Nachts um drei, das Herz rast

Immer mehr Menschen bekennen im Internet, dass sie unter Ängsten leiden. Immer mehr Ängstliche geben ihnen Rat. Nimmt die Angst zu oder bloss das Reden über sie?

Die Prozac-Jahre sind weggeträumt – was bleibt, ist der gebrochene Blick. Foto: Lauri Rotko (Getty)

Die Prozac-Jahre sind weggeträumt – was bleibt, ist der gebrochene Blick. Foto: Lauri Rotko (Getty)

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Sarah Fader, Autorin, 37 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Jüdin, Katzenliebhaberin, wohnhaft in Brooklyn, New York: Sie leidet an einer Krankheit, welche die Psychiatrie als «generalised anxiety disorder» klassifiziert, einer allgemeinen Angststörung. Diese Angst hindert die Frau aber nicht daran, die Welt von ihrer Störung zu unterrichten. Im Gegenteil. Sarah Fader unterhält eine Kolumne in «Psychology Today», dem be­kannten Psychologie-Magazin, die Kolumne heisst ­«Panic Life» und handelt davon. Sie hat schon acht Bücher geschrieben oder herausgegeben. Über ­unmögliche Kinder, leidende Mütter und darüber, was Menschen mit psychischen Störungen durchmachen: Alkoholiker, Depressive, Maniker, Psychotiker, Phobiker. Selbstmordversuchte, Anorektikerinnen, Bulimikerinnen. Liebeskranke. Opfer von sexuellem Missbrauch. Und Angstgetriebene.

Zudem twittert Sarah Fader mit manischer Intensität, manchmal verschickt sie über 50 Nachrichten pro Tag, mit Selfies illustriert. «Liebe ist ­etwas Idiotisches. / Leute, die mich kennen lernen, finden mich lustig, dann beginne ich sie zu lang­weilen. / Wenn ich keine Antwort bekomme, verzweifle ich. / Ich werde heute wieder mein Gesicht vollweinen. / Hey, ich habe einen neuen Thera­peuten. / Der Nachmittag bricht über mich herein. / Mein Herz ist schwer. Panik. Man wirft mir vor, meine Gefühle über Twitter auszukotzen. / Verschicke ich zu viele Selfies?»

Tausendfach vertwittert

Vor ein paar Monaten schrieb Sarah Fader den Satz, der sie berühmt machen sollte: «Ich habe nichts von meiner Freundin gehört – und denke, sie will nicht mehr meine Freundin sein.» Sie klebte den Satz an einen neuen Hashtag: #ThisIsWhatAnxietyFeelsLike, so fühlen sich Angstzustände an. Und sandte die Botschaft an ihre über 17'000 Followers. Tausende gaben ihr recht, erzählten von ihren ­eigenen Ängsten, die wiederum tausendfach ver­twittert wurden. Die Bekenntnisse fielen so zahlreich und heftig aus, dass die «New York Times» die Angstgetriebene kontaktierte und sie am Samstag mit dem Satz zitierte: «Wenn du ein menschliches Wesen bist, das im Jahr 2017 lebt und nicht ängstlich ist, stimmt etwas nicht mit dir.»

Seither schickt Sarah Fader den Artikel der «Times» in der Welt herum. Sie ist glücklich und dankbar. Zumindest vorübergehend. Sarah Fader bezeichnet sich als «Mental Health Advocate», ­Verfechterin der psychischen Gesundheit, anders gesagt: Sie hat ihre Krankheit zum Beruf gemacht. Und macht anderen Mut, ebenfalls zu ihren ­Stö­rungen zu stehen.

Das Zeitalter der Angst

Aber hat sie auch recht mit ihrer Zeitdiagnose? Hat sich das Angsthaben wirklich zum Normalzustand verbreitert? Leiden immer mehr Leute an Ängsten, oder kommt es einem nur so vor, weil so viele im Internet von diesen Ängsten erzählen?

Zum Angsthaben gibt es viele Gründe, und es produziert viele Symptome: Anschläge werden zur Normalität, die EU scheint auseinanderzufallen, der Brexit schafft Unsicherheit. Das Handy überbringt ununterbrochen Eilmeldungen, meistens von Katastrophen. Der amerikanische Präsident hat die Wahlen mit einer Angstkampagne gewonnen: Angst vor den Mexikanern, den Schwarzen, den Muslimen, dem Terrorismus. Und er macht den Amerikanern selber Angst, Demokraten wie Republikanern. Eine Umfrage der American Psychology Association ergab, dass über die Hälfte der Befragten auf Trumps Präsidentschaft mit Stresssymptomen reagieren.

Trailer «13 Reasons Why», Jugendserie über Mobbing und Selbstmord. Quelle: Youtube/ Netflix

Angstbekennende Podcasts wie «Generation ­Anxiety» bestätigen die Gefühle von Überforderung und Ängstlichkeit, die laut Untersuchungen immer mehr Studentinnen und Studenten ergreifen. Über 40 Millionen erwachsene Amerikane­rinnen und Amerikaner, das schätzen Psychiater, würden an einer Angsstörung leiden. Fernseh­serien wie «13 Reasons Why» über jugendliches Mobbing und Selbstmord sind ein Grosserfolg. Die Generation der 35- bis 45-Jährigen, schreibt der deutsche Soziologe Heinz Bude in «Die Gesellschaft der Angst», seinem weitherum beachteten Essay, lähme sich mit ihren überhohen Ansprüchen an ­Leben, Lieben und Arbeit und verzage beim Versuch der Selbstoptimierung.

Über 40 Millionen erwachsene Amerikane­rinnen und Amerikaner, das schätzen Psychiater, würden an einer Angsstörung leiden.

Kein Wunder, sind die Buchhandlungen mit Ängsten vollgeschrieben, in den USA sind Angst­bekenntnisse zu einem literarischen Subgenre herangewachsen mit Titeln wie «A Journey Through ­Anxiety», «Hi, Anxiety», «My Age of Anxiety». ­Twitter ist der perfekte Kanal für Einsame und Paranoiker. Schreiben, Schicken, Schauen.

Dabei kann sich die Angst mit anderen psychischen Krankheiten paaren oder ein Symptom von ihnen sein: Depression, Manie, Schizophrenie. Das fünfte diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen, 2013 erschienen, hat neue Krankheitsbilder ausdifferenziert, auch bei der Angst. Neben der klassischen Angststörung nennt es zum Beispiel trauma- und belastungsbezogene Störungen oder Zwangsstörungen. Immer mehr Menschen scheinen immer mehr verschiedene Ängste zu spüren. Die Prozac-Jahre sind weg­geträumt, die Burn-out-Phasen ausgebrannt, wir ­leben im Zeitalter der Angst.

«Die allgemeine Verunsicherung hat eindeutig zugenommen», bestätigt der Depressionsforscher Daniel Hell. Das habe mehrere Gründe: Der Konkurrenzdruck der jungen Generation sei härter ­geworden, zum ersten Mal seit langem hätten die ­Jungen eine schlechtere Zukunftsaussicht als ihre Eltern, selbst bei einer guten Ausbildung. «Anderseits werden Angststörungen heute häufiger ­diagnostiziert als früher. Daran hat auch die ­Pharmaindustrie ein Interesse.»

Zehntausende von Reaktionen

Kein Medium verbreitet die Angst schneller, leichter und wirkungsvoller als das Internet. «Das Netz hat die Angst als Symptom popularisiert und zu einer anerkannten Störung werden lassen», sagt die Historikerin Magaly Tornay und verweist auf eine wachsende Zahl von Internet-Plattformen, in denen die Leute sich über ihre Symptome austauschen und einander Medikamente empfehlen. «Der Hang zur Selbstmedikation nimmt zu», sagt Tornay, sie deutet es als «eine Art Selbstermächtigung»; man traue den Blog-Partnern mehr als dem Arzt.

Heinz Bude, «Gesellschaft der Angst», Kulturjournal des NDR. Quelle: Youtube/ MarcGold - Der Nachhaltigkeitskanal

Da sind die unzähligen Medikamentangebote in den virtuellen Apotheken des Darknets. Da ist ­CrazyBoards.org, ein Sammelforum für alle nur denkbaren psychischen Störungen, wobei schon die Namen darauf hinweisen, dass psychische Krankheit und Humor sicht nicht auszuschliessen brauchen. Das Forum für Essstörungen zum Beispiel heisst «Hell’s Kitchen», Höllenküche, so heisst auch ein Quartier in Manhattan. Wer sich über zwanghaftes Verhalten informieren will, erhält die Aufforderung «Bitte mehrmals klicken». Allein zur Kategorie «Panic / Anxiety Disorders» finden sich fast 2000 Unterkapitel, die von Dutzenden bis zu Zehntausenden Menschen angeklickt werden.

Dasselbe, fast obsessive Interesse am Umgang mit den eigenen Ängsten findet sich auch in anderen Ländern und Sprachen, etwa in Deutschland, wo die Plattform psychic.de/forum/ein Forum über «Ängste und Panik» anbietet mit Unterthemen wie «Tagebücher und Aufzeichnungen», «Angst vor Krankheiten», sorgfältig nach den spezifi-schen physischen oder psychischen Krankheiten gruppiert, vor denen sich die User fürchten.

Die Angst als Hochglanzmagazin

Indhira Rojas erwachte eines Nachts um drei. Ihr Herz und ihre Gedanken rasten, und es war ihr, als drücke etwas Schweres ihren Körper zusammen. Und sie fragte sich: «Was ist los mit mir?»

Rojas war in der Dominikanischen Republik aufgewachsen und in die USA gezogen. Die Grafikerin unterrichtete an der kalifornischen Kunsthochschule Design, betrieb ein eigenes Studio. «Ich verbrachte meine Tage damit, von einer Sache zur nächsten zu hetzen», schreibt sie in ihrem Blog. Dann, in jener Nacht, wurde ihr bewusst, warum sie das alles tat: weil sie sich wertlos fühlte. Weil sie beachtet werden wollte. Zwei ausgebrannte Jahre später wurde Indhira Rojas mit einem schweren posttraumatischen Stresssyndrom und einer Angststörung diagnostiziert. Grund: Die heute 34-Jährige war von ihrem 7. Altersjahr an jahrelang sexuell missbraucht worden.

Trailer «The Handmaid's Tale», neue Fernsehserie nach dem Roman von Margaret Atwood. Quelle: Youtube/ Hulu

Indhira Rojas hat offensiv auf ihr Trauma reagiert: Sie hat das kalifornische Designmagazin «Anxy» gegründet, eine ausgesprochen schön ­gestaltete Hochglanzpublikation über psychische Krankheiten und andere Gefühle. Die erste Nummer erschien im Mai, handelt von Wut und bringt unter anderem ein Interview mit der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood. «A Handmaid’s Tale», ihre Dystopie über einen totalitären Christenstaat, ist als radikal düstere Serie erschienen.

«Wir müssen das Schweigen brechen», schreibt Rojas im Internet. Hat ihr das Schreiben selber schon geholfen? Am Telefon hört man sie lachen. «Ich denke schon. Aber zunächst musste ich mir bewusst werden, dass meine permanente Selbstbeschäftigung als psychische Überlebensstrategie funktionierte. Dabei half mir die Psychotherapie am meisten.» Dennoch will sie ihr Magazin nicht als Therapieangebot oder Selbsthilfepublikation ­verstanden haben. «Davon gibt es genug», sagt sie. «Wir ziehen es vor, über Gefühle zu reden.»

Das Internet ersetzt die Nähe nicht

Wer die Aussagen von Indhira Rojas in San Francisco mit den Tweets von Sarah Fader aus Brooklyn vergleicht, sieht die Ambivalenz des Internets als Hilfsmaschine bestätigt: Rojas – die sich nicht zu ­Fader äussern möchte – scheint das öffentliche Bekenntnis genützt zu haben. Faders Flut von Selfies und Twitter klingt nach einer immer wieder aufs Neue formulierten Verzweiflung. So sieht es auch Daniel Hell, der Depressionsforscher: Das Internet könne Patienten durch Solidarisierung trösten, glaubt er, «aber es kann den direkten Kontakt einer Selbsthilfegruppe oder einer Psychotherapie nicht ersetzen». Also ist das Internet kein Ersatz für ­Intimität, lässt sich aber hilfreich mit psychotherapeutischen Methoden kombinieren. Das hat Alfred Lange nachgewiesen, der klinische Psychologe aus Amsterdam; «Interapy» nennt er seine Methode, die auch in der Schweiz angewandt wird.

Leben wir im Zeitalter der Angst? Nicht mehr als während der Völkerwanderung, zu Zeiten der Pest, bei Hungersnöten, unter der spanischen Inquisition, im Dreissigjährigen Krieg, im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg, nach Terrorakten in London, New York, Washington, Brüssel, Paris, ­Istanbul, Madrid, Jerusalem. Während der Vogelgrippe, dem Rinderwahnsinn. Als Aids aufkam.

Nicht zu denken, was der Menschheit bevorsteht, wenn das erste über die Luft übertragene tödliche Virus gegen alles immun sein wird.

Es gibt eine Website dafür.

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Erstellt: 14.06.2017, 19:12 Uhr

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