Ein Zug fuhr sie in den Tod

Die Deutsche Bahn möchte einen ICE-Zug nach der von den Nazis ermordeten Anne Frank benennen. Das ist keine gute Idee.

Die Geleise von Auschwitz gehören zu unserem Bild der Konzentrationslager. Foto: Scott Barbour (Getty Images)

Die Geleise von Auschwitz gehören zu unserem Bild der Konzentrationslager. Foto: Scott Barbour (Getty Images)

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Eisenbahnen halten die Nation zusammen, durchqueren sie täglich in Länge und Breite. Es liegt auf der Hand, sie wie Banknoten mit den Bildern und Namen nationaler Helden zu versehen. So werden die Züge zu mobilen Denkmälern, die die «imaginäre Gemeinschaft» der Nation realer machen: Intercity Henry Dunant trifft in Zürich ein, Intercity Mani Matter fährt nach Genf.

Dieser Tage hat die Deutsche Bahn erklärt, sie wolle ihre neuen ICE-Züge ebenfalls taufen – und einen davon auf den Namen Anne Frank. Dies löst Proteste aus; am Montag äusserte selbst das Anne-Frank-Haus in Amsterdam Bedenken: «Diese Benennung wird kontrovers diskutiert, und das verstehen wir.» Anne Frank, Autorin des berühmten Tagebuchs, wurde 1944 per Bahn ins Konzentrationslager deportiert und schliesslich in Bergen-Belsen ermordet. Die Verbindung von Anne Frank und Zug «weckt Assoziationen mit der Verfolgung und Deportation der Juden in der NS-Zeit», schreibt das Anne-Frank-Haus. Bei den Menschen, die die Deportationen erlitten hätten, löse die Namensgebung «erneut Schmerzen» aus.

Diese Assoziationen sind eine Tatsache. Der Massenmord des Holocausts lief, wie Historiker gezeigt haben, wesentlich über die Schienen der Deutschen Reichsbahn. Die Geleise vor Auschwitz-Birkenau gehören zum Bild, das wir heute von den Konzentrationslagern haben. Zusammengepfercht in Güterwaggons, wurden die Juden und weitere Opfer der Nazis in den Tod gefahren. Die Reichsbahn verrechnete ihnen die Transportkosten und machte so Millionengewinne.

Wurstbrot an Bord der Anne Frank

Auch Anne Frank musste am 3. September 1944 in einen Deportationszug steigen. Sie wurde 15 Jahre alt. Man muss nicht Schoah-Überlebender sein, um die Durchsage «Einfahrt des ICE Anne Frank» makaber zu finden, falsch.

Die Deutsche Bahn, letztlich Nachfolgefirma der Nazi-Reichsbahn, sollte nach Meinung mancher Experten besser ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten, als ihre Züge mit den Namen Ermordeter zu dekorieren. Die Bahn sei da «höflich gesagt sehr zurückhaltend», sagte etwa der Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel. Auch die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank forderte, die Bahn solle «Verantwortung» für ihre Vergangenheit übernehmen.

Die Deutsche Bahn hat angekündigt, die Namensgebung zu überprüfen. Ihr Ziel sei aber stets gewesen, «Persönlichkeiten zu ehren und die Erinnerung an sie wachzuhalten». Also Gedenkarbeit, nicht Gedankenlosigkeit. Bei der Auswahl ging sie volksnah vor, bat Mitte September die Öffentlichkeit um Vorschläge; 19'400 Namen gingen ein, eine sechsköpfige Jury wählte 25 Namen aus, ab 2018 sollen sie auf den Zügen stehen. Unter ihnen sind der Forscher Alexander von Humboldt, der Schriftsteller Erich Kästner, die NS-Widerstandskämpfer Geschwister Scholl und Loriot. Anne Frank aber, so die Bahn, sei einer der meistgenannten Namen gewesen.

Züge sind geschäftige Orte. Pendler hacken in Laptops, Ausflügler beissen ins Wurstbrot, Teenager knutschen. Was bringt es, ihren ICE nach Anne Frank zu benennen? Vielleicht wird Erinnerung so eher verwässert als bewahrt.

Geschichte, an der man hängen bleibt

Doch manche Historiker finden, die Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit sollte nicht nur in Museen und Schulstuben stattfinden, sondern auch im Alltag, ungeplant. Das ist etwa die Idee hinter der Aktion Stolpersteine, bei der Messingplatten mit den Namen und Lebensdaten einzelner Naziopfer in Stadtböden eingelassen werden. Geschichte, an der man hängen bleibt.

Auch ein Zug könnte Reisende unverhofft zum Nachdenken bringen. Über koloniale Vergangenheit (Intercity Alfred Escher), führende Frauen (Jeanne Hersch) oder Drogensucht (Friedrich Glauser). Mancher Zuggast nimmt vielleicht einen Satz mit, der an der Abteilwand steht. Oder googelt den Namen, den er da immer wieder liest. Aber machen wir uns nichts vor: Zugbenenner suchen nicht den Denkanstoss, sondern schöne Galionsfiguren. Das macht die Deutsche Bahn selber vor, wenn sie erklärt, ihre 25 Ausgewählten hätten gemein, dass sie alle «neugierig auf das Leben» gewesen seien. Für Anne Frank endete das Leben mit 15 Jahren. Die Nazis haben sie ermordet. Ein Zug fuhr sie in den Tod. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2017, 18:23 Uhr

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