann Ihren Job. Wie war das?
Ich war sehr optimistisch, bald wieder etwas zu finden, und machte erst mal neun Monate Ferien in Südostasien. Als ich zurückkam, war ich mehr oder weniger pleite. Dann kam die harte Landung, ich bekam keinen Job mehr. Ich begann also mit Gelegenheitsjobs bei der Stadtreinigung, putzte die Strasse, leerte Abfalleimer, baute Ausstellungen auf und ab. Es war nicht wie früher, aber es reichte zum Leben.

Wie schwierig war die Umstellung?
Am Anfang haderte ich sehr, aber mit der Zeit entdeckte ich eben auch die Freiheiten, die man in einer solchen Situation hat.

Wie lange ging es, bis Sie sich auf die neue Lebensrealität eingestellt hatten?
Drei bis vier Jahre. 2008 begann ich «Surprise» zu verkaufen. Ich trank damals sehr viel, dort wurde es dann sehr eng mit den Finanzen. 2010 hörte ich mit dem Trinken auf.

Wie viel verdienten Sie in dieser Zeit?
Ich weiss es nicht, aber es war knapp. Erst als ich bei Surprise Stadtführer wurde, stabilisierte sich die Situation. Heute bin ich glücklicher als damals, als ich viel Geld verdiente.

Wie haben Sie Ihre Sucht finanziert?
Ein Süchtiger kann das immer. Ich sparte beim Essen, aber nicht beim Trinken. Ab einer gewissen Anzahl Bier hat man keinen Hunger mehr. Andere machen krumme Sachen, Einbrüche und so.

Haben Sie so etwas auch getan?
Nein. Es gab Zeiten, da ass ich ein, zwei Wochen gar nichts mehr, weil kein Geld da war, ich trank nur. Ich wusste damals auch nicht, an wen ich mich wenden könnte. Später bekam ich dann Gutscheine einer sozialen Institution und wusste danach auch, wo man gratis essen kann, wenn man bedürftig ist.

Wie sind Sie vom Alkohol losgekommen?
Eines Tages begann ich, mich darauf zu konditionieren, dass ich irgendwann aufhören muss. Eineinhalb Jahre später hörte ich auf, von einem Tag auf den anderen. Das Wichtigste ist die Einsicht. Ich halte nichts von der Methode des Blauen Kreuzes, bei der man dauernd das Bekenntnis wiederholt, man sei süchtig. Das ist Selbstsuggestion. Selbst wenn man nicht mehr konsumiert, bleibt man süchtig.

Den Entzug haben Sie ohne ärztliche Begleitung gemacht?
Der hat mich schon durchgeschüttelt, aber ich halte nichts von Ersatzdrogen. Heute trinke ich vielleicht zwei-, dreimal pro Jahr ein Glas Wein. Ich sage immer, ich will selber entscheiden, wann ich trinke.

Da muss man einen wahnsinnigen Willen haben.
Ich war Extrembergsteiger, da braucht man einen wahnsinnigen Willen.

Warum haben Sie mit dem Bergsteigen aufgehört?
Alle, die regelmässig mit mir zu Berg gingen, sind irgendwann dabei umgekommen – immer ohne mich. Irgendwann wusste ich: Wenn ich nicht aufhöre, sterbe ich. Damit ging aber auch ein grosser Teil der Identität verloren.

Mit wie viel Geld leben Sie heute?
Beim Verkaufen von «Surprise» verdient man je nach Verkauf. Ich schätze, dass ich heute mit 2000 bis 3000 Franken pro Monat lebe.

Wenn eine gute Fee kommen und Ihnen Ihren alten Job anbieten würde: Würden Sie zusagen?
Es müsste schon ein sehr tolles Angebot sein. Ich werde im Herbst 61, muss also nicht mehr so lange machen. Ich sage immer: Wenn wirklich alles stimmt, würde ich es vielleicht machen, aber im Prinzip gefallen mir meine Freiheiten.

Erstellt: 24.08.2019, 08:07 Uhr

Zur Person

Hans Peter Meier (61) wäre gern Psychologe oder Philosoph geworden, entschied sich dann aber für eine Fotoverkaufslehre. Nach zehn Jahren im Beruf entschied er sich 1984 für eine Zweitausbildung als IT-Spezialist und machte schnell Karriere. Mit 43 verlor er seinen Job und arbeitete bei der Stadtreinigung, bis er auch diese Arbeit verlor – und wegen eines Alkoholproblems keine mehr bekam. Heute arbeitet er als Verkäufer des Strassenmagazins «Sur-prise» und als Surprise-Stadtführer. (red)

Sommerserie

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