Natur lässt Brüste stetig grösser werden

Ein Körbchen C gilt in der Schweiz als Standard. Ein B war es in den 60ern. Was ist anders?

Ein Drittel der 20- bis 30-Jährigen benötige ein C oder D bei der BH-Grösse. Foto: Getty Images

Ein Drittel der 20- bis 30-Jährigen benötige ein C oder D bei der BH-Grösse. Foto: Getty Images

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Der amerikanischen Unterwäsche-Firma Victoria’s Secret geht es schlecht. Trotz der Engel ohne Dellen und Körperfett, die in aufwendig inszenierten Shows über den Laufsteg stöckeln und mit Diamanten besetzte BHs tragen. Das Problem sind gerade die BHs, ob mit Diamanten versetzt oder nicht. Bei Victoria’s Secret hat man die Zeichen der Zeit nicht erkannt: dass Frauen keine Lust mehr haben, ihre Brüste mithilfe von rüstungsartig anmutenden Büstenhaltern ins rechte Licht zu quetschen.

Gefragt sind vielmehr Triangel-BHs und Braletts: schlichte Modelle mit Spaghettiträgern ohne Wattierung, Stützfunktion und Metallbügel. Die kommen, richtig, viel besser zur Geltung bei einem kleinen Busen, aber es geht neuerdings vor allem darum, diesen Push-up-Effekt zu vermeiden, der gemäss heutigem Modeverständnis offensiv und vulgär wirkt.

Genauso wie Hinterteile oder Lippen sind Brüste längst zu einem Accessoire geworden. Sie unterliegen – nicht anders als Schuhe, die ja ebenfalls bequemer sein sollen – Trends. Und so sind nun nach den melonenhaften Halbkugeln, die direkt unter dem Kinn zu sitzen schienen, eben mädchenhafte, möglichst natürlich wirkende Brüste en vogue.

Das machte sich in Grossbritannien bereits konkret bemerkbar, als der Verband der plastischen Chirurgen in seinem Jahresbericht 2015 festhielt, die Zahl der Brustvergrösserungen sei um ganze 20 Prozent zurückgegangen.

Junge Schweizerinnen haben mehr Brustvolumen

Vielleicht lässt sich das erlahmte Interesse an Silikonkissen tatsächlich damit erklären. Vielleicht hat es aber weniger mit einer gerade herrschenden Mode zu tun als damit, dass Brüste ganz von selbst immer grösser werden – und sie damit medizinische Eingriffe überflüssig machen.

In den letzten 12 Jahren hat sich im Vereinigten Königreich der Absatz von D- bis G-Cups verdoppelt, viele Firmen bieten mittlerweile Übergrössen wie J, K und KK an; die meistverkaufte Grösse ist die 80 DD. Auch Schweizer Unterwäschehersteller verkaufen immer mehr BHs in sogenannten Übergrössen, also ab Körbchen E. «Das Thema Big Cup beschäftigt uns stark», heisst es etwa bei Beldona. In den vergangenen Jahren habe man das Segment deshalb ausgebaut. Konkurrentin Calida bietet zwar keine Übergrössen an, verzeichnet aber ebenfalls eine gestiegene Nachfrage nach grösseren Körbchen, gerade bei jungen Frauen: Ein Drittel der 20- bis 30-Jährigen benötige ein C oder D. Ein C gilt in der Schweiz mittlerweile als Standard, in den 60er-Jahren war es noch ein deutlich kleineres B.

Im Zusammenhang mit genereller Gewichtszunahme

Auch den Schönheitsmedizinern fällt diese Entwicklung auf. Die plastische Chirurgin Cynthia Wolfensberger aus Zürich hält fest: «Dass es mehr junge Frauen mit grossen Brüsten gibt, kann ich bestätigen.» Die naheliegendste Erklärung: Die Menschen werden dicker, das wirkt sich bei den Frauen auch auf die Oberweite aus. Die Durchschnittsengländerin trägt Kleidergrösse 42; in Deutschland wurden 2007/08 im Rahmen der Studie Size Germany über 13'000 Personen vermessen. Dabei stellte sich heraus, dass sie längenmässig in den vergangenen 14 Jahren kaum mehr zugelegt hatten. Doch der Brustumfang der Frauen hatte sich um 2,3 Zentimeter gesteigert, und auch Taillen- und Hüftumfang hatten sich vergrössert.

Für die Schweiz gibt es leider keine entsprechenden Daten, aber obschon die Schweizerinnen weltweit zu den schlanksten Frauen überhaupt gehören, dürften die Ergebnisse hierzulande ähnlich ausfallen. Das heisst: Das Brustwachstum steht in einem Zusammenhang mit einer generellen Gewichtszunahme. Dennoch sind sich die Forscher einig, dass es sich dabei nur um eine von mehreren Ursachen handelt.

Denn Fakt ist auch: Junge Mädchen bekommen immer früher Brüste, was tendenziell ebenfalls zu mehr Volumen führt. Genauer untersucht haben dies dänische Forscher. In der breit angelegten Kopenhagener Pubertätsstudie beobachteten sie Tausende von Kindern. Dabei stellten sie fest, dass das Brustwachstum bei jenen Mädchen, die 2006 untersucht wurden, bereits ein Jahr früher einsetzte als bei denen, die 1991 teilgenommen hatten. Statt erst mit 11 Jahren zeigten sich die typisch weiblichen Brustknospen bereits mit 10. Die Autoren der Studie halten explizit fest: Der Unterschied lasse sich nicht mit einem höheren Gewicht erklären.

Wert 2 Millionen Dollar: Der Fantasy Bra von Victoria’s Secret. Foto: Getty Images

Es muss also andere Gründe für den früheren Wachstumsschub geben. Bekannt ist, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dank besserer Gesundheit und ausgewogener Ernährung der Pubertätsbeginn nach vorne verschoben hat: Heute setzt die Pubertät bei Knaben im Schnitt mit 12 Jahren ein, bei Mädchen mit 10 Jahren, und das führt auch zu einem früheren Brustwachstum. «Es gibt in Europa zunehmend Mädchen, die schon zwischen 7 und 8 Jahren eine Brustknospe ausbildeten», sagt Christa Flück, Hormon- und Stoffwechselspezialistin am Berner Inselspital. Sie weist darauf hin, dass die Pubertät heute insgesamt länger dauert. Denn trotz früherem Auftakt setzt die Regelblutung, die den Abschluss der ersten Entwicklungsphase markiert, heute im gleichen Alter ein wie noch vor 20 Jahren – im Schnitt mit 13. Die längere Zeitspanne, in welcher der Körper den Hormonturbulenzen ausgesetzt ist, könnte ebenfalls erklären, wieso Frauen teilweise grössere Brüste bekommen.

Die Wirkungsmacht des Sexualhormons Östrogen

Daneben werden auch Umweltfaktoren dafür verantwortlich gemacht. Unter Generalverdacht steht vor allem die Pille. Doch auch wenn sich der Mythos hartnäckig hält – deren Einnahme führt kaum zu einem signifikanten Brustwachstum. Christa Flück sagt: «Der Einfluss der Pille ist gering, und er zeigt sich nicht bei allen Frauen.» Sie betont aber gleichzeitig: «Im weiblichen Urin wird das Sexualhormon Östrogen, das in der Pille vorhanden ist, teilweise wieder ausgeschieden. Das kommt dann ins Grundwasser und in die Nahrungskette.» Dies könnte eine Erklärung für die frühere Brustentwicklung sein; belegt ist ein Zusammenhang bislang aber nicht.

Die Milch- und Fleischindustrie dagegen trifft kaum eine Schuld. Ihr wird zwar regelmässig vorgeworfen, sie verwende wachstumsfördernde Hormone, die dann auch auf die Konsumenten einen Einfluss hätten. Doch in der Schweizer Landwirtschaft ist dies explizit verboten.

Die Wirkungsmacht von Östrogen aus unserer Umwelt kennt Hormonspezialistin Christa Flück dennoch aus ihrem Praxisalltag. Zu ihr kamen schon 5-jährige Mädchen, die über eine externe Quelle wie zum Beispiel Salben das weibliche Sexualhormon aufnahmen und dann Brustknospen zeigten. Das sind Extremfälle, dennoch hält Christa Flück fest, dass inzwischen 2 von 100 Mädchen bereits mit 8 Jahren Brüste entwickeln.

Ein Kind, das schon aussieht wie eine Frau

Wie fühlt es sich an, als Zweitklässlerin vor aller Augen zur Frau heranzureifen? Die Mädchen werden von Gleichaltrigen oft gehänselt. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen einer frühen Pubertät und Depressionen sowie Essstörungen. Am Inselspital berät eine Psychologin Betroffene. Sie zeigt ihnen etwa, wie sie sich anziehen können, damit die Brüste nicht so auffallen. Und sie gibt ihnen zu bedenken, dass sie deutlich älter wirken können, als dass sie tatsächlich sind.

Ein Kind, das schon aussieht wie eine Frau, aber denkt und fühlt wie ein kleines Mädchen, das ist eine heikle Mischung. Denn was beispielsweise ein simples Austesten von Reaktionen bedeutet, kann ein junger Mann bereits als Flirten interpretieren. Das Phänomen dieses «Puberty Dismatch», also der Diskrepanz zwischen körperlicher und geistiger Entwicklung, ist bei Medizinern seit einigen Jahren ein viel diskutiertes Thema.

Aber nicht nur psychologisch ist das frühere Brustwachstum problematisch, sondern auch medizinisch. Gemäss Studien steigt das Risiko bei besonders früh entwickelten Mädchen, später an Brustkrebs zu erkranken. Und zwar schon im jungen Alter, also noch vor der Schwelle von 40 Jahren.

Wie sieht es mit den übrigen Frauen aus, die heute über mehr Brustvolumen verfügen? Untersuchungen dazu gibt es keine. Hiesige plastische Chirurginnen und Chirurgen betonen aber, dass sich jene Kundinnen, die sich ihre Brüste vergrössern und jene, die sich ihre Brüste verkleinern lassen wollten, seit Jahren ungefähr die Waage hielten.

Die Frauen scheinen also heute nicht unzufriedener zu sein mit ihrer Körbchengrösse als die Generationen vor ihnen. Allerdings auch nicht zufriedener. Bei Victoria’s Secret darf man also hoffen.

Erstellt: 16.06.2018, 20:03 Uhr

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