Mobilisier deinen Sisu, Boludo!

Wie bitte? «Hygge» und «lagom» sollen die Wörter sein, auf die die Welt gewartet hat? Wir hätten da noch ein paar ganz andere Vorschläge. 19 unübersetzbare, aber eigentlich unverzichtbare Wörter.

Mit «pochmelitsja» bekämpft der Russe seinen Kater: Freiluft-Theke in Moskau. Foto: AP, Keystone

Mit «pochmelitsja» bekämpft der Russe seinen Kater: Freiluft-Theke in Moskau. Foto: AP, Keystone

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Es ist nicht schwer zu erklären, weshalb das dänische «hygge» gerade um die Welt geht. Es bezeichnet eine gut beheizte Gemütlichkeit, in die sich viele angesichts von Wirbelstürmen, Atomdespoten und Massenflucht gern verkriechen würden. Es gibt schon «Hygge»-Heftli am Kiosk. Und nun kommt, weil der Kult befeuert werden muss, bereits ein nächstes Wort aus Skandinavien: das schwedische «lagom», das exakt das richtige Mass beschreibt, nicht zu viel und nicht zu wenig.

Wir meinen: Es gibt noch viel schönere Wörter, die globale Verteilung erfahren müssten. Weil sie nützlich sind. Dank ihnen kann auch der letzte Boludo genug Sisu aufbringen, um diese dreichen Zeiten durchzustehen. Vielleicht geht es nicht ohne Nadryw , aber am Ende ist der Weg wieder aper , wartet ein Utepils . Wer diese Vokabeln nicht lernt, dem wird das Gurrli gefienggt .

Wenn der Weg schneegeräumt und wieder begehbar ist, so ist er in weiten Teilen der deutschen Schweiz «aper», «aber» oder «arber». Das Wort gibt es seit Jahrhunderten, bei Zwingli ist einer «lang in dem schneeglanz gewandlet und demnach in aabre grüene ort kumet». Es wäre problemlos global übertragbar auf von Hochwasser, Geröll und Flugsand befreite Wege; schon heute soll es ein Haupt «frei von Haaren» bezeichnen können. (dhe)

Russen leiden. An der Welt, an den Mitmenschen, an sich. Oft tun sie das still, beim Gläschen Wodka (siehe «pochmelitsja»), manchmal aber muss ihr Weltschmerz hinaus. Dann explodieren die Gefühle, brechen alle Dämme. Das ist der Moment des «Nadryw». Dostojewski liess seine Helden in Nadryws durchs Leben taumeln. Die Russen folgen ihm noch heute. (bo)

Die verbale Ikone des argentinischen Spanisch schlechthin. Bedeutet «Blödmann», ist abgeleitet von «bola», Ball. Der Boludo ist einer, der grosse Bälle (also Hoden) hat, sich deshalb ungeschickt ­bewegt und dumm wirkt. Das Wort wird als Beleidigung verwendet, aber auch als umgangssprachlich-lockere Ansprache. Selbst für Frauen, denn es existiert eine weibliche Form: die «Boluda». (ben)

Wenn jemand Bücher kauft und stapelt, um sie später zu lesen, dann nennen die Japaner das «tsundoku», oder als Verb: tsundoku-suru. Das eher seltene Wort setzt sich aus dem Schriftzeichen für «stapeln» und jenem für «lesen» zusammen. Bei Intellektuellen gilt tsundoku als Hinweis auf Ambitionen, neue Projekte. Sagt man es aber von einem Schüler, so heisst das, er sei lesefaul. (nh)

Er unterläuft jedem ab und zu, und manche Schweizer Komiker leben erstaunlicherweise davon: Im Malaiischen ist «Jayus» ein Witz, der so unlustig ist, dass man darob trotzdem lachen muss. (phz)

Ist der Tag nicht nur nass, sondern auch dunkel, so heisst er in Schottland «dreich» (gesprochen: driich). Das Adjektiv stammt ab vom altnorwegischen «drjúgr», was mit «erdulden», «aushalten» zu tun hat; ein zu erleidender Tag. «Dreich» wird fast nur für Witterungszustände verwendet; dreiche Menschen aber nennt man «dour» (duah), freudlos, hart, unlustig. (dhe)

Irgendwo im Mittelland mögen sie die Leute in den Senkel stellen, ihnen die Kutteln putzen oder die Kappe waschen. Zählt alles nicht. Bei uns daheim, im Oberbaselbiet, da rufen sie von tief hinten in ihrem Hals: «Dir sollte man s’Gurrli fiengge!» Das ist mehr als eine Zurechtweisung. Es ist Hoffnung. Egal, wie verrückt die Welt ist: Fiengg ihr das Gurrli, dann wird sie besser. (los)

Die Lexika übersetzen es mit «Kraft», «Ausdauer», «Kampfgeist», aber das sind Annäherungen. Das finnische «Sisu» bedeutet: Grimmiger Mut, selbst in hoffnungsloser Lage. Es kommt von «sisä», dem Innersten. Ursprünglich war es negativ besetzt, stand für Rücksichtslosigkeit. Spätestens im Winterkrieg aber wurde der Biss zur Tugend. (dhe)

Es war eine lange Nacht, Wein und Wodka flossen. Der Morgen ist grauenvoll, die Welt dreht sich, der Magen auch, der Kopf ist Schmerz. Wenn der Alkoholspiegel jetzt zu schnell sinkt, führt das zum Kollaps. Deshalb schnell ein Schluck Bier, eine Pause, noch ein Schluck Bier. Schön langsam. Bis der Kater friedlich den Körper verlässt. Das stete Einträufeln von linderndem Alkohol heisst im Russischen «pochmelitsja». Glückliches Volk, das diesen Prozess mit einem Wort benennen kann. (bo)

Unübersetzbare Wörter faszinieren Linguisten und Möchtgern-Sprachforscher; jedes Jahr erscheinen Bücher zum Thema. Zuletzt: «Tingo» von Adam Jacot de Boinod. Das titelgebende Wort soll aus der Osterinselsprache Rapa Nui stammen: «Den Nachbarn bestehlen, indem man alle seine Dinge Stück für Stück ausleiht und nicht zurückgibt.» Wenn es nicht wahr ist, so ist es gut erfunden. (dhe)

Eine Lösung, die «verhebet», erfüllt ihren Zweck auch morgen und übermorgen noch. Obwohl sie nicht genial ist, oder gerade deswegen. Genial ist aber das Wort. Zum einen, weil es eine semantische Lücke füllt, die das Schriftdeutsche offen lässt. Zum anderen, weil es so bezeichnend für den Schweizer Nationalpragmatismus ist wie wenig anderes. (ben)

Eines der schönsten deutschen Worte wurde von den Nationalsozialisten am gründlichsten missbraucht und hat trotzdem überlebt. Denn es meint eben keine Nation und auch kein Vaterland, sondern ein Gefühl. Heimat impliziert Geborgenheit, Identität, Verortung. Und sie kommt ohne Gewehre und Nationalhymnen aus. (jmb)

Eigentlich einfach, meint man: «ute» heisst auf Norwegisch draussen, «pils» bedeutet Bier. «Utepils» ist das Draussenbier, Bier, das man draussen trinkt. Die Norweger aber hören in dem Wort die Melancholie ihres absurd langen Winters, aufgelöst in der Glückseligkeit, die das erste wieder unter freiem Himmel getrunkene Bier erzeugt. (ese)

Das Japanische kennt sechs Grundgeschmäcker, neben süss, sauer, bitter und salzig eben auch «umami» und «shibui». «Umami» (oben) steht für den speziellen Geschmack, der etwa Bündnerfleisch, getrockneten Tomaten und Parmesan gemein ist: das schweizerdeutsche «räs» kommt dem Wort am nächsten. Mit Glutamat wird «umami» künstlich erzeugt. «Shibui» steht für das Bittersäuerliche unreifer Früchte, vor allem von Kaki. Aber man kann auch «shibui» gekleidet sein: ­dunkel, zurückhaltend, stimmig. (nh)

Neben «spailp», dem überraschenden Kuss, ist «aiteall» eines der schönsten Worte des irischen Gälisch: Es bezeichnet ein sonniges Intervall zwischen zwei Regenschauern. Den Moment, da der Himmel aufreisst und alles glitzert. (dhe)

Ein Wort so treffend wie schön. Sich unruhig im Bett wälzen, die Bettlaken hin und her ziehen, immer wieder das Kissen neu platzieren – «fägnäschte». Gibt es im Schriftdeutschen ein Wort, das diese Tätigkeit auch nur annähernd so pointiert ausdrückt? Natürlich nicht. Ein Satz wie «Sie isch am Fägnäschte» ist unübersetzbar. (ben)

Manche Wiener haben sie einfach: Diese Mischung aus Charme und Witz und Schlagfertigkeit. In jeder Situation den richtigen Kommentar finden, ein wenig provokant, ein wenig geschmacklos. Wer es dabei übertreibt, gerät ins «Schmähtandeln», was von der Umwelt dann weniger geschätzt wird. Noch schlimmer ist es aber, «schmähstaad» zu sein – ausgeschossen, kein Schmäh mehr übrig. (bo)

Früher war der «Cheib» ein Stück totes Vieh, das es zu verscharren galt. Dann wurde es zum Schimpfwort: «Wenn nur der Cheib verrecken würd.» Dann, weil jeder Schuft ein bisschen bewundert wird, zur anerkennenden Bezeichnung für einen aussergewöhnlichen Menschen. Nun ist es auch ein verstärkendes Adjektiv und sogar ein Verb, etwa wenn «de cheibe Cheib de Hang abecheibet». (dhe)

Es liegt auch an der Sprache, dass Brasilien den schönsten Fussball spielt. Neben dem kommunen «jogar futebol» gibt es «brincar». Das bedeutet für sich allein «spielen», «scherzen», «herumtollen», im Fussball aber «spielen wie ein lustiger Gott». Dabei geht es um Dribblings und Tricks und weniger um Tore – ausser sie sind wunderschön. (tok)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 23:32 Uhr

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