Müssen Stelleninserate politisch korrekt sein?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema politisch korrekte Sprache.

Stelleninserate gehören zum öffentlichen Raum – entsprechend sollten sie formuliert sein. Foto: iStock

Stelleninserate gehören zum öffentlichen Raum – entsprechend sollten sie formuliert sein. Foto: iStock

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Angenommen, ich führe eine trendige Beiz. Mein Zielpublikum ist urban, jung, hip. Nun suche ich im Service entsprechendes Personal; dies sollte ebenso jung, trendy, hübsch, knackig und vif sein. Formuliere ich ein entsprechendes Inserat mit diesen Anforderungen, dann schimpft man mich sexistisch. Zu Recht? B.R.

Lieber Herr R.

Um es kurz zu machen: Ja. Denn ein Stelleninserat ist kein Partnerschaftsinserat. Ein Stelleninserat sollte so inklusiv wie möglich sein, Partnerschaftsanzeigen dürfen so exklusiv sein, wie sie möchten. Die auf Tinder oder Grindr sind eher weniger exklusiv, die in der «Zeit» wahrscheinlich eher mehr. Natürlich gibt es auch bei Stelleninseraten ausschliessende Kriterien: zum Beispiel eine fehlende Ausbildung, körperliche Untauglichkeit für einen Beruf.

Hinsichtlich anderer Kriterien ist man als Arbeitgeber indessen – mindestens, was die offizielle Ausschreibung einer Stelle angeht – nicht völlig frei. Die Grenzen dieser Freiheit werden dadurch bestimmt, was juristisch als unzulässige Ausgrenzung gilt. Und das ist gut so.

Menschen zu kränken ist kein Menschenrecht.

Ihre Freiheit, von hundert Bewerberinnen und Bewerbern die oder den Ihnen sympathischste auszuwählen, wird davon keineswegs tangiert; wohl aber die Freiheit, die Absage damit zu begründen, dass sie keinen übergewichtigen und schlecht gekleideten Hetero als Kellner in ihrer Schwulenbar haben möchten. Menschen zu kränken ist kein Menschenrecht. Wer keinen Sex mit Übergewichtigen haben möchte, muss sich nicht dafür rechtfertigen; wer das allen Leuten um sich herum auf die Nase bindet, muss sich nicht für seine sexuellen Präferenzen rechtfertigen, sondern für sein ungehobeltes Verhalten.

Im öffentlichen Raum gelten andere Regeln als im Privaten; Stelleninserate gehören zum öffentlichen Raum. Es gibt ein Interesse der Gesellschaft, private Aversionen den öffentlichen Frieden nicht beeinträchtigen zu lassen. Nichts anderes meint die viel gescholtene politische Korrektheit. Man kann einwenden, mit der politischen Korrektheit werde es übertrieben. Erschröckliche Beispiele von den Verhältnissen an US-Universitäten gibt es gewiss. (Amerika wurde bekanntlich eigens dafür erfunden, abschreckende Beispiele von lustigen Gesetzen zu liefern. So ist es in Idaho verboten, auf einem Kamel sitzend zu angeln.)

Allerdings kann man auch beim Essen übertreiben (in Amerika gibt es eine Frau, die wiegt 350 kg!) und bei vielen anderen Dingen. Sie mögen die gesellschaftliche Selbstbeschränkung Heuchelei nennen; ich nenne sie Zivilisation.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.06.2019, 09:43 Uhr

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