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Müssen wir im Alter politisch bequem werden?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Verhältnis von Jung und Alt.

Die Klimastreiks werden getragen von jungen Menschen. Das heisst aber nicht, dass ältere sich generell nicht politisch engagieren. Foto: Keystone
Die Klimastreiks werden getragen von jungen Menschen. Das heisst aber nicht, dass ältere sich generell nicht politisch engagieren. Foto: Keystone

Jugendliche gehen auf die Strasse, gelten als kreativ und als systemkritische Kraft – ist das so? Liegt es in der Natur, im Alter bequem auf dem Sofa zu sitzen? Weil man hofft, die Jugend verändere die Welt dann schon zum Guten? Oder kann man auch im fortgeschrittenen Alter Kampfgeist entwickeln?S. H.

Liebe Frau H.

Es gibt mindestens ein Argument, das der Behauptung widerspricht, die Jüngeren engagierten sich auf der Strasse, während die Älteren immer bequemer würden: die Stimm- und Wahlbeteiligung. Die nimmt mit dem Alter nicht ab, sondern zu. Die Alten beteiligen sich dabei häufiger regelmässig, die Jüngeren eher selektiv an Abstimmungen. Also: Die Jungen sind nicht generell politisch desinteressiert. Die Alten aber auch nicht generell «bequem».

Was die systemkritische Haltung der Jüngeren angeht: Systemkritisch zu sein, ist nicht gleichbedeutend damit, links-grün zu wählen. Auch die AfD ist systemkritisch. Bei den letzten Landtagswahlen in Deutschland kamen AfD und Grüne bei den Wählern und Wählerinnen zwischen 18 und 29 Jahren auf je knapp über 20 Prozent. Noch mehr AfD-Wählerinnen gab es bei den bis 59-Jährigen: Bei ihnen drückt sich die «Kritik am System» in einer Zustimmungsrate von circa 30 Prozent aus.

Was ich damit sagen will, ist, dass die einfache Einteilung der Welt in Jung (= engagiert, zukunftsorientiert, ökologisch, fortschrittlich) und Alt (= bequem, festgefahren, reaktionär, Umweltsau) die politische Realität nicht abbildet, sondern ein ideologisches Konstrukt ist. In der «Natur» liegt in dieser Hinsicht ohnehin nichts: In verschiedenen Gesellschaften und in unterschiedlichen Klassen ist das Verhältnis von Jung und Alt jeweils anders, und es ändert sich je nach Situationen auch jeweils anders. Wenn die ältere Generation in Frankreich für ihre Renten kämpft, ist das dann kein Ausdruck eines um die Zukunft besorgten Kampfgeists?

Es gibt nicht einfach eine «Zukunft» jenseits aller sozialer Interessen und Unterschiede. Die jetzt Lebenden sind nicht bloss Erfüllungsgehilfen einer künftigen Gesellschaft. Die Zukunft kann auch eine faschistische Utopie völkisch reiner Gesellschaften bedeuten. Man muss sich also vor einer Fetischisierung der «Zukunft» und der «zukünftigen Generationen» hüten.

Zukunft ist nicht etwas, angesichts dessen alle Interessenkonflikte verstummen müssen. Zur Politik gehört es ohnehin, Konflikte mit Hinblick auf die Zukunft auszuhandeln. Dazu gehört es auch, die Lebensbedingungen künftiger Generationen zu bedenken – in politischer Weise.

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